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Angst vor Abschiebung: Die eine Dummheit des Afro Hesse

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Fünf Jahre lebte er im Untergrund, war einer von den rund 1,5 Millionen illegalen Migranten in Deutschland: der HipHopper Afro Hesse. Wegen einer Bagatelle droht ihm jetzt die Abschiebung. Freunde kämpfen für ihn – und gegen ein Aufenthaltsgesetz, das sie als unmenschlich empfinden.

Berlin - Afro Hesse steht an der U-Bahn-Station Görlitzer Bahnhof in Berlin-Kreuzberg. Es regnet, er hat sich die Kapuze seiner Joggingjacke über die kurzen schwarzen Haare gezogen. Wenn er spricht, holt seine rechte Hand aus, so wie viele Rapper es in Videos machen. Afro Hesse wirkt cool. "Unglaublich!", sagt er. Nach zweieinhalb Monaten Haft und Gewahrsam ist er frei.

HipHopper Afro Hesse: Obwohl er im Untergrund lebte, standen seine CDs im Laden
Kike / Afro Hesse

HipHopper Afro Hesse: Obwohl er im Untergrund lebte, standen seine CDs im Laden

Als er später seine Geschichte erzählt, ist sie wieder da: die Angst vor dem, was kommen wird. Seine Verlobte Nora Maurer* nimmt ihn in den Arm.

Afro Hesse hat fünf Jahre illegal im Untergrund gelebt. Vor einer Woche sollte er nach Algerien abgeschoben werden, der Flug war schon gebucht. Doch weil sich Freunde und Politiker für ihn einsetzten, darf er die nächsten Wochen bleiben - vorerst.

HipHop als Abwehrsystem

Der 28-jährige Rapper hat sich in der HipHop-Szene einen Namen gemacht: Als Flüchtling ohne Papiere veröffentlichte er zwei Alben unter dem Pseudonym, das für seine doppelte Heimat steht - Afrika und Hessen. Er macht Musik "für meine Brüder, die auch auf der Straße sind", wie es in seinem Album "Mehr als Musik" heißt. Bekannte Rapper wie Eko Fresh, Sentino oder Megaloh haben einige Zeilen beigesteuert und ihm so ihren Respekt gezollt.

500.000 bis zu 1,5 Millionen Menschen leben illegal in Deutschland, schätzt die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl. Afro Hesse greift ihr Dilemma in seinen Songs auf, erzählt vom Leben auf der Straße, ohne Rechte und Papiere, ohne Geld und Perspektive: "Du bist niemals wirklich in der U-Bahn/ Fährst niemals schwarz, denn so etwas endet tödlich/ Du bekommst kein Hartz und hast jeden Euro nötig."

Afro Hesses Familie stammt aus Algerien. 1990 flieht sie nach Deutschland. In ihrer Heimat gibt es soziale Unruhen, ein Bürgerkrieg droht. Afro Hesse wächst in Darmstadt auf, ist immer der andere, "das Asylantenkind, der Kanake", wie er sagt. Jedes Jahr das Bangen: Kommt die Aufenthaltsgenehmigung? Mit 14 fängt er an, im Jugendhaus Musik zu machen und zu rappen. "Ich habe mich in die Musik gestürzt, sie war immer meine Decke, mein Abwehrsystem", sagt Afro Hesse.

Doppelt bestraft

Doch er begeht "eine Dummheit", wie er heute sagt. Er ist frustriert, den versprochenen Ausbildungsplatz bekommt er nicht, weil er nur geduldet ist. Im Mai 1999 ist Afro Hesse mit einigen Jungs unterwegs, sie trinken Alkohol.

Ein junger Mann bedrängt ihn immer wieder, zeigt ihm mehrere Geldscheine. Er glaubt, bei Afro Hesse Drogen kaufen zu können. "Wegen meines nordafrikanischen Aussehens. Dabei habe ich nie Drogen genommen und verkauft", sagt der Rapper. Er schubst den Mann zur Seite und verschwindet mit dessen Portemonnaie. Kurze Zeit später stellt Afro Hesse sich, weil "es ein großer Fehler war" und wird aufgrund seines Geständnisses zu acht Monaten Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt.

"Wegen dieser Straftat ist Afro Hesse nicht nur im Vergleich zu sonstiger jugendgerichtlicher Rechtsprechung sehr hart bestraft worden, sagt sein Berliner Anwalt Thomas Moritz. "Sondern wird es auch ausländerrechtlich ein zweites Mal", fügt er hinzu. Anders als seine Familie erhält der Rapper keine Aufenthaltserlaubnis. Als einziger seiner Familie soll er zurück nach Algerien.

