Angst vor Folgen der Finanzkrise Schäuble für Jamaika-Bündnis

Bundesinnenminister Schäuble fürchtet, die Finanzkrise könnte auch gesellschaftliche Auswirkungen haben. Im SPIEGEL-Interview plädiert er für eine Koalition aus Union, Grünen und FDP - die SPD könne ihre Probleme nur lösen, wenn sie in die Opposition ginge.


Hamburg - Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) warnt vor politischen Turbulenzen in Folge der derzeitigen Krise am Finanzmarkt. "Wir wissen von der Weltwirtschaftskrise der zwanziger Jahre, dass aus einer wirtschaftlichen Krise eine unglaubliche Bedrohung für die gesamte Gesellschaft erwachsen kann. Die Folgen dieser Depression waren Adolf Hitler und indirekt der Zweite Weltkrieg und Auschwitz", sagte Schäuble im SPIEGEL-Interview. Niemand wisse derzeit, "wie schlimm diese Krise noch wird".

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU): "Vielleicht, weil sie dachten, ich sei zu erfolgreich"
DPA

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU): "Vielleicht, weil sie dachten, ich sei zu erfolgreich"

Nach Ansicht des CDU-Politikers handele es "sich um einen historischen Einschnitt, über den wir später in den Geschichtsbüchern lesen werden. So war es auch am 11. September 2001".

Man habe schon vor einiger Zeit, als sich manche Finanzprodukte von der Absicherung eines realen Geschäfts völlig losgelöst hatten, absehen können, "dass das irgendwann nicht mehr funktionieren würde. Wir haben geglaubt, wir seien nicht so blöd wie die Spekulanten, die im 17. Jahrhundert mit den holländischen Tulpenzwiebeln gehandelt und alles zerstört haben. Jetzt sind wir in kurzer Zeit zum zweiten Mal dabei erwischt worden, dass wir doch genauso blöd waren".

Zugleich übte der Minister harte Kritik an der SPD und plädierte für ein Jamaika-Bündnis nach der nächsten Bundestagswahl, falls eine Koalition mit der FDP nicht möglich sei.

Die Große Koalition habe "in der Innenpolitik eine Menge gut vorangebracht, aber in der Mitte der Legislaturperiode hat bei Teilen der SPD eine Kehrtwende eingesetzt", sagte Schäuble dem SPIEGEL. "Die Sozialdemokraten waren insgesamt unzufrieden mit ihrer Lage. Weil sie die Kanzlerin nicht angreifen wollten, haben sie sich mich ausgesucht – vielleicht, weil sie dachten, ich sei zu erfolgreich."

Nach Ansicht Schäubles sei es zudem notwendig, dass sich die Sozialdemokraten der Herausforderung durch die Linkspartei stellten. Die SPD habe eine gute Chance, "das Problem der Linkspartei dauerhaft zu lösen – aber nur in der Opposition, nicht, wenn sie in der Regierung ist. Deswegen wünsche ich der SPD in ihrem eigenen Interesse und im Interesse unseres Landes, dass sie sich nach der nächsten Bundestagswahl in der Opposition wiederfindet."

Die Union sei "schon nach der letzten Wahl zu einem Bündnis mit der FDP und den Grünen bereit" gewesen. Seine eigene Partei müsse "in der Lage sein, auch unbequeme Konsequenzen aus einem Wahlergebnis zu ziehen, selbst wenn dies nicht unser Wahlziel ist". Als Wahlziel nannte Schäuble ein Bündnis mit der FDP.



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