CDU-Generalsekretärin Kramp-Karrenbauer In Merkels Schatten

Annegret Kramp-Karrenbauer gilt als große Hoffnung der CDU. Ihre Kennenlerntour durch die Partei hat die Generalsekretärin jetzt beendet - aber der Weg zur Merkel-Nachfolgerin ist noch weit.

Annegret Kramp-Karrenbauer
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Annegret Kramp-Karrenbauer

Von , Essen


Im Pavillon der Essener Philharmonie erlebt Annegret Kramp-Karrenbauer an diesem Morgen erst mal eine Überraschung: An keiner der drei blauen Pinnwände ist ein Zettel zu ihrem neuen Lieblingsthema angeheftet. "Das wäre die erste Veranstaltung, bei der es keine Karte dazu gibt", sagt die CDU-Generalsekretärin und schaut ein bisschen ungläubig in die Reihen. Ihr kontrovers aufgenommener Vorstoß nach einer Dienstpflicht für junge Leute war aus der sogenannten Zuhör-Tour entstanden, mit der Kramp-Karrenbauer seit Ende April durch die Parteibasis der Republik gereist ist.

Auch wenn ausgerechnet beim Tour-Finale in Essen kein Mitglied darauf drängt - schon wegen der Sache mit der Dienstpflicht hat sich der Aufwand aus Sicht der Generalsekretärin gelohnt. "Das ist ein positives Zeichen für viele Mitglieder", sagt sie, wenn eine von der Basis ersonnene Idee von der großen Politik diskutiert werde.

40 Veranstaltungen mit über 5000 Teilnehmern liegen hinter ihr. Die bisherige saarländische Ministerpräsidentin wollte die Partei außerhalb ihres kleinen Heimatlandes kennenlernen, die Basis sollte auch im Rest der Republik ein besseres Bild von Kramp-Karrenbauer bekommen, der neuen CDU-Nummer 2 hinter der Vorsitzenden und Kanzlerin Angela Merkel.

Diesmal sind etwa 200 Mitglieder gekommen - für "unter der Woche um zehn Uhr", wie es ein Essener CDU-Funktionär bei der Begrüßung sagt, ist das ganz ordentlich. Die Partei ist neugierig auf die Frau, die vielleicht einmal Merkels Nachfolgerin wird. Die Basis kennt Merkel, seit 1998 Generalsekretärin, CDU-Chefin seit 2000 und im dreizehnten Jahr ihrer Kanzlerschaft, inzwischen hinlänglich. Man schätzt sie - oder auch nicht.

Annegret Kramp-Karrenbauer, 56, inzwischen auch bundesweit AKK genannt, muss sich bei den Mitgliedern dagegen erst mal einprägen. Eine Chance, aber auch ein Problem. Ihr phänomenales Ergebnis bei der Wahl zur Generalsekretärin im Februar sagt wenig darüber, wie groß ihr Standing in der Partei tatsächlich ist. Die knapp 99 Prozent waren ein Vorschuss, mehr nicht. Ob es ihr gelingt, aus dem Schatten Merkels zu treten und ein eigenes Profil in der Partei zu entwickeln, vor allem aber bei den Bürgern, ist die spannende Frage.

"Nah bei de Leud"

In Essen steht sie in Jeans und Bluse an dem kleinen Stehtisch. Ein typisches AKK-Outfit. Sie ist auch rhetorisch "nah bei de Leud", wie der langjährige rheinland-pfälzische SPD-Ministerpräsident Kurt Beck einst das Erfolgsrezept eines Länder-Regierungschefs beschrieb. Eines ihrer drei Kinder ist Polizist, sie wohnt mit ihrem Mann in Püttlingen, wenige Kilometer von ihrem Heimatort Völklingen entfernt. Aber reicht das auch für die große Bühne, für den Platz ganz vorne?

Andererseits hat Kramp-Karrenbauer in den wenigen Monaten seit ihrer Wahl zur Generalsekretärin einen wohl beispiellosen Crashkurs absolviert. Erst die Wackelpartie mit der SPD bei der Koalitionsbildung, dann blickte sie so tief in den christdemokratischen Abgrund, wie wohl noch kein anderer in diesem Amt. Im Kern ging es wieder mal um den Konflikt zwischen Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer - nur dass er diesmal beinahe die Union zerrissen hätte und die CDU gleich mit. Und als Merkel-Vertraute und von ihr installierte Generalsekretärin ging es für AKK plötzlich auch schon um alles.

Hat Kramp-Karrenbauer wirklich die besten Karten für die Nachfolge?

Kramp-Karrenbauer hielt den Streit nicht nur wegen des nur knapp vermiedenen Bruchs für fatal, sondern weil sie glaubt, dass bürgerlich-konservative Wähler sich davon abgestoßen fühlen, wenn ihre Parteien sich so aufführen. Sie sollen Probleme lösen und sich nicht gegenseitig bekämpfen.