In den Untergrund

Panisch flüchtet er 2003 nach Frankreich: "Ich hatte Angst, ich wollte nicht nach Algerien, meine Mutter war sehr krank", sagt Afro Hesse. In Paris verkauft er seine erste CD "Der verschollene Immigrant" an Touristen. Das bringt ein paar Euro zum Leben, aber auch das Gefühl, dass ihn, den illegalen Migranten, jemand wahrnimmt. Nach einem Jahr kommt er zurück, zu groß ist das Heimweh.

In Berlin macht er Musik. Ein Rapper aus Bochum lässt ihn bei sich wohnen. Es ist ein merkwürdiges Leben: Seine beiden Alben stehen in Läden, sein Video ist bei MySpace. Da hat er die Baseballmütze tief ins Gesicht gezogen, man soll ihn nicht erkennen - zu groß ist die Angst vor den Behörden. Auf der Bühne ist er deshalb nur selten zu sehen, wenn er auftritt, dann spontan und ohne Ankündigung.

Manchmal jobbt er als Tagelöhner, schleppt Kisten. Ab und zu zeigt er Jugendlichen, wie man Musik macht, "damit sie nicht auf der Straße rumhängen und denselben Fehler wie ich machen". Im Januar 2005 lernt er seine heutige Verlobte Nora Maurer* kennen. Die 24-Jährige arbeitet in einem großen deutschen Verlag als kaufmännische Angestellte, sie unterstützt ihn – obwohl sie erst später von ihm erfährt, dass er im Untergrund lebt. Sie hält auch zu ihm, als am 2. August das Versteckspiel vorbei ist.

In einer Berliner Discothek soll ein Autoschlüssel gestohlen worden sein. Afro Hesse ist unter den Gästen, er wird verdächtigt und verhaftet. Vor Gericht wird er freigesprochen, kommt aber in Berlin in Abschiebegewahrsam. Die hessischen Behörden wollen ihn nach Algerien abschieben.

Türkische Kinder engagieren sich für ihr Vorbild

Sein Schicksal bewegt HipHopper und türkische Jugendliche aus Berlin-Kreuzberg, sie finden das Verfahren unmenschlich und ungerecht. Ein Solidaritätskreis gründet sich, um auf das Schicksal von Afro Hesse aufmerksam zu machen und ihm zu helfen. Der Rapper hat durch sein Verfahren Schulden in Höhe von mehreren tausend Euro. Sie organisieren für den 29. Oktober ein Benefizkonzert: 20 Musiker, darunter Tarek und DJ Craft von der HipHop-Truppe K.I.Z, treten für Afro Hesse im Club SO36 in Berlin-Kreuzberg auf. Den Erlös wollen sie ihm spenden.

Schließlich hört Benedikt Lux, bündnisgrünes Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus von dem Fall und setzt sich für den HipHopper ein: "Der Junge ist integriert - und das ohne die Hilfe der Behörden."

Afro Hesses Abschiebung wäre ein "katastrophales Zeichen", hätte die Integrationsbemühungen in Kreuzberg um Jahre zurückgeworfen, glaubt der Politiker. "Die türkischen Kinder, die sogenannten Problemkids, engagieren sich seit Wochen für Afro Hesse. Er ist ihr Vorbild." Er macht eine Eingabe beim zuständigen Petitionsausschuss des Hessischen Landtags und hat Erfolg: Die Abschiebung wird abgesagt.

Petitionsausschuss in Hessen wird entscheiden

Afro Hesse darf nun erst einmal bleiben, hat eine vorläufige Duldung, bis der Petitionsausschuss im hessischen Landtag über ihn beraten wird. Wann das sein werde, stehe noch nicht fest, sagt der Ausschussvorsitzende Andreas Jürgens von Bündnis 90/Die Grünen. "Wir warten auf die Stellungnahme des Innenministeriums." Dort will man sich "wegen des laufenden Verfahrens" nicht äußern.

Der Rapper lebt nun wieder bei seinen Eltern in Darmstadt. Doch das Misstrauen bei ihm bleibt: Was machen die Behörden? Was wird mit mir? Afro Hesse wünscht sich eine Chance: Er will seine Verlobte heiraten, neue Alben aufnehmen - in Deutschland.

*Name von der Redaktion geändert

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