Berlin-Attentäter Amri-Ermittler übersahen Handyfotos mit Waffen

Neue Panne im Fall des Berliner Attentäters Anis Amri: Ermittler haben ein Handy des späteren Terroristen nur oberflächlich ausgewertet.

AFP/ BKA

Im Fall Anis Amri hat es eine weitere Ermittlungspanne gegeben. Als das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt (LKA) im Frühjahr 2016 die Daten eines in Berlin bei Amri sichergestellten Mobiltelefons auswertete, entdeckten die Beamten mehrere Fotos nicht. Eines der Bilder zeigte den Attentäter mit einer Schreckschusspistole, auf andere Aufnahmen posierte er mit Stichwaffen und Pfefferspray.

Nach einem entsprechenden Hinweis aus Berlin habe dies erst jetzt aufgeklärt werden können, so NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Montag auf einer Pressekonferenz. "Ich habe den Vorsitzenden des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zum Fall Amri darüber bereits informiert", sagte Reul. "Die neue Landesregierung setzt sich für die umfassende Aufklärung des schrecklichen Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt ein - unabhängig von Wahlterminen."

Der Attentäter vom Weihnachtsmarkt am 19. Dezember auf dem Berliner Breitscheidplatz ermordete im Dezember vergangenen Jahres mit einem Lkw zwölf Menschen und verletzte fast 100 weitere. Viele von ihnen sind bis heute traumatisiert, manche noch immer im Krankenhaus, einige werden ihr Leben lang Pflegefälle bleiben. Der Attentäter wurde wenige Tage später in Mailand erschossen.

SPIEGEL TV Magazin: "Anis Amri, Terrorist" (19.03.2017)

Laut BKA posierte Amri mit Gaspistole

Amri wurde demnach am 18. Februar 2016 von Fahndern in Berlin kontrolliert. Dabei wurde unter anderem sein Handy beschlagnahmt. Auf dem Gerät befanden sich den Angaben zufolge insgesamt mehr als 12.000 Mediendateien. Darunter war auch ein Foto, das den Attentäter zeigte, wie er eine Schusswaffe in die Kamera hielt. Nach SPIEGEL-Informationen handelt es sich einem Gutachten des Bundeskriminalamts (BKA) zufolge um eine Gaspistole.

Das Telefon war von BKA-Technikern ausgelesen worden, die Daten hatte man an die Landeskriminalämter in Düsseldorf und Berlin übersandt. Beide Behörden entdeckten das Bild nicht. Nach SPIEGEL-Informationen wurden die Daten automatisiert überprüft, die vergleichsweise kleinen Bilddateien fielen dabei durchs Raster. "Wir werden deshalb die Standards zur Auswertung großer Datenmengen beim LKA auf den Prüfstand stellen", sagte Reul am Montag.

Es dürfe nicht sein, dass Bilder von minderer Qualität wegen entsprechender Filtereinstellungen unentdeckt bleiben und deshalb nicht ausgewertet werden, sagte der Minister. "Für mich ist klar, dass Datenauswertung gerade in Terrorverfahren bedeutet: Alle vorhandenen Daten werden ausgewertet", so Reul. Es gehe aber nicht nur darum, Fehler der Vergangenheit klar zu benennen. "Wenn es neuere, intelligentere Software gibt, die dabei helfen kann, solche Fehler in Zukunft zu vermeiden, dann: her damit", sagte der Minister.

Höchstwahrscheinlich hätte das Auffinden der Bilddateien aber nichts am Umgang mit Amri im Frühjahr 2016 geändert. Er war schon damals als islamistischer Gefährder bekannt und wurde überwacht. Seine geplante Abschiebung scheiterte daran, dass Tunesien notwendige Dokumente nicht übersandte.

als/jdl

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