Anklage gegen Verena Becker Frühere RAF-Terroristin soll Buback-Mord mitgeplant haben

Sie soll beim Mord am früheren Generalbundesanwalt Buback eine zentrale Rolle gespielt haben: Die angeklagte Ex-RAF-Terroristin Verena Becker hat sich laut Bundesanwaltschaft vehement für das Attentat eingesetzt. Die Ermittler haben aber keine Beweise, dass Becker auf dem Tatmotorrad saß.

Ex-Terroristin Verena Becker (Archivbild): "Maßgebliche Rolle" gespielt
DPA

Ex-Terroristin Verena Becker (Archivbild): "Maßgebliche Rolle" gespielt


Karlsruhe - Die frühere RAF-Terroristin Verena Becker soll sich für den Mord am früheren Generalbundesanwalt Siegfried Buback vor Gericht verantworten. Nach Ansicht der Bundesanwaltschaft gehörte sie zu den treibenden Kräften des Attentats vom 7. April 1977. Die Ermittler veröffentlichten nun Details zu der Anklage gegen die 57-Jährige.

Sie habe eine "maßgebliche Rolle" bei der Ermordung von Buback und seinen beiden Begleitern eingenommen und sei daher als "Mittäterin" anzusehen, erklärte die Karlsruher Behörde. Die "Gesamtwürdigung aller Beweismittel" belege dies.

Becker habe bei Diskussionen im Vorfeld nachdrücklich darauf gedrängt, das Attentat zu verüben. Dennoch bleibt auch 33 Jahre nach dem Mord im Dunkeln, wer die tödlichen Schüsse auf Buback und seine beiden Begleiter in der Karlsruher Innenstadt abgab. Die Terroristen entkamen damals auf einem Motorrad. Die Bundesanwaltschaft sieht nach wie vor keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür, dass Becker auf dem Tatmotorrad saß.

Sie soll aber vor dem Attentat 1977 den Tatort in Karlsruhe ausgekundschaftet haben. Die heute 57-Jährige habe sich an der Ausspähung durch zwei andere RAF-Mitglieder beteiligt, teilte die Bundesanwaltschaft mit.

Becker ist vor dem Oberlandesgericht Stuttgart wegen Mittäterschaft angeklagt. Das Gericht hat nach Angaben einer Sprecherin noch nicht entschieden, ob und wann es zu einem Prozess kommt.

Der Verdacht der Mittäterschaft habe sich durch die kürzlich abgeschlossenen Ermittlungen "weiter verdichtet", erklärte die Bundesanwaltschaft zur Anklage gegen Becker . "Sie soll maßgeblich an der Entscheidung für den Mordanschlag, an dessen Planung und Vorbereitung sowie der Verbreitung der Selbstbezichtigungsschreiben mitgewirkt haben", hieß es.

Bei "konkreten Tatplanungen" für Attentat eingetreten

Das Attentat gegen Buback sollte den Auftakt einer Anschlagserie der RAF auf führende Vertreter der Bundesrepublik bilden. Becker soll damals laut Anklage bei Diskussionen innerhalb der Terrorgruppe nachdrücklich darauf gedrängt haben, das von inhaftierten RAF-Mitgliedern vehement geforderte Attentat auf den Generalbundesanwalt zu verüben. Auch bei den "konkreten Tatplanungen" im November 1976 im Harz und zum Jahreswechsel 1976/1977 in Holland sei sie permanent für den Mordanschlag eingetreten.

Die Ermittlungen gegen Becker im Mordfall Buback wurden im Jahr 2008 aufgrund neuer Ansätze wieder aufgenommen. So wurden Speichelspuren von ihr auf Umschlägen gefunden, in denen Bekennerschreiben zu dem Buback-Attentat versendet worden waren. Etwa eine Woche nach der Tat hatte sich die RAF dazu bekannt. Außerdem stellten die Ermittler bei der Durchsuchung ihrer Wohnung Unterlagen sicher, die zusammen mit weiteren Beweismitteln den dringenden Tatverdacht gegen Becker begründeten.

Daraufhin wurde gegen Becker am 26. August 2009 Haftbefehl erlassen. Doch nach einigen Monaten in Untersuchungshaft kam die 57-Jährige unmittelbar vor Weihnachten 2009 wieder auf freien Fuß. Der Bundesgerichtshof (BGH) sah keine Fluchtgefahr und hob den Haftbefehl auf. Das Gericht sah Becker nur noch der milder bestraften Beihilfe statt der Mittäterschaft verdächtig. Auf Beihilfe steht eine deutlich geringere Strafe, so dass Becker - wenn überhaupt - nur für kurze Zeit ins Gefängnis müsste.

Ermittler sehen sich durch Geheimakten bestätigt

Die Bundesanwaltschaft blieb jedoch bei ihrer schärferen Einschätzung und klagte Becker als Mittäterin an. Dieser Verdacht werde auch durch Unterlagen des Verfassungsschutzes "bestätigt", hieß es.

Nach zähem Ringen hatten die Ermittler die Freigabe von Geheimakten des Verfassungsschutzes erreicht. Darin sollen sich Protokolle eines Verfassungsschützers befinden, der in den achtziger Jahren Gespräche mit Verena Becker führte.

