Anschlag von Ansbach Attentäter kündigte "Racheakt" auf Handyvideo an

Auf einem Laptop des Attentäters von Ansbach sind Materialien zum Bombenbau und islamistische Videos gefunden worden, auf seinem Handy ein Drohvideo.

DPA

Der schnelle Überblick
    • Mohammad Daleel, 27, hat am Sonntagabend bei einem Musikfestival im fränkischen Ansbach eine Splitterbombe gezündet und sich damit selbst getötet.

  • • 15 Personen wurden verletzt, vier von ihnen schwer.

  • • Der Syrer Daleel hatte 2014 Asyl in Deutschland beantragt, der Antrag wurde abgelehnt. Er lebte mit einer Duldung in Ansbach.

  • • Ein Video auf Daleels Handy zeigt einen Vermummten, der Daleel sein soll. Er droht mit einem Anschlag "im Namen Allahs" und bekennt sich zum "Islamischen Staat".

• Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen wegen Terrorverdachts an sich gezogen.

Das Bombenattentat von Ansbach war offenbar ein islamistisch motivierter Terrorakt. Darauf wiesen die ersten Ermittlungsergebnisse der Polizei hin, die der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) und Polizeivizepräsident Roman Fertinger am Montagnachmittag vorstellten.

"In der Summe deuten alle bislang aufgefundenen Inhalte und die Materialien darauf hin, dass dieser Anschlag einen islamistischen Hintergrund haben könnte", sagte Herrmann bei einer Pressekonferenz in Nürnberg.

Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) in Berlin schließt bei der Tat einen Bezug zum islamistischen Terrorismus nicht mehr aus. Das gelte ebenso für eine psychische Störung des Täters. Es könne auch eine Kombination aus beiden sein, sagte de Maizière.

Video: Attentäter von Ansbach kündigte "Racheakt" an

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Herrmann berichtete, die Polizei habe in der Nacht nach dem Anschlag eine Durchsuchung in der Unterkunft des Attentäters und des Leichnams durchgeführt. Dabei seien zwei Handys gefunden worden, dazu mehrere Sim-Karten und ein Laptop. Darauf befänden sich Gewaltvideos mit islamistischer Ausrichtung und salafistischen Inhalten.

Attentäter war zeitweise in psychiatrischer Klinik

Auf einem Handy gebe es eine Anschlagsdrohung des Täters selbst auf Video, sagte Herrmann. Der Täter kündige einen Racheakt gegen Deutsche an, weil sie Muslime umbrächten. Einer ersten Übersetzung des arabischen Textes zufolge heiße es darin, der Täter handle im Namen Allahs. Er beruft sich außerdem auf den Anführer der Terrormiliz "Islamischer Staat", Abu Bakr al-Baghdadi. Kurz nach Bekanntwerden der Selbstbezichtigung verschickte der IS über die ihm nahestehende Agentur Amaq eine allgemein formulierte Erklärung: Wie nach dem Anschlägen von Würzburg und Nizza meldete Amaq, der Ansbacher Bomber sei ein "Soldat des IS" gewesen.

Das Musikfestival Ansbach Open 2016 war am Sonntagabend zum Ziel eines Bombenanschlags geworden. Dabei waren 15 Menschen verletzt worden, vier von ihnen schwer, als der Attentäter seine Rucksackbombe zur Detonation brachte.

Nach Informationen des SPIEGEL heißt der Täter Mohammad D. Der 27-Jährige war den Behörden bislang in Deutschland nicht als Extremist aufgefallen, befand sich jedoch zeitweise in medizinischer Behandlung.

Aus Berlin steuerte Bundesinnenminister de Maizière Erkenntnisse bei, wonach der Attentäter psychisch krank gewesen sein könnte. Er soll demnach zweimal versucht haben, sich das Leben zu nehmen und sei zwischenzeitlich in einer psychiatrischen Klinik untergebracht worden.

Nach Angaben de Maizières war D. bereits vor zwei Jahren als syrischer Flüchtling nach Deutschland gekommen. Im August 2014 habe er einen Asylantrag gestellt. Im Verfahren zeigte sich, dass er bereits in anderen EU-Staaten registriert worden war: Es habe Anträge in Bulgarien, später in Österreich gegeben. Bulgarien habe mitgeteilt, dass der Mann dort Flüchtlingsschutz genieße.

In Deutschland wurde D.s Asylantrag im Dezember 2014 abgelehnt und die Abschiebung nach Bulgarien angeordnet, so de Maizière. Medizinische Atteste hätten jedoch seine psychische Labilität untermauert. Daher sei die Abschiebeandrohung zunächst aufgehoben. Erst vor nicht einmal zwei Wochen forderten ihn die Behörden erneut auf, Deutschland innerhalb von 30 Tagen in Richtung Bulgarien zu verlassen.

Polizei fand Materialien zum Bombenbau im Zimmer des Mannes

Gewohnt hatte der Mann zuletzt in einem zur Flüchtlingsunterkunft umfunktionierten ehemaligen Hotel in einem Einzelzimmer. Dort sei eine Fülle von weiteren Materialien gefunden worden, die zum Bau von Bomben geeignet gewesen wären, darunter Lötkolben und Batterien. Der Rucksack des Attentäters, in dem sich die Bombe befand, sei mit scharfkantigen Metallteilen gefüllt gewesen. Über die Größe des Sprengsatzes könne noch keine Angabe gemacht werden. Gestorben sei der Attentäter, weil ihm die Explosion eine Hauptschlagader, die Leber und die Lunge zerriss.

Der Attentäter verfügte nach Erkenntnissen der Ermittler über eine größere Menge Bargeld: Bei ihm sei eine Rolle mit 50-Euro-Scheinen gefunden worden. Er habe sechs Facebook-Accounts betrieben, sagte Polizeivizepräsident Fertinger. Vier seien schon vom Netz genommen worden. Mindestens ein Account sei mit falschen Personalien betrieben worden. Auf Handys seien die WhatsApp-Verläufe gesichert worden. Diese würden ebenso ausgewertet wie die Funkzellen, in denen sich die Handys befunden hatten.

In der Zeit vor der Tat hatte der Täter gemeinsam mit einem arabischen Dolmetscher eine Anzeige gegen einen anderen Heimbewohner gestellt, dieser sei Mitglied der schiitischen Hisbollah-Miliz. Der Verdacht stellte sich jedoch als unbegründet heraus.

Bei einer Pressekonferenz berichtete die Oberbürgermeisterin von Ansbach Carda Seidel, parteilos, bei den 15 Verletzten seien ihr keine lebensbedrohlichen Verletzungen bekannt. Viele der Leichtverletzten hätten die Krankenhäuser bereits verlassen, so Seidel. Sie lobte mehrfach die geordnete Reaktion der Ordnungs- und Einsatzkräfte vor Ort. "Nach den Vorfällen in München hatten wir hier unser Personal aufgestockt und die Einlasskontrollen verstärkt", so Seidel. Nach der Explosion sei der Veranstaltungsort mit 2000 jungen Besuchern geordnet geräumt worden. 150 Rettungskräfte und 260 Feuerwehrleute seien im Einsatz gewesen, so Seidel. Am Morgen hatte die Ansbacher Politikerin bereits ein Versagen der Stadt in der Flüchtlingsbetreuung von sich gewiesen.

Video - der Anschlag in Ansbach:

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cht/kev/vek/dpa

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