Berlin nach dem Terror Maximal unbeeindruckt

Wie geht Berlin mit dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt um? Ein Streifzug durch die Hauptstadt zeigt Erstaunliches. Die Saat des Terrorismus scheint hier nicht aufzugehen.

Polizei Berlin

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Still steht das Riesenrad am Alexanderplatz, die Glühweinbuden sind verrammelt. Und die Kugel des Fernsehturms steckt im Nebel. Am Tag nach dem Lkw-Anschlag im Westen der Stadt haben fast alle 60 Weihnachtsmärkte Berlins geschlossen, so auch hier am Alex. "Aus Mitgefühl und Pietät", sagt Rudi Bergmann. Rasch schiebt er hinterher: "Aber nicht aus Angst!"

Bergmann kommt seit 20 Jahren mit seiner "Grillhütte" aus Nürnberg nach Berlin, immer für einen guten Monat. An diesem Dienstag bleibt der Grillrost leer. Aus dem Roten Rathaus kam die Bitte, die Märkte zu schließen, für einen Tag zumindest. "Klar", sagt Bergmann, "man denkt immer dran, aber man verdrängt es." All die Jahre.

Und nun? Bergmann zuckt die Schultern. Was soll man tun? Weitermachen. Leben. Morgen die "Grillhütte" wieder öffnen. Weil man sich doch nicht verstecken dürfe vor Angst. "Nützt doch nix", ruft eine vorbeigehende Berlinerin, "muss doch weitergehen."

So ist die Stimmung in der Hauptstadt, an Tag eins nach dem Anschlag. Betroffen, aber gefasst. Berlin hat schließlich schon so manches gesehen. Und dass es hier zu einem Anschlag kommen würde, damit haben nicht nur Politiker und Behörden gerechnet, sondern auch die Bevölkerung.

Als die Kanzlerin am Vormittag vor die Kameras tritt und von einem "sehr schweren Tag" spricht, sagt sie am Ende noch: "Wir wollen nicht damit leben, dass uns die Angst vor dem Bösen lähmt."

Die Berliner, so wirkt es nach einem Streifzug durch die Hauptstadt, sind nicht gelähmt.

Am Breitscheidplatz, dem Tatort, haben Passanten Blumen niedergelegt und Kerzen aufgestellt. Etwa drei Dutzend Menschen stehen dort. Sie weinen, beten, zeigen ihren Respekt. Von hier aus sieht man die Schneise, die der Lkw durch den Weihnachtsmarkt gezogen hat, die zersplitterten Holzhütten. Es ist still, es ist furchtbar traurig.

Gleich wird Merkel vorfahren, wird den Tatort besuchen und Blumen niederlegen, sich ins Kondolenzbuch der vom letzten Krieg geschundenen Gedächtniskirche eintragen. Ein paar wenige werden ihr gegenüber Missfallen ausdrücken, darunter der übliche Spruch von Rechtsaußen: "Die hat uns das alles eingebrockt."

Helga und Hermann Borghorst mit Freundin auf dem Breitscheidplatz.
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Helga und Hermann Borghorst mit Freundin auf dem Breitscheidplatz.

Doch in der Mehrheit sind die Berliner wie die Borghorsts. Seit mehr als 50 Jahren leben sie in Charlottenburg, gleich um die Ecke von der Gedächtniskirche, beide waren über lange Jahre für die SPD in der Berliner Politik aktiv. Sie habe überlegt, am Montagabend auf ihrem Heimweg noch einen Abstecher auf den Weihnachtsmarkt zu machen, berichtet Helga Borghorst. Doch dann ging sie direkt nach Hause. Das war gegen 8 Uhr. Der Zeitpunkt des Anschlags.

Sie sorge sich, "dass das nun politisch ausgenutzt wird, dass alle Flüchtlinge in einen Topf geworfen werden", sagt die 78-Jährige. Am Abend des Attentats, sagt ihr Ehemann Hermann, da war nur der Schock. Nun, am Tag danach, "kommt der Verstand nach vorn". Die Leute reagierten "gelassen und nüchtern", sagt er. Denn Berlin, das sei die "Stadt der Freiheit und des Zusammenhaltens, da haben wir Tradition". Als Altberliner werde er sich seine Heimat nicht zerstören lassen. Niemals.

