Attentäter von Ansbach Die zwei Legenden des Mohammad Daleel

Er soll bis kurz vor dem Anschlag in Ansbach unmittelbaren Kontakt mit einem Kämpfer des "Islamischen Staats" gehabt haben. War Mohammad Daleel ein gebrochener Mann oder ein kühl kalkulierender Terrorist?

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Wer war Mohammad Daleel wirklich? Glaubt man den Angaben, die er selbst in Deutschland gemacht hat und die Psychologen und Sachbearbeiter teilweise bestätigt haben, dann war der 27-Jährige ein gebrochener Mann. Schwer depressiv, traumatisiert, suizidal.

Glaubt man dem Nachruf, den die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) in ihrem Propagandamagazin "al-Nabaa" veröffentlicht hat, dann war Daleel ein fanatischer Dschihadist, der schon vor Beginn des syrischen Bürgerkriegs für die IS-Vorgängerorganisation im Irak gekämpft und den Anschlag in Ansbach von langer Hand geplant hatte: kalkuliert, skrupellos, hasserfüllt.

Der IS stellt Daleel, Kampfname Abu Yusuf al-Karrar, als überzeugten Islamisten dar. "Mit Beginn des Dschihads gegen die Alawiten in Syrien bildete er eine Dschihadistenzelle, die auf Angriffe mit Granaten und Molotowcocktails gegen das Alawitenregime spezialisiert war", heißt es in dem IS-Papier. Später habe er sich verschiedenen Milizen in seiner Heimatstadt Aleppo angeschlossen.

"In ständigem Kontakt mit einem IS-Soldaten"

Ungefähr zu der Zeit, als Abu Bakr al-Baghdadi die Gründung der Terrormiliz "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (Isis) ausrief, sei Daleel verwundet worden und habe zur Behandlung ins Ausland gehen müssen. Glaubt man der Datierung des IS, war das im Frühjahr 2013. Daleel selbst gab laut seiner Asylakte an, er habe Syrien am 16. Juli 2013 verlassen.

"Ich habe Angst vor einer Rückkehr nach Syrien, weil ich zu einem Mörder werden könnte", sagte Daleel im August 2014 in einer Befragung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Zirndorf.

Ganz anders klingt der IS-Bericht: Daleel soll mehrfach versucht haben, nach Syrien zurückzukehren, er sei aber an den Grenzübergängen aufgehalten worden. Also habe er sich dazu entschlossen, "die Feinde Gottes im kreuzzüglerischen Deutschland anzugreifen". Zunächst habe er vorgehabt, wie einst in Syrien Autos und Fahrzeuge mit Brandbomben zu attackieren. Diesen Plan habe er jedoch verworfen, weil er kein eigenes Auto besaß und fürchtete, Verdacht zu wecken, wenn er sich größere Mengen Benzin beschaffte.

"Deshalb plante er stattdessen eine größere und effektivere Operation, nämlich eine Explosion inmitten einer Versammlung der Kreuzzügler, mit einer Bombe aus einfachen Materialien, die er selbst herstellt", so das IS-Papier. Drei Monate soll er dafür gebraucht haben. Einmal habe die Polizei den Ort durchsucht, an dem er den Sprengsatz herstellte. "Gott blendete die Augen der Polizisten während der Durchsuchung, und sie konnten die Bombe nicht finden", brüstet sich der IS.

Am Tag vor dem Anschlag habe Daleel das Festivalgelände in Ansbach ausspioniert. Er sei währenddessen "in ständigem Kontakt mit einem Soldaten des 'Islamischen Staats'" gewesen, heißt es. Das deckt sich mit den Erkenntnissen der Ermittler: "Es hat offensichtlich einen unmittelbaren Kontakt mit jemandem gegeben, der maßgeblich auf dieses Attentatsgeschehen Einfluss genommen hat", sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. Ob Daleel wirklich beabsichtigte, "in dieser Minute die Bombe zu zünden" sei aber fraglich, so Herrmann.

