Auftritt beim Karneval Kramp-Karrenbauer bleibt "Putzfrau Gretl" treu

Bei der "Saarländischen Narrenschau 2019" trat Annegret Kramp-Karrenbauer erneut als "Putzfrau Gretl" auf. Die CDU-Chefin bekennt sich zur Provinz - und punktet mit Spitzen gegen Jens Spahn und Friedrich Merz.

Annegret Kramp-Karrenbauer tritt bei der Saarländischen Narrenschau auf.
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Annegret Kramp-Karrenbauer tritt bei der Saarländischen Narrenschau auf.

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Einmal fällt sie dann doch aus der Rolle. Kurz verrutscht die Maske und der "Putzfrau Gretl" rutscht ein "Ich" heraus, mit dem Annegret Kramp-Karrenbauer gemeint ist. Niemand im Saal nimmt ihr das übel, im Gegenteil. Zu geschmeichelt sind die 1100 Närrinnen und Narren, dass "es Annegret" das Saarland keineswegs vergessen hat und auf der "Saarländischen Narrenschau 2019" wieder in ihre gewohnte Rolle schlüpft.

Im Februar 2011 stand sie erstmals mit Kittel und Kopftuch und Besen auf der Bühne, um in der Rolle der Reinigungsfachkraft "aus dem Landtag" launige Schwänke über "die da oben" vom Stapel zu lassen. Gerade so, als wäre sie nach ihrer Zeit als - erste und bisher einzige Innenministerin - im Kabinett von Peter Müller (CDU) und damalige Ministerin für Bildung, Familie, Frauen, Kultur, Arbeit, Familie, Soziales und Allesmögliche nicht selbst längst Teil des Establishments.

Erstens konnte sie auf diese Weise ihre Zugehörigkeit zu einem bürgerlichen Lager signalisieren, das an solchen vereinsmeierhaften Volkstümlichkeiten traditionell Gefallen findet. Zweitens konnte sie dieses Publikum als "Putzfrau", sozusagen als ihre eigene humoristische Nachhut, über angebliche Interna aus dem Landtag informieren. Drittens ist es wohl so, dass ihr diese Auftritte tatsächlich Freude bereiteten.

Im August 2011 hatte sich Kramp-Karrenbauer mit hauchdünner Mehrheit gegen Heiko Maas (SPD) durchgesetzt und war zur Ministerpräsidentin gewählt worden. Ihre "Putzfrau Gretl" behielt sie bei, als ganz speziellen Kommunikationskanal zur Wählerschaft, Jahr für Jahr. Nur 2018 musste sie ihre närrischen Freunde im Stich lassen. Das war, als sie auf dem Bundesparteitag der CDU zur Generalsekretärin gekürt wurde.

"Putzfrau Gretl" zwischen Münchner Sicherheitskonferenz und Chefin in Berlin

Inzwischen ist sie Vorsitzende der CDU und wird als kommende Kanzlerin gehandelt. Sie müsste nicht nach St. Ingbert, knapp 30 kurvige Landstraßenminuten von ihrem Heimatort Püttlingen entfernt. Selbst die Saarländer könnten das verstehen. Auch Landsleute wie Peter Altmaier oder Heiko Maas haben offensichtlich in Berlin gut zu tun.

Kramp-Karrenbauer aber fährt unmittelbar nach der Münchner Sicherheitskonferenz und unmittelbar vor einer weiteren Woche als CDU-Chefin im Konrad-Adenauer-Haus in die Alte Schmelze im Saarland, um vor schunkelnden Narren die Putzfrau zu geben. Warum macht sie das? Und wie macht sie das?

Wer der "Putzfrau Gretl" zuhört, erfährt zunächst Wissenswertes über das Selbstverständnis der Politikerin Annegret. "Ich weeß gar net, wie ich do hingeroot bin", sagt sie zu Beginn ihres Auftritts: "So ein Schlamassel!" Eigentlich habe sie - als Putzfrau - nur "mal kurz" nach Berlin kommen sollen, um die Trümmer von Jamaika "unter den Teppich" zu kehren.

Danach habe sie "weiterputzen" müssen, mit der SPD kenne sie sich aus dem Saarland doch auch aus. Nun müsse sie "dort bleiben in Berlin", um den ganzen "Dreck und Blödsinn" der "vielen Saarländer" wegzuputzen: "Unfassbar, unfassbar". Sie trifft den Ton zwischen Larmoyanz ("Nää, nää, nää!") und subalterner Cleverness: "Isch hann jo schon e bissje Hemmweh", denn die Berliner könnten kein Saarländisch.

