Lkw-Fahrer Lukasz U. Das Heldenrätsel

Hat der polnische Lkw-Fahrer Lukasz U. mit einem Griff ins Lenkrad Menschenleben gerettet? Das ist eine populäre Theorie nach dem Berliner Anschlag. Doch Zweifel scheinen angebracht.

Lukasz U.
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Lukasz U.


Erst entführte Attentäter Anis Amri den Lkw einer polnischen Speditionsfirma, der am Rande eines Industriegebietes in Berlin-Moabit parkte. Truck-Fahrer Lukasz U. fuhr mit, gegen seinen Willen, darauf weisen Kampfspuren hin. Als Terrorist Amri den Lkw schließlich in einen gut besuchten Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche steuerte, befand sich der 37-jährige Pole auf dem Beifahrersitz.

Unmittelbar nach dem Anschlag fanden Rettungskräfte U. in der Fahrerkabine, er hat Stichverletzungen und eine Einschusswunde in der Stirn. Zu diesem Zeitpunkt war Amri bereits geflüchtet. Der polnische Trucker Lukasz U. ist eines von zwölf Opfern, die das Attentat das Leben kostete.

Das sind die bisherigen Fakten zur Todesfahrt von Berlin, täglich wird die Rekonstruktion des Terroranschlags vom Breitscheidplatz präziser. Mithilfe von GPS-Daten, Zeugen, Spurenexperten und Handydaten können die Ermittler immer genauer nachvollziehen, was zu welchem Zeitpunkt passierte (eine ausführliche Rekonstruktion lesen Sie im aktuellen SPIEGEL).

Doch eine zentrale Frage ist ungeklärt: Was geschah in der Fahrerkabine zwischen Amri und Lukasz U.? Es ist nach wie vor nicht abschließend geklärt, wann der Terrorist seinem Entführungsopfer welche Verletzungen zufügte, ob U. während des Anschlags noch bei Bewusstsein war - und ob der Trucker womöglich aktiv ins Geschehen eingriff, um Menschenleben zu retten.

Nicht nur die Hinterbliebenen in Polen dürften ein Interesse daran haben, mehr über die letzten Stunden des Familienvaters zu erfahren. Auch in Deutschland ist die öffentliche Anteilnahme groß. Schließlich war U. das erste Terroropfer Amris auf dessen Todesfahrt.

Zweifel an der "Griff ins Lenkrad"-Theorie

Eine Vermutung kursierte in den vergangenen Tagen: Demnach soll U. während des Anschlags mit dem Attentäter im Führerhaus gekämpft haben, bis dieser ihn erschoss. Zuvor habe U. ins Lenkrad gegriffen, um den Anschlag zu sabotieren - was erklären würde, warum der Sattelschlepper nach 60 Metern links ausscherte, durch Buden krachte und auf einer angrenzenden Hauptstraße zum Stehen kam.

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Nach einem Bericht der "Bild" gibt es Zweifel an dieser Theorie. In Berufung auf einen angeblich "abschließenden" Obduktionsbericht meldete die Zeitung, U. habe schon Stunden vor der Tat einen Kopfschuss erlitten. Zwar sei es plausibel, dass der Pole zum Zeitpunkt des Attentats noch lebte. Es sei aber nahezu ausgeschlossen, dass er körperlich in der Lage war, das Lenkrad herumzureißen. Entsprechende Spuren am Lenkrad seien entstanden, als U.s Körper dagegen geschleudert wurde.

Auch dem SPIEGEL liegen Ermittler-Erkenntnisse vor, nach denen der Schuss in U.s Stirn zu einem früheren Zeitpunkt - und nicht erst am Tatort - erfolgte. Ein offizieller Obduktionsbericht wurde von den Behörden bislang nicht präsentiert.

Trotz der komplizierten Gemengelage hat sich die "Griff ins Lenkrad"-Theorie verselbstständigt. Dazu beigetragen hat auch die Berliner Landesregierung. So sagte Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) am Freitag, es sei "sehr wahrscheinlich", dass Lukasz U. "in das Geschehen eingegriffen hat". Geisel betonte, er wolle sich aufgrund der laufenden Ermittlungen "nicht zu früh festlegen" - klar sei aber, dass man über einen "entsprechenden Dank des Landes Berlin nachdenke".

Wenig später forderte eine Onlinepetition das Bundesverdienstkreuz für U., auch SPIEGEL ONLINE berichtete über die Unterschriftenaktion. Der Pole sei ein Held, weil sein Ringen mit dem Täter "vermutlich viele Menschenleben gerettet habe", heißt es in der Begründung für die Petition.

Dabei ist es für eindeutige Erkenntnisse vielleicht schlichtweg noch zu früh. Ermittler verfolgen üblicherweise mehrere Spuren und Ansätze parallel. Dass ursprüngliche Theorien wieder verworfen werden, wäre jedenfalls nicht ungewöhnlich.

Das Rätsel um Lukasz U. ist nicht der einzige offene Komplex der Ermittlungen. Weiterhin unklar ist, wie sich Anis Amri nach dem Anschlag über Lyon nach Italien absetzen konnte und ob er Teil eines terroristischen Netzwerks war.

Die Familie von Lukasz U. bekommt derweil Zuschriften und Hilfsangebote aus aller Welt. Und der Berliner Senat erwägt eine Ehrentafel oder die Benennung einer Straße nach U.

Beides wäre machbar und angemessen - egal ob die Ermittlungen am Ende einen Griff ins Lenkrad bescheinigen werden oder nicht.

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