Angela Merkel Feministin wider Willen

Die Bundeskanzlerin hält sich vom Thema Frauenrecht fern, wo sie kann. Dabei hat sie die deutsche Politik für Frauen umgekrempelt wie kaum jemand vor ihr - sie will es nur nicht wahrhaben.

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Angela Merkel ist eigentlich nicht um Antworten verlegen. Sie regiert dieses Land seit 13 Jahren, ständig muss sie ihre Meinung kundtun. Aber im letzten Jahr, da wusste Merkel bei einer Podiumsdiskussion plötzlich nicht, was sie sagen sollte. Sie spitzte die Lippen, wiegte den Kopf - und schwieg. Die Frage lautete: "Frau Kanzlerin, sind Sie eine Feministin?"

Die Szene, im Video dokumentiert, zeigt eine Kanzlerin, die sich windet. Als Merkel schließlich sprach, gab sie eine Antwort, die typischer nicht hätte sein können. Das Publikum könne ja darüber abstimmen, ob sie eine Feministin sei. "Ich möchte mich nicht mit den Federn schmücken." Ja, was denn nun?

Erste Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Feministin

Dabei wäre es ein Leichtes für Merkel, einfach zuzugeben: Ja, ich bin es. Erste Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Feministin.

Das bewies Merkel jüngst bei einem Auftritt in Berlin, wo sie die Festrede zum 100-jährigen Jubiläum des Frauenwahlrechts hielt. Richtiggehend gelöst wirkte die Kanzlerin, als sie vor das Publikum trat. Nichts war zu spüren von der Ernsthaftigkeit, die sonst in ihren Reden mitschwingt. Merkel sprach von der großartigen Errungenschaft des Frauenwahlrechts, und irgendwie musste sie dabei auch über sich selbst reden.

"Es soll sogar schon Fragen geben, ob es auch ein Mann werden darf. Wird mir manchmal berichtet. Hab ich mir nicht ausgedacht", scherzte Merkel. Das Publikum, überwiegend Frauen, lachte.

Noch nie war die Spitzenpolitik so weiblich wie heute

Nun wird niemand dadurch zur Feministin, dass sie eine Frau ist. Doch Angela Merkel hat etwas bewegt für Frauen in Deutschland, für Frauen in der Politik. Noch nie war die Spitzenpolitik der Bundesrepublik so weiblich wie heute, hatten Frauen so viel Macht. Sie besetzen Ministerposten, sie führen Parteien und Fraktionen.

Im Kanzleramt hat Merkel die Frauen um sich gesammelt, ihre engsten Vertrauten sind Büroleiterin Beate Baumann und Kommunikationschefin Eva Christiansen. Von vier Staatsministerposten sind drei weiblich besetzt. Und vier von acht Stellen im Rang einer Abteilungsleitung haben im Kanzleramt Frauen inne.

Die Kanzlerin hat damit eine neue Normalität geschaffen, in der es immer seltener heißt: Kann eine Frau das überhaupt? Weil die Frau das nämlich einfach macht - und den Fragesteller dabei so wenig ernst nimmt wie die Katze die Maus, die die Schärfe ihrer Krallen bezweifelt. Um ihn dann mit samtenen Pfoten aus dem Weg zu schieben, versteht sich.

Auch politisch gab es Veränderungen unter Merkel, hin zu mehr Gleichberechtigung: Das Elterngeld wurde eingeführt, ergänzt durch das Elterngeld Plus, das Familien eine gleichberechtigte Betreuung der Kinder ermöglicht. Es gibt es einen rechtlichen Anspruch auf einen Kitaplatz, unerlässlich, wenn Frauen auf dem Arbeitsmarkt immerhin ähnliche Chancen haben sollen wie Männer.

"Jede Frau soll ihren Weg gehen können"

"Jede Frau in Deutschland soll ihren Weg gehen können, die gleichen Chancen haben, ihre Talente zu entfalten", sagte Merkel bei ihrer Festrede für das Frauenwahlrecht.

Klar ist: Es gibt viel zu tun, wenn das in Deutschland Realität werden soll. Denn auch, wenn Merkel Frauen in hohe politische Positionen verholfen hat - im Bundestag sitzen so wenig weibliche Abgeordnete wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Darum ging es Merkel denn auch in ihrer Rede. Die Frauenquote, sie sei nicht genug, um für Gleichberechtigung zu sorgen. Der Bundestag sei da nur ein Beispiel, aber auch in Wirtschaft und Kultur müsse sich etwas verändern - und zwar nicht erst in hundert Jahren.

