S.P.O.N. - Im Zweifel links Mein Muslim? Dein Rassist!

Der Mörder von München war womöglich ein Rassist, der Türken und Araber hasste. Freuen sich jetzt die Linken? Oder die Rechten, weil er ausländische Wurzeln hatte? Diese "Mein Schurke, dein Schurke"-Debatte muss aufhören.

Eine Kolumne von


Menschen haben ihr Leben verloren. Menschen haben Angst. Aber dennoch gibt es auch Menschen, denen das Leid der anderen in den Kram passt. Anders ist nicht zu erklären, dass die AfD Sachsen wenige Stunden nach den ersten Meldungen über die Schüsse von München twitterte: "Der Terror ist wieder zurück! Wann macht Frau Merkel endlich die Grenzen dicht!" Zu diesem Zeitpunkt wusste man noch sehr wenig über Täter und Motive. Inzwischen sieht es so aus, als stehe der Mörder von München der Gedankenwelt der AfD näher als Merkels gescholtener Willkommenskultur. Und nun? Soll sich jetzt die andere Seite darüber freuen, dass die Hetzer der AfD danebenlagen? Bloß nicht.

Der Attentäter von München soll stolz darauf gewesen sein, am 20. April Geburtstag zu haben - wie Hitler. Er soll Türken und Araber gehasst haben. Er verübte sein Massaker am selben Tag wie Norwegens rechtsextremer Massenmörder Anders Breivik. In der Logik der verbalen Eskalation müsste man sagen: ein schlechter Tag für die Rechten im Land. Einer der "Ihren" hat neun Menschen getötet. Aber diese Logik darf man sich nicht zu eigen machen. Es muss endlich ein Ende haben damit.

Wenn der Täter ein Muslim ist, freuen sich die Rechten, weil die "linken Gutmenschen" mit ihrer verhassten Willkommenskultur als Terrorimporteure gebrandmarkt werden können. Ist der Täter kein Muslim oder hat die Tat keinen politischen Hintergrund, freuen sich die Linken, weil der rechte Islamhass erneut als böses Vorurteil entlarvt ist. Das ist ein krankes Spiel. Alles, was meinem Gegner schadet, nützt mir - wer in der politischen Auseinandersetzung nur nach dieser Maxime handelt, beschädigt auf Dauer die Grundlagen der Demokratie.

Die Versuchung, auch die schrecklichsten Ereignisse zur billigen Münze im politischen Geschäft zu machen, ist groß. Es erliegen ihr wahrhaftig nicht nur die unappetitlichen AfDler. Der CDU-Politiker Frank Henkel hat nach dem Anschlag von Ansbach gesagt: "Wir haben offenbar einige völlig verrohte Personen importiert, die zu barbarischen Verbrechen fähig sind, die in unserem Land bislang kein Alltag waren." Der Mann ist Berliner Innensenator und redet über Menschen wie über schadhafte Handelsware, die er am liebsten retournieren würde. Zugleich warnte er vor einer Instrumentalisierung des Themas durch Rechtspopulisten - die möchte er nämlich selber vornehmen, die Instrumentalisierung. Henkel will im Herbst in Berlin Regierender Bürgermeister werden.

Die verbale Aufrüstung muss endlich beendet werden

Wenn es um "barbarische Verbrechen" geht, brauchen wir Deutschen wahrhaftig keine Ausländer. Das können wir selbst ganz gut. Und was wäre eigentlich gewesen, wenn Andreas Lubitz, jener Co-Pilot, der im März 2015 ein Flugzeug mit 150 Menschen an einem Berg zerschellen ließ, einen muslimischen Namen gehabt hätte?

Die verbale Aufrüstung muss endlich beendet werden. Auf allen Seiten. Denn die rechtsstaatlichen Nerven der Deutschen sind von den Ereignissen der vergangenen Tage bereits wund gescheuert. Ein Symptom: Der Abscheu gegenüber den Taten überwiegt das Interesse an Aufklärung. Selbst eine liberale Zeitung wie die "Süddeutsche" gibt den ungewöhnlichen Rat, man solle sich nicht die Mühe machen, nach den Motiven der Täter zu forschen. Die "SZ" rät davon ab, sich mit den Äußerungen des Täters von Ansbach zu befassen - das tue "zu viel der Ehre".

Dieses Argument ist ein Warnsignal. Mit ihm wird üblicherweise das Ende des demokratischen Diskurses eingeläutet. In der Hysterie des Deutschen Herbstes hielt es der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt schon für eine "Art versteckter Sympathie", wenn Bürger glaubten, "dass die Terroristen eigentlich einen politischen Anspruch erheben könnten". Heute schreibt der Journalist Julian Reichelt bei "Bild.de": "Terroristen verdienen nicht, dass wir ihnen und ihren Taten eine andere Ursache zugestehen als ihre eigene selbstherrliche Mordlust. Wer daran zweifelt, ist auf dem besten Weg, für Terroristen Verständnis zu haben."

Hier spricht das Eiferertum. Und das ist immer gefährlich. Das der Sicherheit erst recht.

Wer erinnert sich noch, dass derselbe Helmut Schmidt im September 1977 seine Berater aufforderte, zur Befreiung des entführten Hanns Martin Schleyers "das Undenkbare zu denken"? Vorschlag Nummer sechs auf der Liste lautete: Wiedereinführung der Todesstrafe. Personen, die von Terroristen durch menschenerpresserische Geiselnahme befreit werden sollen, sollten erschossen werden können: "Keine Rechtsmittel möglich." Aus der wahnwitzigen Idee wurde nichts. Aber ihr Urheber war niemand anderer als Deutschlands oberster Strafverfolger, Generalbundesanwalt Kurt Rebmann.

Noch ein, zwei Anschläge, wer weiß, wozu wir dann in der Lage sind. Wir sollten uns nicht zu sicher fühlen - vor uns selbst.

In dieser Woche...

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  • Keine Panik! Attentäter wollen unsere Aufmerksamkeit. Wir sollten sie ihnen nicht geben

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insgesamt 140 Beiträge
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Seite 1
mijobi 28.07.2016
1. Muslimischer Name?
Was in aller Welt soll denn bitte ein muslimischer Name sein?
Thomas Paine 28.07.2016
2. Ihrem letzten Satz
"Wir sollten uns nicht zu sicher fühlen - vor uns selbst." stimme ich voll und ganz zu.
SanchosPanza 28.07.2016
3. Mobbingopfer
Die Münchner Schule des Täters hat es wohl jahrelang geduldet, dass David S. an der Schule gemobbt wurde. Die verantwortlichen Lehrer haben nicht interveniert. Der Täter kam auch durch die Intervention von Mitschülern und deren Eltern in psychatrische Behandlung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Lehrer davon nichts mitbekommen haben oder nicht informiert wurden. Mobbing erfordert schnelle und konsequente Intervention. Gute Schulen haben dafür Prozesse, gute Lehrer kümmern sich. Wenn das in München nicht erfolgt ist, was wenn man Berichten von Schulen in sozialen Brennpunkten Glauben schenken darf, durchaus regelmäßig passiert, dann hat das zehn Familien ihre Kinder gekostet.
salomon17 28.07.2016
4. Ich danke Ihnen,
Herr Augstein, das musste endlich mal gesagt werden. Es geht nicht darum, Recht zu haben, sondern die gemeinsame Wertebasis zu erhalten.
DougStamper 28.07.2016
5. Respekt
Ganz ehrlich. Der beste Beitrag zum Thema den ich bisher gelesen habe. Herr Augstein, Sie machen ihrem Vater alle Ehre.
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