Polnischer Lkw-Fahrer Die letzten Stunden des Lukasz U.

Was geschah in der Kabine der polnischen Zugmaschine vor und während des Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt? Der Fahrer war offenbar bereits schwer verletzt, als die Todesfahrt begann.

Der Lkw nach dem Anschlag in Berlin
DPA

Der Lkw nach dem Anschlag in Berlin


War dem Kraftfahrer Lukasz U. bewusst, was der Berliner Attentäter mit seinem Lastwagen beabsichtigte? Wie viel von der grausamen Todesfahrt über den Berliner Weihnachtsmarkt hat er miterlebt, ehe der Attentäter ihn erschoss?

Sicher ist, dass der Pole im Fahrerhaus des schwarzen Scania R 450 saß, als Feuerwehrleute das havarierte Fahrzeug am Abend des Anschlags erreichten. Zunächst hieß es noch, U. sei bereits tot gewesen, als der Täter den Laster auf den Breitscheidplatz steuerte.

Mittlerweile geht man davon aus, dass der Pole noch bis zum Attentat mit dem Tod rang. Das habe die Obduktion ergeben, heißt es aus Ermittlerkreisen. U. soll erst nach dem Eintreffen der Feuerwehr an den Folgen einer Schussverletzung gestorben sein.

LKW-Route
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In Polen ist der ermordete Fahrer neben den elf getöteten Weihnachtsmarktbesuchern ein zentrales Thema. Die rechtskonservative Regierungschefin Beata Szydlo nannte den 37-jährigen Toten "das erste Opfer der abscheulichen Gewalttat". Der Mann war als Fahrer in einer Spedition bei Stettin angestellt, die seinem Cousin Ariel Zurawski gehört. (Lesen Sie hier mehr über den Spediteur und die Familie des toten Polen.)

15 Uhr: Lukasz U. telefoniert zum letzten Mal mit seiner Frau

Lukasz U. war am Montagmorgen aus Italien nach Berlin gekommen, mit einer Ladung Stahlteile für Thyssen-Krupp. Das Löschen der Fracht verzögerte sich, U. ging erst mal einen Kebab essen, wie Überwachungsaufnahmen des Imbiss' belegen. Es ist das letzte Bild von Lukasz U. Danach muss der Täter zugeschlagen haben.

Was genau zwischen dem Besuch in dem Imbiss und der Todesfahrt passierte, ist noch nicht geklärt. Fest steht: Am Montag um 15 Uhr telefonierte U. das letzte Mal mit seiner Frau, danach hat sie ihn nicht mehr erreicht.

Dass Lukasz U. kein Komplize des Täters war, ist für die Medien in Polen so eindeutig wie für seine Familie. Er sei "brutal ermordet" worden, berichtet das polnische Fernsehen. "Der Wagen wurde gekidnappt", schreibt das Boulevardblatt "Fakt". Sie spekulieren auch darüber, ob der Fahrer versucht haben könnte, die Terrorfahrt des Lasters zu stoppen und deshalb erschossen wurde.

Was tatsächlich in der Fahrerkabine geschah, ob es eine Entführung gab und wann sie begann, lässt sich wohl erst klären, wenn der Täter gefasst wird. Der Verdächtige Anis A. aber ist offenbar weiter flüchtig. Er soll sich in Nordrhein-Westfalen befinden, nach ihm wird seit Mitternacht bundesweit gefahndet.

cht/dpa



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