Der entscheidenden Passage ihrer Ansprache verlieh Merkel übrigens mit einem Kopfnicken Nachdruck. Hätte sie ihre Faust gehoben, es wäre kaum aufgefallen - gepasst hätte es allemal. "Die Quoten waren wichtig. Aber das Ziel muss doch Parität sein. Parität überall", sagte die Kanzlerin. Klingt fast schon kämpferisch für eine Frau, die keine Feministin sein will.



insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
Jul14n 12.11.2018
1. "Ja, ich bin es. [...] Feministin" - warum?
Warum muss sie sich denn als Feministin bezeichnen? Reicht es denn nicht aus als gleichberechtigte Person als Bundeskanzlerin weltweit und auch in Deutschland geachtet zu sein? Ist es nur vollkommen wenn sie sich als Feministin bezeichnet? Lieber so wie Merkel, als jemand der krampfhaft Feminist sein muss. Eine populistisch feministische Kanzlerin waere viel schlechter fuer die Gleichberechtigung.
Fuxx81 12.11.2018
2. Asymetrische Demobilisierung
Natürlich will die Bundeskanzlerin sich nicht mit einem kontroversen Kampfbegriff wie "Feministin" schmücken und damit unnötig polarisieren. Ihre Strategie lautet seit jeher "asymetrische Demobilisierung", das heißt, sie wiegt Anhänger wie Gegner in den schlaf, die Gegner aber etwas mehr. Damit das gelingt, darf sie keine Position einnehmen, gegen die jemand aufregen könnte und Feministen regen gerade eine ganze Menge Leute auf...
lasorciere 12.11.2018
3.
Ich bin selbst eine Frau und seit mehr als 25 Jahren in einer Männerdomäne tätig. Die ersten 10 Berufsjahre war ich bei Fortbildungen, Tagungen etc. meist die einzige Frau. Es hat mich nicht gestört. Aber, Merkel ist KEINE Feministin. Vor harten Männern duckt sie sich, sie weiß nicht mit ihnen umzugehen (Erdogan, Putin, Obama, Trump, Macron ...) OK, ich gebe zu, wenn man hübsch ist, hat man auch da gewisse Vorteile, und das ist sie nun mal nicht. Sie schart gern andere Frauen um sich, aber nur solche, die genau so denken wie sie. Vor einer Alice Weidel, Frauke Petry oder Sandra Wagenknecht hätte sie Angst. Diese drei sind tough und hart wie Männer, wenn es ums Ganze geht. Und genau das ist es, was Merkel nicht kann. Als Chefin muss man sich Emotionen verkneifen können. Verstand (und notfalls Trieb) sind OK, Emotionen sind Schwäche.
testuser2 12.11.2018
4. Merkel wird von SPON unterstützt, weil sie Frau ist - wie AKK
Angela Merkel ist eine Frau, die als Bundeskanzlerin Erfolg hatte. Das ist einer der Gründe, warum SPON Angela Merkel derart hofiert. Ein weiterer Grund ist ihr Verhalten beim Flüchtlingsstroms im Jahr 2015. Da hat Merkel nichts getan und abgewartet. Eine bewusste Entscheidung war das gar nicht von ihr, sie hatte in dieser Zeit intern zu anderen CDU-Politikern gesagt, dass sie keine Bilder von Flüchtlingen an Deutschen Grenzzäunen gebrauchen kann. Es ist fast egal, was Merkel tut, wichtiger ist es SPON, sie als Frau zu unterstützen. Egal, ob sie eine Atomkanzlerin ist, die erst durch ein Unglück in Japan und die öffentliche Meinung in Deutschland gezwungen wird, nachzugeben und aus der Atomkraft auszusteigen. Egal, ob sie eine Dieselkanzlerin ist, die nicht den Willen noch die Kraft hat, sich gegen die Diesel-Industrie zu stellen und die den Dieselbetrug deckt und gleichzeitig dem Verbraucher die Folgen bezahlen lässt. Es wird Zeit, dass nicht mehr die Femistinnen, die sich derart in den Vordergrund drängen und dabei ungerecht und rücksichtslos vorgehen, die Dinge bestimmen, sondern dass endlich Gerechtigkeit auch für beide Geschlechter hergestellt wird. Der feministische Weg ist niemals auf Ausgleich und Gerechtigkeit aus, da der Blick dafür viel zu verzerrt weit von der Mitte entfernt aus erfolgt.
baba01 12.11.2018
5. Als wenn
Frauen schon das "Gut-Gen" im Blut hätten. Von mir aus können nur Frauen im Bundestag sitzen, nur Frauen in allen DAX Konzernen an der Spitze stehen, nur noch …. innen - von mir aus.. und dann?? was dann?? von der Leyen statt Merz, Kramp-Karrenbauer statt Altmeier, Schwesig statt Nahles, Weidel statt... ? Melania statt Trump, usw. usw. und dann, dann wird alles besser?
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