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22. November 2015, 19:01 Uhr

CSU-Affront gegen Merkel

Das wird sie ihm nicht vergessen

Eine Analyse von

Sie hat sich durchgesetzt gegen all die Männer, die meinten, es besser zu können: Zehn Jahre ist Angela Merkel jetzt Kanzlerin. Warum lässt sie sich da die Demütigung von CSU-Chef Seehofer gefallen? Wie wird die Rache aussehen?

Horst Seehofer redet am Pult, und nur einen Meter weiter steht Angela Merkel. Der CSU-Chef kritisiert ihre Flüchtlingspolitik, sanft kommen die Worte daher, stockend an manchen Stellen. Irgendwann verschränkt Merkel ihre Arme, die Kanzlerin, ausgeleuchtet auf der Bühne des CSU-Parteitags in München, wirkt wie dahin gestellt, als sei sie in Feindesland.

Der tadelnde Lehrer, die stumme Schülerin: Solche Augenblicke vergisst der Mensch gewöhnlich nicht, auch Angela Merkel wohl nicht.

Da können sie in CDU und CSU jetzt noch so eifrig das Ereignis kleinreden, das war ein bemerkenswerter Akt, eine Demütigung der bayerischen Art. Nun fragen sich manche in der Union: Wird das ein Nachspiel haben? Am 14. und 15. Dezember ist CDU-Bundesparteitag in Karlsruhe, eigentlich soll dort auch Seehofer reden.

Klar ist: Die Bilder aus der bayerischen Landeshauptstadt wirken nach, weit über das Wochenende hinaus. Vielleicht wird sich auch in der EU mancher Spitzenpolitiker, der mit Merkels Flüchtlings- und Quotenverteilungskurs hadert, fragen, wie viel Autorität diese Kanzlerin zu Hause überhaupt noch hat. Und ob es sich nicht lohnt, weiter zu obstruieren und abzuwarten, bis sie irgendwann ganz allein dasteht.

Merkel ist seit diesem Wochenende zehn Jahre Kanzlerin, aber München war etwas Besonderes, ein nicht zu unterschätzendes Signal: In der Demokratie lebt bekanntlich die Autorität einer Kanzlerin maßgeblich von der Unterstützung der sie tragenden Parteien, vor allem jener aus dem eigenem Lager. Zumindest bei der CSU kann sich Merkel nicht mehr gänzlich sicher sein, und auch bei der CDU gibt es nicht wenige, die den Kurs für falsch halten und sich an den Bildern von München klammheimlich freuen.

Seit Merkel im Spätsommer syrische Flüchtlinge in einem humanitären Akt aufnehmen ließ und die Zahl der Flüchtlinge bis heute nicht abebbt, vertieft sich der Dissens zwischen CDU und CSU. Daran änderte auch ein gemeinsames Papier und ein Befriedungsauftritt von Seehofer und Merkel kürzlich in der Bundestagsfraktion wenig. Nun mag man einwenden, Seehofer gefalle sich darin, mit Spitzen in interne Machtkämpfe einzugreifen. Diesmal, das muss man ihm zugutehalten, wählte er die offene Bühne gegen die CDU-Chefin. Man darf ihm also unterstellen, die Abwatsch-Wirkung bewusst einkalkuliert zu haben.

Warum ließ sich Merkel überrumpeln?

Es gibt Bilder, die erzählen mitunter auch etwas über das persönliche Verhältnis der Beteiligten. München wird dazugerechnet werden müssen. Merkel hat Seehofer oft genug auflaufen lassen, ja, seine Kritik einfach ignoriert. Jetzt hat er Rache genommen, auf seine Art, so wirkt es zumindest.

Merkel habe "keinen einzigen Satz" zum Anliegen der CSU gesagt, die Zahl der Flüchtlinge mit einer Obergrenze zu reduzieren. "Kein Zeichen der Verständigung, obwohl sie meine Position kennt", rechtfertigte Seehofer seinen Auftritt am Tag danach.

Erstaunlich bleibt, dass Merkel sich dazu hergab. Sie, die im Verlauf ihres politischen Aufstiegs gelernt hat, über die mediale Inszenierung zu wachen, war dem Seehofer-Schauspiel wie eine Anfängerin ausgeliefert. Da half nur noch das Über-Kreuz-Legen der Arme, ein gequälter Gesichtsausdruck und ein rascher Abgang.

Sicherlich, die Geschichte gegenseitiger Demütigungen gehört zur Geschichte zwischen CDU und CSU. Unvergessen, wie im November 1976 der CSU-Patriarch Franz-Josef Strauß intern preisgab, was er über den CDU-Politiker Helmut Kohl dachte: "Helmut Kohl wird nie Kanzler werden. Er ist total unfähig dazu. Ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen. Ihm fehlt alles dafür".

Was jetzt in München geschah, ist zwar weit vom verbalen Geholze damaliger Zeiten entfernt. Dafür aber ist die Wirkung subtiler: Seehofer reichte ein Tadel und eine zur Sprachlosigkeit verdammte Merkel, um seine CSU ganz groß zu machen. Zumindest für einen Augenblick. Denn auch bei der CSU wissen sie, dass es zu Merkel derzeit in der Union keine Alternative gibt.

Folgt nun die Rache? Wer die CDU und Merkel kennt, ahnt, dass sich die Vorsitzende und ihre Partei zusammenreißen werden. So dürfte es auch diesmal sein. Merkel wird München als Episode abtun, Seehofer seinen kleinen Triumph gönnen und weitermachen. Das aber kann ein Trugschluss sein: München war ein Einschnitt, so kühl ist in jüngerer Zeit keine Kanzlerin von der eigenen Klientel empfangen und verabschiedet worden.

Zehn Jahre ist Merkel seit dem Sonntag Kanzlerin, das reicht für ein dickes Fotoalbum. Seit diesem Sommer gibt es viele neue Merkel-Motive: Die "Wir-schaffen-das-Kanzlerin" mit den Selfies lächelnder Flüchtlinge und nun auch das - eine einsame Merkel, vorgeführt von Horst Seehofer.

Im Video - Seehofer düpiert Merkel:

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