Bekenntnis zur Provinz

Vorgeworfen wurde Kramp-Karrenbauer einerseits ihre Provinzialität, andererseits ihre mangelnde Abgrenzung zu Kanzlerin. Zur Provinz bekennt sie sich aus vollem Herzen, schließlich werden dort Wahlen entschieden. Auf politischer Ebene betreibt AKK bereits den Abschied vom Erbe der Kanzlerin. Auf symbolischer Ebene könnte sie sich kaum deutlicher abgrenzen als hier.

Annegret Kramp-Karrenbauer als "Putzfrau Gretl"
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Annegret Kramp-Karrenbauer als "Putzfrau Gretl"

Zwar ist Angela Merkel für ihren trockenen protestantischen Humor in kleiner Runde bekannt, als büttenredende Rampensau allerdings undenkbar. Kramp-Karrenbauer hingegen hat kein Problem damit, nach einem Schautanz zum Thema "Zyklus der Frau" und vor einem Gardetanz als Programmpunkt unter vielen aufzutreten. Weil sie's kann und auch das Derbe beherrscht, das sie mit Disziplin abarbeitet.

Nachdem die Provinz mit ausgestellter Verwunderung über die seltsamen Berliner und den üblichen Witzen über die Pfälzer (die nun ein Problem mit Donald Trump hätten) ausreichend gewürdigt wurde, widmet sich die "Putzfrau Gretl" dem Wolf. Dessen Tötung wird als "finale letale Entnahme" bezeichnet, und das höre sich doch "eher an wie Darmspiegelung".

In der entsprechenden Kabinettsitzung hätten die Grünen moniert, das Schaf sei selbst schuld, stünde es doch den Wolf "provozierend herum". Lustig macht sie sich über das "Infrastrukturausbaubeschleunigungsgesetz" und das Gewicht von Peter Altmaier, der Außenminister hätte werden können, wäre er für die Flugbereitschaft der Regierung nicht zu schwer. Tusch!

Apropos Regierung, die bekanntlich nicht arbeite. Sie würde "jo gern wat schaffe, awwer die dirfe net. Die Deutsche Umwelthilfe hat das verboten. Wenn die do anfangen, wat ze schaffen, wirbelt das zu viel Staub uff", was ebenfalls gut ankommt beim Publikum. Blöde Umwelthilfe! Es stehen viele Diesel auf dem Parkplatz vor der Halle.

Ein Parteitag im leicht beschwipsten Paralleluniversum

Nach 18 Jahren habe Angela Merkel gesagt: "Jo leck", und eine Nachfolgerin gesucht. Spahn bezeichnet AKK als Gesundheitsminister, der sich um alles kümmere - nur nicht um Gesundheit. Und Friedrich Merz, den "Wiedergänger der deutschen Politik". In einen Kalauer kleidet sie, dass der Mann so schlau gar nicht sei. Hier kann sie ("Ich") endlich auf eine Weise den Druck vom Kessel nehmen, die bei Anne Will womöglich nicht ganz so gut ankäme.

Wie auch, in Washington oder Moskau, ihr müder Witz mit Putin und Trump im Flugzeug, das natürlich abstürzt. Bevor man aber noch befürchten kann, hier käme jemand den Ressentiments des Publikums entgegen, der den Ernst der Lage nicht begriffen hat, schließt sie beinahe weihevoll: "Jo, ihr Leit, es is e närrisch Zeit", nicht nur im Saarland. In der ganzen Welt.

Es wirkt eine solche Karnevalssitzung ohnehin wie ein Parteitag in einem leicht beschwipsten Paralleluniversum. Vor zustimmungswilligem Publikum sitzt eine Riege ehrwürdiger Granden, davor treten in schneller Folge irgendwelche Gestalten auf - unter anderem eine Provinzpolitikerin, die sich noch immer "warmläuft" für Kommendes.

Beim Derblecken am Nockherberg oder dem Karneval in Köln ist die Politik der Gegenstand von Spott und Häme. Hier, im Saarland, hat "es Annegret" ein Heimspiel, sie ist als Hobby-Humoristin in die politische Folklore "embedded". Das macht sie aus guten Gründen, der Saarländische Rundfunk zeichnet auf, und sie macht es gut. Fastnacht halt.

Eine echte Putzfrau hätte sich übrigens gefragt, wovon sie eigentlich im Alter leben soll. Tusch.



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