Mutmaßlicher Berliner Attentäter Anis Amri Aus den Augen verloren

Die Polizei fahndet öffentlich nach Anis Amri. Der Tunesier ist dringend verdächtig, den Anschlag in Berlin verübt zu haben. Die Behörden hatten ihn seit Monaten im Visier, trotzdem konnte er abtauchen.

Polizei nahe der Gedächtniskirche in Berlin.
AFP

Polizei nahe der Gedächtniskirche in Berlin.

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Knapp 48 Stunden nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin sind der oder die Täter noch immer auf freiem Fuß. Die Polizei fahndet seit dem frühen Abend öffentlich nach einem Mann, dessen Duldungsausweis unter dem Fahrersitz des Tat-Lkw auf dem Breitscheidplatz gefunden wurde. Er ist dringend tatverdächtig.

Das Dokument ist auf Anis Amri ausgestellt, geboren im Dezember 1992 in Tunesien. Für die Ergreifung des Mannes hat das Bundeskriminalamt eine Belohnung in Höhe von bis zu 100.000 Euro ausgelobt.

Amri soll im Juli 2015 über Freiburg nach Deutschland eingereist sein. Schon seit einiger Zeit stand er im Visier der Sicherheitsbehörden. In einem Eintrag zur verdeckten Fahndung vom 5. Februar 2016 steht: "Mutmaßlicher Bezug zum IS" und "Intensive Kontrolle der Person". Im Frühjahr wurde Amri als sogenannter Gefährder eingestuft, eine polizeiliche Kategorie von Personen, denen man jederzeit einen Anschlag zutraut. Derzeit stufen die Sicherheitsbehörden nach Angaben des Bundesinnenministeriums bundesweit 549 Menschen als Gefährder ein. Sie werden regelmäßig überprüft.

Video: BKA fahndet öffentlich nach Anis Amri

DPA/ BKA

Kontakt zum "Prediger ohne Gesicht"

"Diese Person ist verschiedenen Sicherheitsbehörden in Deutschland durch Kontakt zu einer radikalislamistischen Szene aufgefallen", sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger am Nachmittag. Nach Informationen des SPIEGEL stand Amri wohl in Verbindung mit dem bekannten Hassprediger Ahmad Abdulaziz Abdullah A. alias "Abu Walaa". Der 32-Jährige wird verdächtigt, ein Netzwerk angeführt zu haben, das zwischen Januar und Juli 2015 Mitglieder und Unterstützer für die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) anwarb.

NRW-Innenminister Jäger
DPA

NRW-Innenminister Jäger

"Abu Walaa" predigte seit Jahren in der Moschee des "Deutschsprachigen Islamkreises Hildesheim" (DIK). Ende Juli führte die niedersächsische Polizei eine Razzia gegen die Moscheegemeinde durch, im November wurde "Prediger ohne Gesicht" festgenommen.

Zu seinem Netzwerk gehörte demnach auch der Duisburger Salafist Hasan C., der wiederum Kontakt zu den Essener Sikh-Tempelbombern gehabt haben soll. Auch gegen C. ermittelt die Bundesanwaltschaft seit Monaten. Sein Reisebüro in Duisburg-Hochemmerich gilt schon länger als Anlaufstelle für Dschihadisten.

Zudem verkehrte Amri nach Erkenntnissen der Ermittler in der Dortmunder Moschee des Boban S., der nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft ebenfalls zum Netzwerk von "Abu Walaa" gehört und Islamisten ideologisch geschult haben soll.

Propagandavideo von Abu Walaa (Archivbild)
islamistische Propagandawebsite

Propagandavideo von Abu Walaa (Archivbild)

Die Sicherheitsbehörden tauschten nach Jägers Angaben Informationen über Amri über das gemeinsame Terrorabwehrzentrum (GTAZ) von Bund und Ländern aus, zuletzt im November. Das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt habe "beim Generalbundesanwalt ein Verfahren wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat" initiiert.

"Kleindealer im Görlitzer Park"

Die Ermittlungen wurden ab 14. März 2016 in Berlin vom dortigen Generalstaatsanwalt geführt. Ab Februar habe sich Amri hauptsächlich in Berlin aufgehalten, er sei aber zuletzt auch "kurz" in Nordrhein-Westfalen gewesen. "Ganz offensichtlich war diese Person hochmobil", sagte Jäger.

Gegenstand der Ermittlungen in Berlin waren Informationen, wonach Amri "einen Einbruch plane, um hierdurch Gelder für den Erwerb automatischer Waffen zu beschaffen, möglicherweise um damit später mit noch zu gewinnenden Mittätern einen Anschlag zu begehen", teilte die Generalstaatsanwaltschaft in der Hauptstadt mit. Daraufhin habe ein Richter angeordnet, Amris Kommunikation zu überwachen und ihn zu observieren. Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft Berlin lieferten die Überwachungsmaßnahmen Hinweise darauf, dass Amri "als Kleindealer im Zusammenhang mit dem Görlitzer Park tätig sein könnte". In einer Bar soll sich Amri zudem eine körperliche Auseinandersetzung geliefert haben - "mutmaßlich aufgrund eines Streits in der Dealerszene".

Die Ermittlungen hätten jedoch keine Hinweise darauf geliefert, um "den ursprünglichen Vorwurf zu verifizieren oder diesen oder einen anderen staatsschutzrelevanten Tatvorwurf zu erhärten". Daher seien die Überwachungsmaßnahmen im September beendet worden. Amri sei zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Berlin festgestellt und auch Verbindungen zu seinen früheren Kontaktpersonen seien nicht mehr festgestellt worden, teilte die Generalstaatsanwaltschaft in Berlin am Mittwochabend mit.

Abschiebung scheiterte an fehlenden Dokumenten

Der Mann sei im Juni 2016 als Asylbewerber abgelehnt worden. Am 30. Juli wurde Amri bei einer Routinekontrolle in Friedrichshafen in einem Fernbus aufgegriffen. Die Polizisten stellten fest, dass der Tunesier abgeschoben werden sollte. Nach einem Beschluss des Amtsgerichts Ravensburg wurde Amri in Abschiebehaft in die örtliche Justizvollzugsanstalt gebracht. Zwei Tage später wurde der Mann dann aber entlassen, die Abschiebung nicht durchgeführt.

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Anschlag in Berlin: So reagiert Deutschland

Die Abschiebung sei wegen fehlender Passersatzdokumente aus Tunesien gescheitert, sagte Jäger. "Die tunesischen Behörden haben diese heute überstellt", fügte der SPD-Politiker hinzu: "Ich will diesen Umstand nicht weiter kommentieren." Zuvor habe Tunis lange Zeit bestritten, dass es sich bei dem Mann um einen Tunesier handele.

Schon lange vor der öffentlichen Fahndung nach Amri hatte der IS den Anschlag für sich reklamiert. Die im Internet verbreitete Erklärung enthielt aber keinerlei Täterwissen und keine Angaben zum Attentäter. Das deutet daraufhin, dass die IS-Führung den Anschlag nicht mit Amri koordiniert hatte.

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