Anschlägen in Bayern Saudi-Arabien bietet Hilfe bei Ermittlungen an

Die Terrorattacken in Bayern wurden nach SPIEGEL-Informationen offenbar aus Saudi-Arabien gesteuert. Das Königshaus geht nun in die Offensive und sichert überraschend Hilfe bei den Ermittlungen zu.

Ermittler in Ansbach
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Ermittler in Ansbach

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Die saudische Regierung hat eine umfassende Kooperation mit Deutschland bei den Ermittlungen nach den Terrorattacken von Würzburg und Ansbach angekündigt. Am Freitagabend sagte ein ranghoher Regierungsmitarbeiter in Riad SPIEGEL ONLINE, man wolle den Deutschen bei der Suche nach möglichen Hintermännern der Anschläge helfen.

Die Aussagen sind weitreichend. Die saudischen Behörden seien bereits in Kontakt mit ihren deutschen Kollegen. "Gemeinsam werden wir alles tun, um die Hintergründe der Anschläge aufzuklären", hieß es aus der saudischen Regierung. Normalerweise gilt das Königreich als sehr verschlossen, gerade bei Verdachtsmomenten, dass der Terror des "Islamischen Staats" (IS) oder anderer Gruppierungen aus dem Wüstenstaat heraus unterstützt oder gar gesteuert würden.

Das Kooperationsangebot aus Riad folgt auf neue Erkenntnisse, die die deutschen Terrorfahnder beunruhigen. Nach SPIEGEL-Informationen hatten sowohl der Attentäter, der in Ansbach eine selbst gebaute Bombe zündete als auch ein junger Flüchtling, der in einem Regionalexpress bei Würzburg mit einem Beil auf Mitreisende einschlug, bis kurz vor den Taten über einen Chat engen Kontakte zu möglichen Hintermännern vom "Islamischen Staat" (IS).

Spuren führen nach Saudi-Arabien

Eine der Chat-Spuren, welche die Ermittler mittlerweile rekonstruieren konnten, führte zu einer Telefonnummer nach Saudi-Arabien. Die Fahnder vermuten, dass die beiden Männer von den IS-Kadern nicht nur inspiriert, sondern regelrecht bis zu den Taten instruiert worden waren. So fanden sie in den Chats des Attentäters von Ansbach konkrete Aussagen, dass der Attentäter Mohammed Daleel offenbar weitere Anschläge verüben sollte.

Auch die Planungen von Riaz Khan Ahmadzai, der am 18. Juli mehrere Menschen in einem Regionalzug mit einer Axt und einem Messer schwer verletzte, wurden über den Chat intensiv begleitet. So hatte der mutmaßliche IS-Kontaktmann dem 17-Jährigen vorgeschlagen, mit einem Auto in eine Menschenmenge zu fahren. Dieser lehnte das mit der Begründung ab, keinen Führerschein zu besitzen.

Stattdessen, so kündigte Ahmadzai an, werde er in einen Zug steigen und die erstbesten Fahrgäste angreifen. Kurz zuvor nahm er in seiner Unterkunft ein Abschiedsvideo auf, in dem er sich zum IS bekannte und andere Sympathisanten zu weiteren Attacken in Deutschland aufforderte. In dem Chat mit dem bisher unbekannten Kontakt, der möglicherweise in Saudi-Arabien sitzt, verabschiedete er sich eindeutig. "Wir sehen uns im Paradies", lautet der letzte Chat-Eintrag.

Ob der Chat-Kontakt ein ranghoher IS-Kader oder nur ein kleines Rädchen im weltweiten Netzwerk der Terroristen ist, können die Ermittler noch nicht sagen. Allerdings sind beide Varianten, entweder eine direkte Instruktion durch den IS oder eine Art Beratung durch einen Freelancer mit radikalem Gedankengut, der die beiden jungen Männer in Deutschland aufstachelte und zum Anschlag trieb, nicht wirklich beruhigend.

Die "SZ" veröffentlichte am Freitagabend weitere Details aus den Chats. Demnach habe der Täter von Ansbach sich dem Chat-Partner als Attentäter angeboten, dieser beriet ihn dann bei der Vorbereitung bis hin zu dem Moment, als er seine Bombe vor einem Weinlokal zündete. Ebenso versprach der Unbekannte dem Attentäter, sein Video an die Propaganda-Abteilung des IS weiterzuleiten und dass die Organisation sich umgehend zu der Attacke bekennen würde.

Ungewöhnliche Töne aus Riad

Wenn die Saudis wirklich mit Deutschland kooperieren, könnte das für die Ermittler sehr hilfreich sein. Im Königreich herrscht ein recht striktes Überwachungssystem, besonders die Mobilfunknetze und sozialen Netzwerke werden intensiv ausgewertet. Die Lokalisierung des möglichen Kontaktmanns könnte, wenn er denn wirklich in Saudi-Arabien lebt, durchaus möglich sein. Laut den Ermittlern ist die saudische Nummer in dem Chat ein sehr klarer Hinweis, ganz sicher aber können sie sich nicht sein.

Dass sich Riad überhaupt und so schnell zu den Verdachtsmomenten äußert, ist mehr als ungewöhnlich. Normalerweise schweigt das Königshaus stoisch zum Lamento des Westens, Riad tue nicht genug gegen den weltweiten Terror und seine Hintermänner. Aktuell wird in den USA wieder hitzig diskutiert, ob die US-Regierung die Rolle der Saudis bei den Vorbereitungen für die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA vertuscht hat.

Ein klares Urteil fällt im Fall von Saudi-Arabien schwer. Zwar verspricht die Regierung immer wieder eine harte Hand gegen den Terror. Gleichwohl wird der weltweite Dschihad des IS von radikalen Geistern aus dem Wüstenstaat massiv unterstützt. Gerade der IS wiederum ist für das Königshaus ein echte Gefahr, weil sich die Radikalen als wahre Version des Islams und damit als Konkurrenz zum autoritären Königshaus präsentieren.

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