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12. Mai 2012, 14:16 Uhr

Neu-Piratin Domscheit-Berg

"Der Frust war zu groß"

Mit ihrem Eintritt bei den Piraten hat die grüne Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg für Schlagzeilen gesorgt. Im Interview spricht die Feministin über das Frauen-Problem der Piraten und erzählt, warum sie so kurz vor einer wichtigen Wahl die Partei wechselt.

Hamburg - Es war ein willkommener Schub für die Piraten, so kurz vor der wichtigen Wahl in Nordrhein-Westfalen. Mit der Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg und ihrem Ehemann Daniel Domscheit-Berg, dem früheren WikiLeaks-Sprecher, haben die Freibeuter zwei prominente Neumitglieder gewonnen.

Pikant ist der Wechsel von Anke Domscheit-Berg, die noch Mitglied der Grünen ist. Zwar verteidigte sie in Talkshows schon länger die typischen Positionen die Piraten und stritt auf Podien für transparente Politik und Freiheit im Netz. Doch der Zeitpunkt ihres Eintritts überraschte. Kurz vor der NRW-Wahl versetzte der Schritt ihrer prominenten Netzpolitikerin den Grünen einen Rückschlag.

Die Grünen buhlen um Domscheit-Berg, doch da sie anders als die Piraten keine Doppelmitgliedschaft erlauben, wird sich die Feministin Domscheit-Berg für eine Partei entscheiden müssen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE verrät die 44-Jährige, warum sie sich jetzt zu den Piraten bekannt hat - und was sie in der jungen Partei ändern will.

SPIEGEL ONLINE: Frau Domscheit-Berg, warum sind sie als Grüne kurz vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen in die Piratenpartei eingetreten?

Domscheit-Berg: Ich habe zuletzt immer öfter gemerkt, dass ich mich viel öfter und besser mit Piraten zu mir wichtigen Themen austausche und vor allem auf einer Linie befinde als mit Grünen. In Talkshows habe ich die Piraten ja auch oft verteidigt, da dachten viele, ich sei ohnehin bereits in der Partei. Wäre ich nicht bei den Grünen, wäre ich bereits viel früher zu den Piraten gekommen. Es war ein langer Prozess. Am Donnerstag habe ich dann mit den Mitgliedsantrag verschickt.

SPIEGEL ONLINE: Aber warum gerade jetzt?

Domscheit-Berg: Es kamen einfach viele Dinge zusammen, der Wahlkampf hat den Prozess beschleunigt. Mir gefiel die Art der Auseinandersetzung mit den Piraten nicht. Warum kämpft man gegen eine Partei, die einem inhaltlich doch recht nahe steht - näher jedenfalls als andere? Warum mit Argumenten, die unsachlich sind?

SPIEGEL ONLINE: Was haben die Grünen gemacht?

Domscheit-Berg: Es wird immer wieder behauptet, dass die Piraten eine Ein-Themen-Partei seien, dass sie einen kostenlosen Nahverkehr forderten, dass sie keine Inhalte hätten. Das alles ist aber falsch!

SPIEGEL ONLINE: Ihr Wechsel drei Tage vor einer wichtigen Wahl dürfte die Grünen schmerzen.

Domscheit-Berg: Ja, das weiß ich natürlich. Aber der Frust war dann einfach zu groß. Und wenn ich mich zu einem Entschluss durchgerungen habe, werde ich nicht aus wahltaktischen Gründen noch drei Tage warten.

SPIEGEL ONLINE: Die Grünen drängen Sie zur Entscheidung: Grüne oder Piraten.

Domscheit-Berg: Ich wurde bisher von keinen Grünen in dieser Hinsicht kontaktiert. Ich weiß auch noch nicht, ob ich die Grünen verlasse.

SPIEGEL ONLINE: Die Bundesgeschäftsführerin sagte, Sie werden sich entscheiden müssen.

Domscheit-Berg: Wenn mich die Grünen drängen und ich mich für eine Partei entscheiden müsste, dann wären das die Piraten.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Domscheit-Berg: Ich bin ein Mensch mit Visionen - und ich glaube, die kann ich am besten bei den Piraten einbringen. In der Mainstreampolitik werden neue Ideen skeptischer betrachtet. Es geht mir zu häufig um Fraktionszwang, um Machtpolitik, darum, aus welcher Ecke ein Vorschlag kommt - zu selten um den Vorschlag selbst. Da sind alle gleich, leider inzwischen auch die Grünen. Die Piraten erinnern mich sehr an die Grünen in ihren frühen Jahren, bei denen ist einfach mehr Dynamik und Veränderungswillen drin, mehr Vielfalt bei den Machern, mehr Radikalität bei der Entwicklung neuer Ideen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auf Twitter bereits angekündigt, die Piraten ändern zu wollen. Wo fangen Sie an?

Domscheit-Berg: Ich hatte getwittert, dass ich dazu beitragen möchte, die Kultur bei den Piraten offener und frauenfreundlicher zu gestalten. Aber die Piraten sind auch dabei, sich grundsätzlich zu professionalisieren. Wir brauchen dazu Leute mit Expertise in unterschiedlichen Bereichen. Ich habe viel Erfahrung darin, wie man Verwaltungen verändert, transparenter und partizipativer macht, wie man Widerstände gegen Open Government abbaut. Da kann ich mich gut einbringen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Feministin. Die Piraten tun sich damit schwer. Die Partei sieht sich als "post-gender".

Domscheit-Berg: Da hat sich zuletzt viel geändert. Vor einem Jahr wäre ich wohl noch nicht gerne eingetreten. Feminismus haben viele Piraten für böse und männerfeindlich gehalten, der Kommunikationsstil war grob.

SPIEGEL ONLINE: Das hat sich nicht wirklich geändert. Erst kürzlich beklagten die Jungen Piraten in einem offenen Brief den Sexismus in der Partei.

Domscheit-Berg: Ich habe aber den Eindruck, dass nun viel mehr Piraten aufstehen, wenn sich jemand sexistisch äußert. Mittlerweile kenne ich viele männliche Feministen bei den Piraten. Da sind die Piraten auch nicht schlimmer als ein Wirtschaftsunternehmen. Dort muss man genauso dicke Bretter bohren, wahrscheinlich sogar dickere, denn die Piraten haben als Grundwert eine klare Antidiskriminierung, aus der sich Geschlechtergerechtigkeit direkt ableitet.

SPIEGEL ONLINE: Die Piraten sind im Höhenflug, wollen Sie mit Ihnen in den Bundestag einziehen?

Domscheit-Berg: Ich bin erst Donnerstag bei den Piraten eingetreten und orientiere mich nun erstmal. Was daraus wird, sehen wir, wenn es soweit ist.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist Ihr Mann Daniel Domscheit-Berg, der frühere WikiLeaks-Sprecher, gleich miteingetreten?

Domscheit-Berg: Er ist wie ich auch der etablierten Parteipolitik gegenüber sehr skeptisch. Die Piraten hält er für anders. Er will nicht länger im Stillen sympathisieren, sondern seine Expertise einbringen.

Das Interview führte Fabian Reinbold

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