Rekonstruktion Was am Breitscheidplatz geschah

Der Täter hinterließ Tod und Zerstörung auf dem Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Wie der Anschlag ablief, zeigt die Rekonstruktion der bislang bekannten Fakten.


Anfangs wusste niemand, ob es ein tragischer Unfall oder ein brutaler Anschlag war. Doch inzwischen gibt es keinen Zweifel mehr: Am Abend des 19. Dezember wurde ein Lastwagen absichtlich auf einen Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz gelenkt, um möglichst viele Menschen zu töten.

SPIEGEL ONLINE hat die tragischen Ereignisse des Abends soweit wie bislang möglich rekonstruiert. Diese Übersicht wird weiter aktualisiert.

Montag, 9 Uhr: Der Scania-Lastwagen einer polnischen Spedition trifft in Berlin ein. Er hat 25 Tonnen Stahlteile aus Italien geladen, die am Dienstagmorgen in Berlin ausgeladen werden sollen. Der Fahrer, Cousin des Speditionsinhabers Ariel Z., stellt den Lkw vor der ThyssenKrupp Schulte Niederlassung am Friedrich-Krause-Ufer im Berliner Stadtteil Moabit ab.

15 Uhr: Der Fahrer telefoniert mit seiner Frau. Es ist das letzte bekannte Lebenszeichen von ihm. "Er war ein guter Fahrer, einer der letzten guten auf dem Markt", sagte Z.

15.45 Uhr: Nach Angaben der Spedition zeigen die GPS-Daten, dass der Lkw zu diesem Zeitpunkt bewegt wurde - mehrmals vor und zurück. "Es sah aus, als wenn jemand geübt hätte, den Wagen zu fahren", sagte Z.

16.52 Uhr und 17.37 Uhr: Der Lastwagen wird zwei weitere Male gestartet. Dies berichtet der leitende Speditionsmitarbeiter Lukasz W. dem Internetportal Money.pl.

19.34 Uhr: Der Lkw wird nochmals angelassen und verlässt seinen Abstellplatz. Dies berichtet die polnische Spedition unter Berufung auf die GPS-Daten. Am Steuer sitzt nach mit sehr großer Wahrscheinlichkeit der Tunesier Anis Amri. Im Tat-Lkw werden später ein Ausweisdokument, nämlich die Duldung Amris, und seine Fingerabdrücke gefunden. Er stand seit Monaten im Visier mehrerer deutscher Sicherheitsbehörden und war als sogenannter Gefährder eingestuft worden.

19.41 Uhr: Über den Messengerdienst "Telegram" verschickt Amri aus der Führerkabine des Lastwagens eine Botschaft an einen Vertrauten. "Mein Bruder, alles ist in Ordnung, so Gott will, mein Bruder, alles ist in Ordnung. Ich bin jetzt im Auto. Hast du mich verstanden? Bete für mich, Bruder, bete für mich!" Kurz darauf postete der Attentäter noch ein Foto: Es zeigt die Führerkabine des gestohlenen Lkw, ein Stück Lenkrad und Kabel, die zum Zigarettenanzünder führen. Auf dem Armaturenbrett ist eine Küchenrolle zu erkennen.

20 Uhr: Der Lkw nähert sich auf der Hardenbergstraße von Westen kommend dem Breitscheidplatz, auf dem sich der gut besuchte Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche befindet. Nach SPIEGEL-Informationen fährt der Attentäter einmal um den Weihnachtsmarkt, möglicherweise um Anlauf zu nehmen, ehe er auf den Markt einbog. Einige Zeugen behaupten, der Lkw sei ohne Licht gefahren, bestätigt ist das aber nicht. Auf dem Beifahrersitz befindet sich der offenbar zuvor erschossene Fahrer aus Polen.

20.02 Uhr: Der Lastwagen verlässt die Fahrbahn der Budapester Straße nach rechts. Er fährt durch einen Zugang für Fußgänger auf den Weihnachtsmarkt und steuert nach wenigen Metern nach links, um der Gasse zwischen den Ständen zu folgen. Dutzende Menschen werden teils schwer verletzt, elf Menschen sterben. Nach etwa 30, 40 Metern lenkt der Fahrer nach links. Der Lkw fährt offenbar direkt durch einen Stand des Weihnachtsmarkts und den dahinter befindlichen Zaun zurück auf die Fahrbahn der Budapester Straße. Dort bleibt der Lastwagen schließlich stehen, der Attentäter flüchtet. Der von Amri getötete polnische Lkw-Fahrer bleibt auf dem Beifahrersitz zurück.

