Sexismus-Vorwürfe Westerwelle nimmt Brüderle in Schutz

"Zutiefst unfair" findet Außenminister Westerwelle die Berichterstattung des "Stern" über seinen FDP-Parteifreund Brüderle. Eine Reporterin wirft dem Fraktionschef vor, ihr gegenüber aufdringlich gewesen zu sein. Die Journalistin verteidigt ihren Bericht.

Westerwelle (l.) und Brüderle: "Ein Politiker, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint"
dapd

Westerwelle (l.) und Brüderle: "Ein Politiker, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint"


Berlin - Rainer Brüderle bekommt in der Debatte um Belästigungsvorwürfe einer "Stern"-Journalistin Hilfe von seinem FDP-Parteifreund Guido Westerwelle. "Diese Art der Berichterstattung ein Jahr nach einem angeblichen Vorfall ist zutiefst unfair", sagte der Außenminister am Donnerstag auf dem Flug nach Lissabon. Außerdem sei es "unmöglich", Brüderles Ehefrau Angelika in die Berichterstattung hineinzuziehen.

Der Fraktionschef und designierte Spitzenkandidat der Liberalen wird von der "Stern"-Reporterin Laura Himmelreich beschuldigt, am Rande des traditionellen Dreikönigstreffens der Partei 2012 anzügliche Bemerkungen gemacht zu haben. Unter dem Titel "Der Herrenwitz" berichtet die 29-Jährige über unangemessene Anmachversuche von Brüderle. Brüderle habe ihr unter anderem auf den Busen geschaut und gesagt: "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen."

In Himmelreichs Bericht ist auch die Rede davon, dass Brüderle seit mehr als 30 Jahren verheiratet ist. Die entsprechende Passage wurde inzwischen auf "stern.de" gestrichen. Seine Frau Angelika, eine erfolgreiche Volkswirtin, und er werden in dem Bericht auch zusammen auf einem Foto gezeigt, das auf einer Operngala in Berlin aufgenommen wurde.

Zu spät veröffentlicht

Der "Stern"-Beitrag stieß nicht nur bei FDP-Politikern auf Kritik. Bereits am Mittwoch hatten sich mehrere Liberale bei SPIEGEL ONLINE vor Brüderle gestellt. SPD-Politiker Sebastian Edathy monierte, die Journalistin hätte sich früher melden können. "Es zeugt für mich von einem merkwürdigen Berufsverständnis, als Journalistin um Mitternacht an einer Hotelbar ein offizielles Gespräch mit einem Politiker führen zu wollen", sagte er der Berliner "taz".

Dass das ein nicht-öffentliches Gespräch gewesen sei, liege auf der Hand. "Wenn die betroffene Journalistin das Geschehen als übergriffig empfunden hat, hätte sie das schon vor einem Jahr öffentlich machen können", so Edathy.

"Das Thema ist größer als die FDP und geht über diese hinaus."

Die Liberale Silvana Koch-Mehrin nahm den "Stern" für seine Berichterstattung dagegen in Schutz. "Ich finde es gut, dass Frau Himmelreich den Mut hat, das Thema Anzüglichkeiten so offen zu benennen", sagte Koch-Mehrin. Angesichts der Relevanz des Themas sei es aber wichtig, es "aus der Nische FDP-Kritik" herauszubringen. "Das Thema ist größer als die FDP und geht über diese hinaus."

Allerdings warf Koch-Mehrin ihrer Partei vor, ein Problem mit Frauen in den eigenen Reihen zu haben. "Die FDP ist das Schlusslicht, wenn es darum geht, Gleichberechtigung in der eigenen Partei zu leben", sagte sie. Wirksame Schritte, um den Frauenanteil zu erhöhen, gebe es bei der FDP nicht. Schon jetzt gebe es kaum Frauen in der Partei, und es würden immer weniger. "Dadurch werden viele relevante Themen aus einer nicht sehr repräsentativen Sichtweise betrachtet", sagte Koch-Mehrin, die dem Frauenausschuss des Europäischen Parlaments angehört.

Mit den heftigen Reaktionen nicht gerechnet

"Stern"-Chefredakteur Thomas Osterkorn argumentierte auf "stern.de": "Der erste Eindruck, den Laura Himmelreich vor einem Jahr von Brüderles Umgang mit Frauen gewonnen hatte, bestätigte sich im Laufe der Zeit bei weiteren Beobachtungen und Begegnungen. Ich halte unsere Berichterstattung deshalb für legitim."

Ihn erfreue, sagte Osterkorn der Nachrichtenagentur dpa, dass sich jetzt zunehmend Frauen beim Magazin meldeten, die berichteten, dass so etwas nicht nur unter Politikern, sondern auch in Unternehmen gang und gäbe sei. Junge Frauen akzeptierten einen solchen Stil nicht mehr. Er deutete an, dass das Magazin beim dem Thema nachlegen wolle.

Himmelreich selbst sagte am Donnerstag dem Deutschlandfunk, sie habe Brüderle nicht anprangern wollen. Sie wird auf der Internetseite des Senders zitiert, in ein Mikrofon habe sie aber nichts sagen wollen. "Der Tenor ihres Artikels sollte nie sein: Sie wurde von Rainer Brüderle belästigt, und jetzt will sie ihn an den Pranger stellen." Wörtlich heißt es weiter: "Ihre Absicht sei es gewesen, aufzuzeigen, dass Brüderle ein Politiker sei, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Und dass der 67-Jährige nun als Spitzenkandidat der FDP im Wahljahr 2013 ins Rennen geschickt wird - das passe nicht."

Himmelreich wurde weiter zitiert, sie finde es wichtig, dass die Debatte über den Umgang zwischen Politikern und jungen Journalistinnen geführt werde. Allerdings habe sie nie beabsichtigt, diese Debatte anzustoßen, so die Reporterin. Mit den heftigen Reaktionen habe sie nicht gerechnet.

heb/dpa/dapd



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