"Islamischer Staat" Verfassungsschutz enttarnt weitere Verschwörer von Paris

Die Terroristenzelle von Paris war offenbar größer als bislang bekannt. So reisten mit den beiden Selbstmordattentätern weitere mutmaßliche Dschihadisten nach Europa ein: Auch Mohammad G. O. und Adel H. gaben sich als Flüchtlinge aus.

Von und Roman Lehberger

Terrorverdächtige Mohammad G. O. (l.) und Adel H.: Enttarnt vom Verfassungsschutz
SPIEGEL ONLINE

Terrorverdächtige Mohammad G. O. (l.) und Adel H.: Enttarnt vom Verfassungsschutz


Dem Schiff, das Anfang Oktober an der griechischen Insel Leros anlegte, entstiegen fast 200 Menschen. Die meisten von ihnen waren wohl Flüchtlinge und auf der Suche nach Sicherheit und Frieden, doch zwei von ihnen waren Terroristen und wenige Wochen später tot: Die Männer, die sich Mohammad Almahmod und Ahmad Almohammad nannten, sprengten sich am 13. November vor dem Stade de France als Selbstmordattentäter in die Luft. Sie gehörten dem dschihadistischen Kommando an, das an diesem Tag in Paris 130 Menschen ermordete und Hunderte verletzte.

Almahmod und Almohammad hatten sich in Griechenland als Syrer ausgegeben und auf der Balkanroute nach Frankreich durchgeschlagen. Almahmod nutzte dabei einen syrischen Pass, der zum Zeitpunkt seiner Registrierung als Flüchtling in Griechenland bereits im sogenannten Schengener Informationssystem zur Fahndung ausgeschrieben war und dem "Islamischen Staat" (IS) zugeordnet wurde. Dennoch ließen ihn die Griechen weiterziehen. Womöglich weil sie die Datenbank gar nicht abgefragt hatten, was einer Studie der Europäischen Union zufolge häufig vorkommt.

Zwei weitere mutmaßliche Dschihadisten, die mit demselben Schiff gekommen waren wie Almahmod und Almohammad, hatten zunächst weniger Glück. Grenzschützern fielen die gefälschten syrischen Pässe auf, die ebenfalls dem IS zugerechnet wurden. Doch absurderweise zwangen die griechischen Behörden das Duo wegen Urkundenfälschung lediglich zur Ausreise binnen 30 Tagen - was Mohammad G. O. alias Faysal A. und Adel H. alias Nasser Said M. alias Fozi B. alias Khaled A. ohnehin geplant hatten.

Auf der Balkanroute zogen die beiden falschen Flüchtlinge am 28. Oktober weiter nach Norden. Am 14. November ließen sie sich in Kroatien registrieren und noch am selben Tag reisten sie nach Slowenien ein. Am 4. Dezember erreichten sie in der Nähe von Graz die Republik Österreich. Ob der Pakistani Mohammad G. O. und der Algerier Adel H. von vornherein ein anderes Ziel als Paris hatten, oder ob sie durch ihre Haft in Griechenland in zeitlichen Verzug geraten waren, ist unklar.

Verfassungsschutz gelang die Identifikation

Nach den Anschlägen vom 13. November suchten die europäischen Sicherheitsbehörden jedenfalls intensiv nach weiteren Mitgliedern der Pariser Terrorzelle. Dem deutschen Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) gelang es schließlich, die beiden Verdächtigen zu identifizieren. So lagen dem Dienst nach Informationen von SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL TV Aufnahmen weiterer Terrorverdächtiger aus dem Komplex Paris vor.

Diese verglichen Verfassungsschützer mit Fotos, die Beamte am 3. Oktober von den zu registrierenden Flüchtlingen auf Leros gemacht hatten. So kamen sie Mohamad G. O. und Adel H. auf die Spur. Die Rekonstruktion der Reiseroute und die Ortung des Duos in einer österreichischen Flüchtlingsunterkunft waren Folge einer intensiven Zusammenarbeit europäischer Sicherheitsbehörden. Am 10. Dezember konnten Spezialkräfte der Polizei die Islamisten in Salzburg festnehmen. Sie sollen zugegeben haben, dem Pariser Dschihadisten-Kommando angehört zu haben.

Die Erkenntnisse über die Reisebewegung der Terrorverdächtigen haben sich massiv auf eine zentrale Arbeitshypothese der deutschen Sicherheitsbehörden ausgewirkt. Im vergangenen Herbst waren sich Polizei, Justiz und Geheimdienste noch einig in der Bewertung, dass es für den IS nur wenig Sinn mache, als Flüchtlinge getarnte Anhänger zu entsenden. Inzwischen hat sich dieses Urteil stark verändert. Der IS habe die "Fähigkeit, Attentäter nach Europa einzuschmuggeln", sagt Generalbundesanwalt Peter Frank dem SPIEGEL. "Das zeigen die Anschläge von Paris." Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen erklärt nun, der IS nutze den Flüchtlingsandrang, "um Kämpfer mit Kampfauftrag einzuschleusen".

In Sicherheitskreisen wird dieses Vorgehen weniger als logisch und zweckmäßig, sondern eher als "Show of Force" des IS gewertet - als Demonstration dschihadistischer Allmachtsfantasien, die dem verhassten Westen Verwundbarkeit signalisieren sollen. Die Angst soll in Europa zu einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber Flüchtlingen führen. Eine Ablehnung von Asylbewerbern sowie die Diskriminierung und Ausgrenzung von Muslimen würde der IS propagandistisch nutzen, um weitere Anhänger zu gewinnen und zu radikalisieren.

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