Anschlag in Berlin Warum Naved B. wieder auf freiem Fuß ist

Der nach dem Anschlag in Berlin festgenommene Naved B. war offenbar der falsche Verdächtige. Der Tatverdacht gegen den Pakistaner erwies sich als nicht stichhaltig. Die Gründe für seine Freilassung.

Polizeiwagen nahe dem Tatort in Berlin
REUTERS

Polizeiwagen nahe dem Tatort in Berlin


Der Verdacht gegen Naved B. war massiv: Zwölf Menschen sollte der junge Pakistaner getötet, weitere 45 teilweise lebensgefährlich verletzt haben. Indem er mit einem schwer beladenen Lkw direkt auf sie zugerast sein soll, mitten hinein in einen Weihnachtsmarkt nahe der Berliner Gedächtniskirche.

Aber das war offenbar nur ein Anfangsverdacht, der sich nicht bestätigt hat, denn: Der einzige Tatverdächtige im Fall des Attentats auf einen Weihnachtsmarkt im westlichen Zentrum von Berlin wurde wieder auf freien Fuß gesetzt.

"Die bisherigen Ermittlungsergebnisse ergaben keinen dringenden Tatverdacht gegen den Beschuldigten", teilte der Generalbundesanwalt in Karlsruhe mit. Eine Anwesenheit des Beschuldigten während des Tatgeschehens im Führerhaus des bei der Tat eingesetzten Lkw könne bislang nicht belegt werden. Der Verdächtige selbst hatte die Tat bestritten.

Schon im Vorfeld waren Zweifel an einer Schuld des Festgenommenen aufgekommen:

  • Es wurden keine Schmauchspuren am Körper von B. gefunden, die darauf hätten hinweisen können, dass er eine Waffe bedient und möglicherweise den auf dem Beifahrersitz mitfahrenden Polen getötet hat. Nach SPIEGEL-Informationen starb der polnische Lkw-Fahrer durch einen einzelnen Kopfschuss mit einer kleinkalibrigen Waffe. Der Mann auf dem Beifahrersitz war offenbar schon tot, als der Täter den Lkw auf den Weihnachtsmarkt fuhr. Den Informationen zufolge drehte der Attentäter mit dem Lkw zunächst eine Runde um den Markt. Der Lastwagen gehörte einer polnischen Speditionsfirma. Eine der Hypothesen zum Tathergang ist es, dass der Attentäter den Wagen in Berlin entführte, und der eigentliche Fahrer von ihm überwältigt und getötet wurde.
  • Im Führerhaus des Lastwagens war laut Angaben aus Sicherheitskreisen blutverschmierte Kleidung gefunden worden. Bei dem später in einiger Entfernung vom Tatort festgenommenen Tatverdächtigen sei dagegen keine mit Blut befleckte Kleidung gefunden worden. Ob der Mann noch im Lkw die Kleidung gewechselt haben könnte, war unklar.
  • Ein Augenzeuge hatte beobachtet, wie der Fahrer aus der Kabine gesprungen und geflohen war. Er verfolgte den mutmaßlichen Attentäter und alarmierte währenddessen die Polizei. Beide sollen die Budapester Straße entlang in Richtung Tiergarten gelaufen sein. An der Siegessäule stoppten die Beamte den Tatverdächtigen - aber offenbar den falschen. Später stellte sich heraus, dass der zivile Verfolger den Fliehenden offenbar schnell aus den Augen verloren hatte. Die Festnahme war nur auf Grundlage einer vagen Personenbeschreibung erfolgt.

B. soll am 31. Dezember 2015 nach Deutschland eingereist sein, wo er auch registriert wurde. Laut Innenminister de Maizière wurde sein Asylverfahren jedoch nicht abgeschlossen, offenbar, weil er zu mehreren Anhörungen nicht erschienen war. B. soll wegen kleinerer Delikte polizeibekannt gewesen sein. Deutschland hatte nach seiner Festnahme Kontakt mit pakistanischen Behörden aufgenommen. Eine Quelle aus dem pakistanischen Außenministerium, sagte am Dienstag, dass "Deutschland mit dem Außenministerium in Kontakt getreten" war, nachdem die "Herkunft des Täters nach Pakistan zurückverfolgt wurde".

Dass B. nicht mehr in Polizeigewahrsam ist, bedeutet vor allem eins: Der wahre Attentäter des Lastwagen-Anschlags ist noch auf der Flucht, womöglich bewaffnet.

Der Schwerlaster war am Montag um 20.02 Uhr in eine Budengasse des Weihnachtsmarktes an der Gedächtniskirche gerast. Zwölf Menschen wurden getötet, darunter der ursprüngliche Fahrer des aus Polen stammenden und wohl gestohlenen Lkw. Verletzt wurden laut Bundesanwaltschaft 45 Personen, davon 30 schwer. Von den Getöteten waren bis zum Nachmittag sechs Menschen identifiziert. Alle seien deutsche Staatsbürger gewesen.

LKW-Route
SPIEGEL ONLINE

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Für Kanzlerin Merkel steht auch politisch viel auf dem Spiel, sollte sich der Täter als Flüchtling erweisen. "Dies wäre besonders widerwärtig gegenüber den vielen, vielen Deutschen, die tagtäglich in der Flüchtlingshilfe engagiert sind, und gegenüber den vielen Menschen, die unseren Schutz tatsächlich brauchen und sich um Integration in unser Land bemühen", sagte sie.

Was bisher geschah im Video-Überblick:

ala/dpa

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