Angst vor russischem Gas-Stopp Merkel will Atommeiler länger betreiben

Viele Energiequellen statt Abhängigkeit von russischem Gas: Kanzlerin Merkel fürchtet einen neuen Gasstreit mit Russland - und plädiert zur Sicherung der Energieversorgung für längere Laufzeiten deutscher Kernkraftwerke.


Berlin - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso haben vor anhaltenden Risiken für die Energieversorgungssicherheit infolge des russisch-ukrainischen Gasstreits gewarnt. "Wir können beim Thema Versorgungssicherheit noch nicht vollständig Entwarnung geben", sagte Merkel am Mittwoch bei einer Veranstaltung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) in Berlin. Sie kündigte an, weiter mit der ukrainischen und der russischen Seite sprechen zu wollen.

Kanzlerin Merkel: Plädoyer für den Energiemix
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Kanzlerin Merkel: Plädoyer für den Energiemix

Barroso sagte, dass sich Entwicklungen wie in der Vergangenheit nicht wiederholen dürften. Zur besseren Vorbereitung "falls die Dinge schieflaufen", plädierte er für einen erhöhten Lageraufbau von Öl und mehr Alternativen zu Gaslieferungen. Im Fall einer neuerlichen Krise setzte er auf Deutschland, das im jüngsten Streit eine sehr positive Rolle gespielt habe.

Merkel sprach sich angesichts der Versorgungsunsicherheit dafür aus, "viele Quellen" zu erschließen. Deshalb brauche es keinen Kampf der verschiedenen Pipelineprojekte gegeneinander. Ein deutsch-russisches Konsortium baut derzeit eine Gaspipeline durch die Ostsee. Die EU plant daneben den Bau der Nabucco-Pipeline, die Russland umgehen soll. Moskau treibt unterdessen ein Projekt namens Southstream voran, dass weithin als Konkurrenzprojekt zu Nabucco gesehen wird.

"Wir können sehr gut Northstream haben, Southstream haben und Nabucco haben", betonte die Kanzlerin. Des Weiteren sagte Merkel, dass sie eine Verlängerung der Laufzeiten von Kernkraftwerken befürworte.

Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) sprach sich deutlich dagegen aus. Längere Laufzeiten seien "nicht nur energiepolitisch falsch, sondern aus Gründen nationaler Sicherheit schlicht unverantwortlich", sagte Zypries. Unterdessen demonstrierten rund 50 Umweltschützer am Rande einer Tagung zur Energie- und Wasserwirtschaft in Berlin gegen eine Laufzeitverlängerung.

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Atomkraft: Die Positionen der EU-Staaten und der wichtigsten Industrienationen
Im Juni 2000 hatten die damalige rot-grüne Bundesregierung und die Energiewirtschaft einen Fahrplan für den Atomausstieg beschlossen. Demnach sollen alle Kernkraftwerke schrittweise abgeschaltet werden, die ältesten zuerst. Die Union hatte sich im Koalitionsvertrag mit der SPD verpflichtet, in der laufenden Wahlperiode nicht an dem Atomausstieg zu rütteln. Allerdings gehen die Haltungen im Bundestagswahlkampf wieder auseinander: CDU/CSU und FDP meinen, ohne Atomstrom könne Deutschland seine ehrgeizigen Klimaschutzziele nicht erreichen. SPD, Grüne und Die Linke weisen das zurück.

Merkel sagte, Deutschland habe die sichersten Kernkraftwerke. Die Kernenergie alleine könne aber die Probleme im Stromsektor nicht lösen. "Deutschland sollte bei seiner Idee eines Energiemixes bleiben", forderte sie. Dazu gehöre auch ein Neubau neuer und effizienter Kohlekraftwerke.

beb/dpa/ddp/Reuters

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Serrax 26.03.2009
1.
Zitat von sysopUnion und FDP fordern längere Laufzeiten für die deutschen Kernkraftwerke. Kann Strom so wieder billiger werden? Oder sind die Risiken zu groß?
Nein - wir produzieren noch immer gut 2/3 unseres Stroms aus fossilen Energiequellen (Steinkohle, Braunkohle, Erdgas). Diese werden immer teurer - da helfen 20% Atomstrom gar nichts. Der Atomausstieg sollte wie geplant fortgesetzt werden und vor allem die ältesten und unsichersten AKW vom Netz gehen.
Oggy, 26.03.2009
2.
Weshalb sollte der Strom dadurch billiger werden? Doch nicht etwa weil sich die Kosten für Entwicklung, Bau etc amortisiert haben?! Der Kunde bezahlt doch jetzt schon den hohen Preis für Strom und die verschiedenen Steuern auch. Wobei, dann könnten ja die Steuern fürs EEG und KWKG wegfallen...ach was, den fällt bestimmt noch was neues ein. Vielleicht eine Strahlenschutzsteuer oder eine Leukämieabgabe. Einzig und allein den großen Energiekonzernen und ihren geldgierigen Aktionären kommt eine verlängerte Laufzeit zu Gute. Warum teuer Planen wenn man billig bauen kann.
Fackus, 26.03.2009
3. blöde Frage .... billiger....
es darf doch nicht um billig oder weniger billig gehen bei der Energieerzeugung. Sondern nur darum, daß es auch ökologisch sinnvoll ist. Und da sind KKWs heute eben die beste Lösung. Nur in Deutschland wird das nicht erkannt. Schande für ein angebliches 'Hochtechnologieland'. Der deutsche Michel - der ewige Penner.
kdshp 26.03.2009
4.
Zitat von sysopUnion und FDP fordern längere Laufzeiten für die deutschen Kernkraftwerke. Kann Strom so wieder billiger werden? Oder sind die Risiken zu groß?
Hallo, was hat der strompreis mit atomkraft zu tuen ? Und wenn wir in D 100000 atomkraftwerke hätten würden wir immer mehr zahlen müssen weil der preis für den strom an der stromBÖRSE gemacht wird.
GrafZahl 26.03.2009
5.
Zitat von sysopUnion und FDP fordern längere Laufzeiten für die deutschen Kernkraftwerke. Kann Strom so wieder billiger werden? Oder sind die Risiken zu groß?
Das wurde hier endlos totdiskutiert, mit immer denselben Argumenten. Fest steht: wer bei der Bundestagswahl CDU/CSU oder FDP wählt, wählt Atomkraftbefürworter, die auch in Deutschland neue AKWs bauen wollen. Wer SPD wählt, wählt Atomkraftbefürworter, die dasselbe tun würden, aber dabei ein schlechtes Gewissen hätten.
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