Wo sich die Amerikaner bei Katastrophen und Terror gemeinschaftlich aufbäumen und die Franzosen sich ihres republikanischen Stolzes versichern, indem sie die "Marseillaise" besonders laut singen, da reagieren die Berliner anscheinend so, wie sie immer reagieren, wenn irgendwas los ist: Sie zeigen sich maximal unbeeindruckt.

Die größte Aufregung herrscht zwischenzeitlich am ehemaligen Flughafen Tempelhof, der größten Flüchtlingsunterkunft Berlins, in der der zwischenzeitlich Festgenommene Naved B. gelebt haben soll und wo es nachts um drei einen SEK-Einsatz gab, mit 250 Mann.

Es gibt zwei Eingänge, an einem sitzt ein Wachmann vor einem Weihnachtsbaum und schwindelt: "Alles ruhig wie immer." Am anderen belagern Reporter jeden, der reingeht oder rauskommt. Ein italienischer TV-Journalist fragt: "Ist das wirklich eine Flüchtlingsunterkunft?"

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Angriff in Berlin: Der Tag nach der Katastrophe

Ein junger Afghane, Bomberjacke und Sidecut, sagt, er habe den Polizeieinsatz im Schlaf gar nicht mitbekommen. Einem kleinen, dünnen Pakistaner in gelben Jeans zeigt man ein Foto von Naved B.. Er spricht nur Urdu, zeigt aber gleich auf Hangar 6 - der zwischenzeitlich Tatverdächtige wohnt da. Ein Dolmetscher erklärt: Noch gestern habe er B. dort gesehen. Mehrere Flüchtlinge geben an, B. zu erkennen, aber niemand kann mehr über ihn sagen, als dass er Pakistaner ist.

Einen Berliner, der seit wenigen Wochen im Hangar dolmetscht, plagt heute ein "krasses Gefühl", mit was für Leuten er dort drin zu tun haben könnte. Er habe Angst, sagt er, dass auch in der Unterkunft mal etwas passiert, die Stimmung sei ohnehin schlecht. Gegen 13.30 Uhr kommen die Eilmeldungen, dass der Verdächtige wohl doch nicht der Täter ist. Viele Reporter greifen zum Telefon, ziehen dann ab. "Wo soll ich jetzt hin?", fragt etwas verloren ein britischer Kollege.

Ein paar Ecken weiter sitzt Stephan Linsner in seinem Stammlokal und sagt: "Man wohnt ja hier." Manfred-von-Richthofen-Straße, bürgerliches Tempelhof, fünf Minuten vom Hangar. "Wenn durchsucht wird, wird man unruhig, und jetzt soll er's ja noch nicht mal gewesen sein". Linsner zuckt mit den Schultern. Dass der wahre Täter womöglich noch durch Berlin läuft, das bringt ihn nicht aus der Fassung.

Vor ihm werden jetzt die Manti kalt, die türkischen Maultaschen, aber Linsner, Geschäftsführer einer Kommunikationsagentur, wird noch mal grundsätzlich. Bei ihm herrsche Unsicherheit, ja, aber keine Angst. Er geht dieses Jahr sowieso nicht auf Weihnachtsmärkte, ein Anschlag, sagt er, "war auf der Tagesordnung". Und doch stellt er sich seit Montagabend eine Frage: "Warum haben die USA ihre Bürger ausdrücklich davor gewarnt, auf deutsche Weihnachtsmärkte zu gehen, aber wir unsere nicht?"