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Inzwischen wissen Ermittler, dass der Bordcomputer den Lkw gestoppt hat. So konnte das Fahrzeug nicht noch mehr Menschen überrollen. Der Lastwagen ist mit einem System ausgestattet, das mithilfe einer Kamera und Radar Hindernisse erkennt und bremst, wenn der Fahrer auf ein Warnsignal nicht binnen einer Sekunde reagiert.

20.04 Uhr: Erste Notrufe gehen bei der Berliner Feuerwehr ein. Kurz darauf ist sie laut dpa mit 130 Feuerwehrleuten im Einsatz. Notärzte und Sanitäter versorgen die Verletzten. Die Polizei sperrt den Breitscheidplatz weiträumig ab.

21.12 Uhr: Die Polizei berichtet via Twitter von neun Toten und vielen Verletzten. Die Zahl der Todesopfer erhöht sich später auf zwölf.

21.34 Uhr: Die Berliner Polizei ruft die Bürger auf, zu Hause zu bleiben. "Bitte helfen Sie uns", twittert die Polizei. "Verbreiten Sie keine Gerüchte."

21.59 Uhr: Die Polizei informiert über die Festnahme eines Verdächtigen nahe der Siegessäule. Ein Zeuge war ihm vom Breitscheidplatz gefolgt und hatte die Polizei eingeschaltet. Der Festgenommene, ein junger Man aus Pakistan, bestreitet jedoch bei einer späteren Vernehmung die Tat. Er wird einen Tag später wieder auf freien Fuß gesetzt.

Dienstag, 0.29 Uhr: Die Polizei gibt bekannt, dass der Lkw einer polnischen Spedition gehört. Er soll möglicherweise gestohlen worden sein. Der Generalbundesanwalt hat die Ermittlungen übernommen.

Mittwoch: Nach dem Fund des Ausweisdokuments im Lkw schreibt die Polizei Anis Amri öffentlich zur Fahndung aus. Der Tunesier ist dringend verdächtig, den Anschlag in Berlin verübt zu haben. Die Behörden hatten ihn seit Monaten im Visier, trotzdem konnte er abtauchen. Amri soll im Juli 2015 über Freiburg nach Deutschland eingereist sein. In einem Eintrag zur verdeckten Fahndung vom 5. Februar 2016 steht: "mutmaßlicher Bezug zum IS" und "intensive Kontrolle der Person". Am 30. Juli 2016 war Amri sogar festgenommen worden. Eine geplante Abschiebung nach Tunesien scheiterte jedoch wegen fehlender Passersatzdokumente aus Tunesien. Kurz danach wurde Amri freigelassen.

Donnerstag: Bundesinnenminister Thomas de Maizière bestätigt, dass im Führerhaus des Anschlags-Lkw Fingerabdrücke des gesuchten Tatverdächtigen Anis Amri gefunden wurden. Außerdem erklärte er, dass es "zusätzliche Hinweise gibt, dass der Tatverdächtige mit hoher Wahrscheinlichkeit wirklich der Täter ist". Nach SPIEGEL-Informationen hatte sich Amri vor dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz als Selbstmordattentäter angeboten. Allerdings waren seine Äußerungen so verklausuliert, dass sie für eine Festnahme nicht ausreichten.

Freitag: Der mutmaßliche Attentäter Anis Amri gerät um drei Uhr morgens in eine Polizeikontrolle in Mailand. Beamte fordern ihn auf, seinen Ausweis zu zeigen. Den Polizeiangaben zufolge soll Amri sofort eine Pistole gezogen und auf zwei Polizisten geschossen haben. Laut italienischen Medien rief er "Allahu Akbar". Die Polizisten erwiderten das Feuer und trafen Amri tödlich. Einer der Polizisten wurde verletzt.

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Angriff in Berlin: Der Tag nach der Katastrophe

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