Anklage in Hakenkreuz-Fall Die unglaubliche Geschichte der Rebecca K.

Erst galt sie als Opfer - nun wird sie angeklagt: Die Staatsanwaltschaft bringt eine 18-Jährige vor Gericht, die im November einen Skinhead-Überfall im sächsischen Mittweida angezeigt hatte. Ihre Geschichte von einem eingeritzten Hakenkreuz sei erfunden, behaupten die Ermittler.

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Hamburg/Mittweida - Vor drei Monaten wurde Rebecca K. noch als Heldin gefeiert. Weil die junge Frau im vergangenen November, damals 17, gegen Skinheads im westsächsischen Mittweida eingeschritten war, die ein kleines Mädchen drangsalierten - behauptete sie. Außerdem gab sie an, die Rechtsextremen hätten sie angegriffen und ihr ein Hakenkreuz in die Hüfte geritzt.

Rebecca K. bei der Preisverleihung im Februar: Ist sie Opfer oder Täter?
DDP

Rebecca K. bei der Preisverleihung im Februar: Ist sie Opfer oder Täter?

Die heute 18-Jährige war ein Opfer, mutig dazu, so schien es: Das "Bündnis für Demokratie und Toleranz" verlieh ihr am 1. Februar einen "Ehrenpreis für Zivilcourage", die Laudatio hielt eine ehemalige Staatssekretärin.

Inzwischen stellt sich die Sache anders dar. Die Chemnitzer Staatsanwaltschaft sieht in Rebecca K. eine Täterin. Die Ermittler haben gegen die junge Frau Anklage wegen Vortäuschens einer Straftat erhoben. Der Vorwurf: Sie habe den Vorfall komplett erfunden. Und damit auch die angeblichen Zeugen, die K. zufolge der Skinhead-Attacke untätig beiwohnten.

"Es gibt einen hinreichenden Tatverdacht gegen Rebecca K.", sagt Oberstaatsanwalt Bernd Vogel SPIEGEL ONLINE. Gleichzeitig seien die Ermittlungen gegen einen jungen Mann aus der Skinhead-Szene eingestellt worden. Ihn hatte die junge Frau als einen der möglichen Täter identifiziert.

Also kein drangsaliertes Mädchen, keine Skinheads, kein eingeritztes Hakenkreuz?

Rebecca K. sieht das anders: Ihr Anwalt Axel Schweppe sagt SPIEGEL ONLINE, seine Mandantin bleibe bei ihrer Schilderung. Die Benennung von 28 Zeugen und zwei Sachverständigen durch die Staatsanwaltschaft sieht er gelassen: "Da sind schon so viele Ermittlungsfehler gelaufen."

Die Geschichte vom eingeritzten Hakenkreuz ist tatsächlich eine Geschichte von Fehlschlägen. Zunächst weil die Ermittler - Polizisten und Staatsanwälte - der jungen Frau glaubten und erste rechtsmedizinische Erkenntnisse auf eine Fremdeinwirkung hinwiesen. Also verbreitete sich die Geschichte im vergangenen November: "Mehr als 100 Medien auf der ganzen Welt haben damals über den Vorfall berichtet", sagt Mittweidas Bürgermeister Matthias Damm SPIEGEL ONLINE. Vor allem, wegen der angeblichen feigen Zeugen. Die Landespressekonferenz Sachsen zeichnete Anfang des Jahres die Ermittlungsbehörden für ihre Patzer mit dem Negativpreis "Tonstörung 2007" aus.

Zweifel gab es schon sehr früh

Erste Zweifel an der Hakenkreuz-Geschichte kamen allerdings schon kurz nach ihrem Bekanntwerden auf. Nicht nur, weil sich keiner der angeblichen Zeugen bei der Polizei meldete - 5000 Euro waren für sachdienliche Hinweise ausgesetzt worden. Eine erste Gutachterin meldete Zweifel an der Hakenkreuz-Schilderung, schließlich wurde ein Fachmann um seine Expertise gebeten. Klaus Püschel, Chef der Hamburger Rechtsmedizin kam zu einem eindeutigen Urteil: K. habe sich ihre Verletzungen selbst zugefügt.