Anna Puggioni mit Tochter und Sohn am Checkpoint Charlie
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Anna Puggioni mit Tochter und Sohn am Checkpoint Charlie

Checkpoint Charlie, halb vier, es wird schon dunkel. Am Hotspot der Berlin-Touristen geht alles seinen geregelten Gang: Chinesen und Italiener stehen Schlange für ein Foto mit einem Schausteller in US-Uniform. Touristen laufen über die Straße. Der Berliner hupt. Eine Mutter posiert mit Tochter und Sohn vor dem Schild mit dem amerikanischen Sektor. Wie fühlt sich heute Berlin-Urlaub an, nach so einem Anschlag?

"Recht seltsam", sagt Anna Puggioni, "denn wir kommen aus Nizza." Ihre Tochter Giulia schickt gleich hinterher: "Wir haben das jetzt zweimal erlebt." Nizza - die Lkw-Attacke aus dem Sommer. Während man noch staunt, sagt die Mutter: "Und Sonntagabend waren wir auf genau dem Weihnachtsmarkt, der jetzt angegriffen wurde."

Puggioni, die Italienerin aus Frankreich, berichtet, nach dem Terror in ihrer Stadt habe sie zwei, drei Monate lang alles versucht, um nicht auf die Promenade zu müssen, den Tatort. Diese Phase sei nun vorbei. "Das Leben geht weiter", sagt sie.

Dann hat sie noch eine Frage: "Eure Stadt fühlt sich sehr ruhig an. Ist Berlin eigentlich immer so?"

insgesamt 225 Beiträge
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An-Da 20.12.2016
1. Exakt so...
war und ist die Stimmung und Haltung hier in Ansbach auch! Menschen gemeinsam auf Plätzen, in Cafés und bei Festen - natürlich z.Zt. auch auf dem Weihnachtsmarkt. Weitermachen wie bisher und sich in seinem Leben nicht einschränken lassen. Keine verhuschten Blicke gegenüber Migranten, sondern Offenheit und Miteinander. Wir weichen in unserer Überzeugung einer demokratischen, freien und weltoffenen Lebensweise keinen Zentimeter!
Strichnid 20.12.2016
2. ...
Ich finde das sehr gut, dass es in Berlin - anders als in München kürzlich - nicht zu Gerüchteküchen, Panikreaktionen und ähnlichem gekommen ist. Auch die Polizei und die meisten Medien haben diesmal sehr besonnen reagiert, was schon mal der erste Schritt ist, um die Ziele der mutmaßlichen Terroristen unerreichbar zu machen: nämlich Angst zu verbreiten. Unser Mitgefühl gilt natürlich trotzdem den Angehörigen der Opfer. Die Besonnenheit der Berliner wird hoffentlich nicht als Gefühlskälte missverstanden werden.
jr125gr 20.12.2016
3. Hallo Berlin!-)
Hier in Frankfurt sind wir auch, zu mindestens mit denen ich heute gesprochen habe, maximal Unbeeindruckt! Daumen hoch!!! Mein Beileid gilt den Angehörigen und beste Genesungswünsche an die Verletzten!!! Alles Gute!
benclement 20.12.2016
4. Meine Wahrnehmung ...
war deutlich anders. Ich war den ganzen Nachmittag in Charlottenburg und habe überwiegend folgendes beobachtet: Verunsicherung, Sorge, zuweilen Angst. Meine Vermutung ist, dass Politiker und Medien jetzt aus politischen Gründen eifrig damit beschäftigt sind, Beruhigungspillen zu verteilen. Nicht, dass es irgend eine Regierungsdirektive gegeben hat, aber als "vierte Gewalt" hat man ja auch eine staatstragende Verantwortung. Gut, dass soziale Medien da offenbar mehr Mut zur Ehrichkeit haben.
Msc 20.12.2016
5.
Ist das wirklich eine innere Gelassenheit, die die Leute an den Tag legen oder nicht einfach doch nur Resignation ob der eigenen Hilflosigkeit? "Nützt doch nix. Muss ja weitergehen!" sagt die eine. Das klingt für mich eher nach Letzterem. Kannte kein Opfer, also nicht mein Problem. Das erscheint mir eher die typisch deutsche Reaktion.
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