Video: Innenminister Herrmann über den Kontakt des Täters

Ein Therapeut, der den Syrer Anfang 2015 begutachtet hatte, warnte, "ihm sei durchaus zuzutrauen, dass er selbst seinen Selbstmord noch spektakulär in Szene setzt".

Bundesanwaltschaft prüft IS-Angaben

Aber wie viel in dem IS-Nachruf auf Daleel ist erfunden? Das prüfen die Ermittler nun. "Uns ist das Papier bekannt, und wir sind dabei, die Angaben zu verifizieren", teilt die Bundesanwaltschaft mit. Die Behörde hat die Ermittlungen zum Anschlag von Ansbach übernommen.

Hat Daleel wirklich versucht, nach Syrien zurückzukehren? Hat die Polizei tatsächlich den Ort durchsucht, an dem er den Sprengsatz baute? All diese Behauptungen werden nun überprüft.

Die Ermittler stehen vor großen Herausforderungen. "Es rächt sich nun, dass wir über die Menschen, die in den vergangenen Jahren zu uns gekommen sind, nichts wissen", sagt ein Staatsschützer aus Nordrhein-Westfalen. "Wir kennen nicht ihre Namen, nicht ihre Vorstrafen, es ist häufig vollkommen unklar, ob sie sich terroristischen Vereinigungen angeschlossen hatten oder ob sie deren Opfer waren." Eine Bewertung, ob bestimmte Personen gefährlich seien, sei auf dieser Grundlage kaum zu treffen. "Ab der ersten Registrierung bekamen die Flüchtlinge quasi eine neue Identität, das könnte sich nun als Riesenproblem herausstellen", heißt es in Sicherheitskreisen.

Die Attentäter von Ansbach und Würzburg waren den Sicherheitsbehörden vor ihren Taten vollständig unbekannt. Das unterscheidet sie erheblich von anderen islamistischen Terroristen in Europa, um deren Gesinnung Polizei und Nachrichtendienste häufig wussten, weil ihre vollständige Überwachung möglich oder erlaubt war.

Die Aussage des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, man müsse wissen, wer im Land sei, kommentiert der Beamte bissig: "Der Satz ist richtig. Doch die Wahrheit ist, dass sich dieser Zustand nicht mehr vollständig herstellen lässt."

Die Überprüfung aller Zuwanderer durch Polizei und Verfassungsschutzämter wäre eine Herkulesaufgabe, noch dazu ohne besondere Aussicht auf Erfolg: "Wir hätten uns vor allem damit zu begnügen, was die Menschen uns sagen. Überprüfen können wir das kaum." Im Zuge des Asylverfahrens geschieht eine solche Befragung schon jetzt - in Zuständigkeit des Bamf.

Ein Problem ist aber auch die Identifikation der Betreffenden. So gibt es keine Datenbanken in Syrien oder Afghanistan, mit denen sich etwa Fingerabdrücke von Asylbewerbern abgleichen ließen.

Hoffnung richten hochrangige Beamte daher auf den internationalen Datenaustausch mit westlichen Sicherheitsbehörden, an dem sich deutsche Nachrichtendienste und Polizeibehörden stärker als bislang beteiligen sollen. Das sieht das neue Anti-Terror-Paket der Bundesregierung vor.

Zudem hatte Bundesinnenminister Thomas de Maizière im Mai ein Geheimabkommen mit den USA geschlossen, das die Grundlage eines intensiveren Informationstransfers über Islamisten bilden soll. In der Abteilung Staatsschutz des Bundeskriminalamts ist dazu das Projekt "Dada" eingerichtet worden, das den Fluss der Nachrichten abwickeln soll. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE haben die Amerikaner bereits Tausende Datensätze von Islamisten übermittelt.


Wer steckt hinter der IS-Propaganda? Mehr erfahren Sie im Video:

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