Beim "Bündnis für Demokratie und Toleranz" wusste man um die Ermittlungen gegen K., die Zweifel, die Unklarheiten in ihren Schilderungen. Aber man zeichnete sie im Februar dennoch aus. "Wir glauben Rebecca", sagte Cornelie Sonntag-Wolgast damals. Die SPD-Politikerin und ehemalige Staatssekretärin im Bundesinnenministerium ist Mitglied im Bündnisbeirat, wie die Kanzleramts-Staatsministerin und Integrationsbeauftragte Maria Böhmer (CDU) und der renommierte Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz. Drei von 22 Persönlichkeiten, die den von der Bundesregierung ins Leben gerufenen Dachverband von 1300 Initiativen und Arbeitsgruppen gegen Gewalt und Extremismus beraten.

Schon viele ähnliche Vorfälle

Hat sich das Bündnis von Rebecca K. täuschen lassen? Im Moment will man sich dazu nicht äußern, die neueste Entwicklung werde noch geprüft, hieß es in der Berliner Geschäftsstelle auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Dabei wäre Mittweida nicht der erste Fall dieser Art. Angebliche Hakenkreuz-Ritzereien, die vermeintliche Opfer bei der Polizei angezeigt hatten, haben sich schon mehrfach als Schwindel herausgestellt. Zum Beispiel im Dezember 2002: Die 14-jährige Tochter eines Kubaners berichtete auf einer Wache im brandenburgischen Guben, Neonazis hätten ihr ein Hakenkreuz in die Wange geschnitten. Zunächst glaubten ihr die Polizisten, dann gestand das Mädchen, die Geschichte erfunden zu haben.

Oder 1994 in Halle: Dort hatte ein im Rollstuhl sitzendes Mädchen behauptet, Skinheads hätten ihr ein Hakenkreuz in die Wange geritzt. Tags darauf demonstrierten mehr als 10.000 Menschen gegen rechtsextreme Gewalt. Wenig später gab das Mädchen auch hier zu, die Tat vorgetäuscht zu haben.

Kurz darauf berichtete eine Berliner Antifa-Gruppe, Neonazis hätten in der S-Bahn einer 20-Jährigen ein Hakenkreuz in den Bauch geritzt. Die Ermittlungen der Polizei blieben ebenfalls ohne Ergebnis.

"Die hat sich das nicht ausgedacht"

Was die Geschichte von Rebecca K. nicht unplausibel erscheinen ließ: Die westsächsische Stadt Mittweida ist eines der rechtsextremistischen Zentren des Freistaats. Seit Jahren agitiert hier die Neonazi-Gruppierung "Sturm 34". Im April 2007 wurde sie verboten, danach gingen die rechtsextremistischen Übergriffe zurück. Zurzeit läuft ein Prozess gegen mehrere Mitglieder vor dem Dresdner Landgericht.

Mittweidas Bürgermeister Damm weiß um die Image-Probleme seiner Stadt - umso mehr wünscht sich der CDU-Politiker nun die Aufklärung der Hakenkreuz-Geschichte. "Ich gehe davon aus, dass die Staatsanwaltschaft das sorgfältig geprüft hat", sagt er. Und: "Das kann so nicht im Raum stehen bleiben."

Rechtsanwalt Schweppe bremst diese Erwartungen. "Noch ist nicht einmal klar, ob es zu einem Hauptverfahren kommt", sagt er. Das hätten die Richter nun zu prüfen. Und selbst wenn: "Man wird den Nachweis nicht erbringen können", dass seine Mandantin sich alles ausgedacht habe. Am Ende werde es auf Freispruch herauslaufen, da ist sich Schweppe sicher.

Der Anwalt sagt, er glaube seiner Mandantin nach wie vor. Sie stehe dafür "viel zu sehr mit beiden Beinen in der Welt, die hat sich das nicht ausgedacht". Aber was soll ein Anwalt auch anderes sagen?



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