Becker war zusammen mit ihrem Komplizen Günter Sonnenberg am 3. Mai 1977 knapp einen Monat nach dem Buback-Mord in Singen verhaftet worden. Zuvor lieferten sich die beiden Terroristen eine Schießerei mit der Polizei, bei der mehrere Beamte und sie selbst verletzt wurden.

Wegen der Straftaten bei der Festnahme wurden Becker und Sonnenberg zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt. Nach neun Jahren und zwei Monaten Haft wurde sie 1989 vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker begnadigt. Wegen des Mordes an Buback war sie bisher nicht angeklagt worden.

mmq/dpa/apn/ddp

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Seite 1
Marshmallowmann 21.04.2010
1. Interessant
Zitat von sysopSie soll beim Mord am früheren Generalbundesanwalt Buback eine zentrale Rolle gespielt haben: Die angeklagte Ex-RAF-Terroristin Verena Becker hat sich laut Bundesanwaltschaft vehement für das Attentat eingesetzt. Die Ermittler haben aber keine Beweise, dass Becker auf dem Tatmotorrad saß. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,690445,00.html
Sagt doch eigentlich schon alles aus. Mehr gibts darüber nicht zu diskutieren. Hier über irgendwelche Geheimdokumente zu reden hat meiner Ansicht nach keinen Sinn. Verdacht von Ermittlern reicht Gott sei Dank in Deutschland nicht aus. Sollte es zumindest nicht.
rabenkrähe 21.04.2010
2. Manisch
Zitat von sysopSie soll beim Mord am früheren Generalbundesanwalt Buback eine zentrale Rolle gespielt haben: Die angeklagte Ex-RAF-Terroristin Verena Becker hat sich laut Bundesanwaltschaft vehement für das Attentat eingesetzt. Die Ermittler haben aber keine Beweise, dass Becker auf dem Tatmotorrad saß. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,690445,00.html
...... Es scheint, als wäre die Bundesanwaltschaft traumatisiert und suchte um jeden Preis Schuldige. Wo ein Wille ist, findet sich auch ein Beweis, oder er wird halt konstruiert. Nicht auszudenken, wenn dereinst alle RAFler ausgestorben sind, dann werden wahrscheinlich noch deren Leichen angeklagt... rabenkrähe
postcat 22.04.2010
3. Wer ist hier traumatisiert?
Zitat von rabenkrähe...... Es scheint, als wäre die Bundesanwaltschaft traumatisiert und suchte um jeden Preis Schuldige. Wo ein Wille ist, findet sich auch ein Beweis, oder er wird halt konstruiert. Nicht auszudenken, wenn dereinst alle RAFler ausgestorben sind, dann werden wahrscheinlich noch deren Leichen angeklagt... rabenkrähe
Die einzigen "traumatisierten" Menschen sind hier die Hinterbliebenen. Vielleicht sollte man den Tatvorgang im damaligen Kontext betrachten. Es gab zur damaligen Zeit noch nicht die ausgereiften molekularbiologischen Nachweisverfahren, die heute üblich sind. Demnach kann die Auswerung von Asservaten aus damaliger Zeit zu neuen Indizien/Erkenntnissen führen. In der damaligen Zeit des kalten Krieges konnte eine massgebliche Beteiligung von Mitarbeitern ehemaliger DDR-Dienste nicht ausgeschlossen werden.Das verkomplizierte die Ermittlungen. Die einzigen, die man hier zu den Konstrukteuren rechnen muss, sind die Planer dieses feigen Mordes. Im Jargon der organisierten Kriminalität Hintermänner/Auftraggeber und damit Täter im Sinne von Mittätern. Mögen die Anhänger der Terrorszene das auch als politischen Mord bezeichnen - strafrechtlich bleibt es geplanter Auftragsmord, der durch seine staatspolitische Tragweite von Bundesanwälten zu bearbeiten ist. Da spielt die Frage der Hetze gegen den damaligen Generalbundesanwalt Buback wegen angeblicher Entscheidungsgewalt über die als Mord bezeichneten Todesfälle der Häftlinge Bader, Ensslin und Raspe für die Bemessung einer Gesamtstrafe wohl kaum eine Rolle.
Brand-Redner 22.04.2010
4. Alternative
Zitat von rabenkrähe...... Es scheint, als wäre die Bundesanwaltschaft traumatisiert und suchte um jeden Preis Schuldige. Wo ein Wille ist, findet sich auch ein Beweis, oder er wird halt konstruiert. Nicht auszudenken, wenn dereinst alle RAFler ausgestorben sind, dann werden wahrscheinlich noch deren Leichen angeklagt... rabenkrähe
Oder deren damalige Anwälte, sofern noch am Leben. Gut, um Horst Mahler, der seit langem schon mit den Nazis kuschelt, wär's vielleicht nicht so sehr schade. Aber was würden wohl ein MdB (Ströbele, Grüne) oder ein Bundeinnenminister a.D. (Schily, SPD) dazu sagen?
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