Angst in Ludwigshafen "Dann gibt es hier Krieg auf den Straßen"

Der türkische Premier Erdogan und SPD-Chef Beck rufen in Ludwigshafen zu Besonnenheit auf: Doch die Appelle treffen auf Schmerz, Unsicherheit und Angst. Unter den Zuwanderern im Publikum fühlen sich viele benachteiligt, ausgegrenzt - und glauben den Beschwichtigungen nicht.

Von und , Ludwigshafen


Ludwigshafen - Es ist eine unwirkliche Kulisse: Das ausgebrannte Haus liegt im rötlichen Licht der untergehenden Sonne. Von einer Litfasssäule schreit eine schrille Radiowerbung gegen den düsteren Ernst der Trauerkränze an. Und an zwei Mikrofonen, im Pulk vieler dunkel gekleideter Herren, stehen Kurt Beck, der rheinland-pfälzische Ministerpräsident und SPD-Chef, und Tayyip Erdogan, türkischer Premier. Aus den Lautsprechern dröhnen die übersteuerten Stimmen der Politiker und des Dolmetschers 2500 Türken und Türkischstämmigen entgegen.

Beck (2.v.l.), Erdogan (2.v.r.) vor Brandhaus: "Unser Schmerz ist groß"
DDP

Beck (2.v.l.), Erdogan (2.v.r.) vor Brandhaus: "Unser Schmerz ist groß"

"Seien Sie versichert", ruft Beck in die Menge, "es wird alles daran gesetzt, die Brandkatastrophe aufzuklären." Erdogan fügt hinzu: "Die deutsche Polizei und Feuerwehr hat alles in ihrer Macht Stehende getan, um zu helfen."

Seit Stunden warten die Menschen auf diesen Augenblick, in dem der Ministerpräsident aus Ankara ihren Gefühlen Worte verleihen wird. Seine bloße Anwesenheit ist ihnen Trost und Versprechen zugleich. Versprechen, dass "dieses Mal nichts unter den Tisch gekehrt wird" - so beschreibt der Arbeiter Ümit Doganay, 47, seine Skepsis gegenüber den deutschen Behörden. "Nicht so wie damals in Solingen, als kein Politiker genau hingeschaut hat."

"Solingen" - dieses Wort hört man oft heute Abend hinter dem Bauzaun, der das fast ausschließlich türkische Publikum von den Journalisten, Polizisten und Politikern trennt. "Solingen" steht für den feigen rechtsextremen Anschlag auf eine türkische Familie, bei dem 1993 fünf Menschen in ihrem brennenden Haus ums Leben kamen. Kein Türke wird das jemals vergessen.

"Aber daran glauben wir nicht"

"Erdogan zeigt, dass uns jemand beschützt", sagt der Arbeitslose Selcuk Karadag, 22. Er hofft, dass den Türken mehr "Gerechtigkeit widerfährt", wenn die türkische Regierung sich hinter sie stellt. Die Deutschen behandelten ihn und seine Freunde unfair: "Andere Ausländer haben es nicht so schwer wie wir." Natürlich könne das Haus der türkischen Familie auch aus anderen Gründen in Flammen aufgegangen sein, sagen Selcuk und seine Freunde, "aber daran glauben wir nicht".

Die Türken, die Außenseiter des Landes - darüber sprechen auch fünf 18-jährige Frauen aus Ludwigshafen. "Warum sind hier denn gar keine Deutschen, um ihr Mitgefühl zu zeigen?", fragen sie. Tugba, eine der Freundinnen aus einem benachbarten Stadtteil, sagt, ihre Familie könne nachts nicht mehr ruhig schlafen. In ihrem Haus lebten auch nur Türken, "und wir haben Angst". Die jungen Frauen machen alle eine Ausbildung. Sie wünschen sich, dass es kein "Nazi-Anschlag" war: "Sonst gibt es Krieg hier auf den Straßen."

Publikum bei Erdogans Rede: "Wir haben Angst"
DDP

Publikum bei Erdogans Rede: "Wir haben Angst"

Auf dem schäbigen Parkplatz an der Jägerstraße offenbart sich an diesem Abend eine gewaltige Kluft zwischen den Politikern, die zu Besonnenheit mahnen, und dem Publikum mit seinen überbordenden Gefühlen. Die Appelle kommen bei den Türken hinter den Zäunen kaum an - schon akustisch. Zwei Lautsprecher für 2500 Menschen, das bedeutet: Viele können die beiden Botschafter der Mäßigung auf der Bühne nicht hören.

Die Stimmung ist auch deshalb so gespannt, weil die Suche nach der Brandursache immer noch andauert. Es gebe bisher keine Fakten, die in eine bestimmte Richtung weisen, sagte Oberstaatsanwalt Lothar Liebig von der zuständigen Staatsanwaltschaft Frankenthal. In dem Haus eingesetzte Suchhunde hätten keine Hinweise auf Brandbeschleuniger gefunden. Dies dürfe aber nicht überbewertet werden, sagte Liebig. Ein schnelles Ergebnis der Untersuchungen sei nicht zu erwarten. Es könne "mehrere Wochen" dauern.

SS-Symbole waren alt

Die "Tagesschau" berichtete heute unter Berufung auf "zuverlässige Quellen", im Keller der Brandruine seien fehlerhafte und amateurhaft verlegte Stromkabel entdeckt worden. Die Polizei wollte dazu "aus ermittlungstaktischen Gründen" noch keine Angaben machen. Fest steht inzwischen immerhin: Die Nazi-Symbole an dem Feuerhaus sind nicht frisch, sondern vor mehreren Jahren an die Wände geschmiert worden. Das gab Staatsanwalt Liebig bekannt. Neben dem Eingang des ausgebrannten und einsturzgefährdeten Wohnhauses steht zweimal das Wort "Hass". Die Buchstaben "S" sind mit SS-Runen geschrieben.

Dass eine rechtsextreme Szene in Ludwigshafen durchaus existiert - auch das wurde an diesem Donnerstag klar. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE nahm die Polizei gegen 15.20 Uhr in der Ludwigshafener Maxstraße, rund 300 Meter vom Brandhaus entfernt, zwei 24-jährige Männer in Gewahrsam. Die mutmaßlich rechtsextremen Störer hatten gegen mehrfach ausgesprochene Platzverweise verstoßen.

Nach Ende von Erdogans Auftritt wurden sie wieder auf freien Fuß gesetzt.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.