Bei ihrer Tour durch die Partei hat Kramp-Karrenbauer gehört, was die Basis umtreibt: Die Asyl- und Flüchtlingspolitik war da nur eines von mehreren Großthemen, häufig ging es um das Verhältnis zwischen Bürger und Staat, Rente und Pflege, die Frage der Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land und den sogenannten Normalbürger, die Zukunft der Europäischen Union - und natürlich die der CDU.

Über die Zuhör-Tour will Kramp-Karrenbauer ihrer Partei ein neues Gesicht geben, das alte Grundsatzprogramm ist von 2007: Darin geht es noch um die Verlängerung der AKW-Laufzeiten, dafür ist von Digitalisierung noch keine Rede. Sie will die Partei so aufstellen, dass sich die Mitglieder besser darin aufgehoben fühlen - und sie gleichzeitig für die breite Mitte wählbar ist.

Natürlich wird das am Ende auch davon abhängen, wer Merkel folgt, zunächst wohl an der CDU-Spitze. Beim Parteitag Ende 2020 könnte die Vorsitzende ihren Posten räumen. Hat Kramp-Karrenbauer wirklich die besten Karten für die Nachfolge? Im Moment sieht vieles danach aus. Sie macht ihre Sache sehr gut, hört man.

Abgesehen von der Außenpolitik in beinahe jedem Themengebiet sattelfest

Ihr Vorteil gegenüber möglichen Mitbewerbern wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn oder Nordrhein-Westfalens Regierungschef Armin Laschet mit Blick auf die weiblich dominierte Wählerstruktur in Deutschland: Sie ist eine Frau. Und sie hat so viel exekutive politische Erfahrung wie beide zusammen - im Saarland führte sie vor dem Einzug in die Staatskanzlei so ziemlich jedes Ministerium.

Aber: Als Generalsekretärin ist ihre öffentliche Wirkung deutlich eingeschränkter als die von Spahn oder Laschet - gleiches gilt für Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, deren Ehrgeiz für die Zeit nach Merkel nicht zu unterschätzen ist.

Der Vorstoß mit der Dienstpflicht war deshalb, egal was am Ende daraus wird, auch ein Erfolg für AKK persönlich. Ihre jüngste Kritik an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, weil der für das Anti-Rechts-Konzert in Chemnitz geworben hatte, obwohl dort auch eine Band mit linksradikaler Vergangenheit spielte, wohl eher nicht - zumal anschließend bekannt wurde, dass diese Band auch bei einem Festival im Saarland aufgetreten ist, das Kramp-Karrenbauer als damalige Ministerpräsidentin wiederum empfahl. Aber auch das gehört zur Lernkurve einer Generalsekretärin.

Angela Merkel hatte anderthalb Jahre in dem Amt, bis sie CDU-Chefin wurde. Wenn Merkel wirklich Ende 2020 den Parteivorsitz abgibt, bleibt Kramp-Karrenbauer deutlich mehr Zeit.



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insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
quark2@mailinator.com 05.09.2018
1.
Nur einmal möchte ich es erleben, daß eine wirklich sympathische Person auf einen wichtigen Posten kommt, jemand mit bischen Licht in den Augen, Ehrlichkeit und menschlicher Wärme. Spontan fällt mir Gesine Hildebrandt ein und ein früher Gregor Gysi, aber es geht mir hier gar nicht um die politische Himmelsrichtung, sondern nur darum, daß es so selten vorkommt, daß man einen Politiker ansieht und sich intuitiv vernünftig vertreten fühlt, kompetent, engagiert, aber eben auch sympathisch. Inzwischen sehe ich das als Fehler im System an. Und es tut mir leid, aber Frau KK überzeugt mich in dieser Beziehung leider auch nicht.
rainerwäscher 05.09.2018
2.
Mit ihrem Vorschlag "Dienstjahr für Flüchtlinge" hat sie bewiesen, dass sie keinerlei Ahnung hat. Dann lieber nochmal 4 -8 Jahre Merkel.
wallaceby 05.09.2018
3. "Kanzlerin Kramp-Karrenbauer"...?
Diese Vorstellung alleine ist schon so gruselig, dass man es am besten sofort wieder verdrängt! Dabei ist eine zukünftige Verballhornung mit "KKK" alleine schon bizarr für sich. Deutschland muss wirklich schon sehr arm dran sein, wenn Politiker wie obige Dame unsere politischen "Hoffnungsträger" nach Merkel sein sollen..!
GMNW 05.09.2018
4. Glashaus!
Frau Kramp-KBauer, die Dame mit dem "WOW - Effekt"; ausgerechnet sie muss -zu Recht- den Bundespräsidenten- in seiner Rolle als "Road-Manager" für das Konzert mit zweifelhaften Bands in Chemnitz kritisieren! Größtmöglicher Scherbenhaufen!
seinedurchlaucht 05.09.2018
5.
Das würde bedeuten, dass es einen Bedarf gäbe, dass Merkels Politik so fortgeführt wird. Meine Prognose: Das wird nicht der Fall sein.
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