Was bisher bekannt ist Anschlag in Berlin - der Überblick

Wie lief der Angriff auf dem Berliner Breitscheidplatz ab? Was ist über die Hintergründe bekannt? Die Fakten.

Gedenken am Breitscheidplatz in Berlin
REUTERS

Gedenken am Breitscheidplatz in Berlin


Die Tat und die Opfer

Ein Lastwagen ist am Montagabend offenbar vorsätzlich in eine Menschenmenge auf einen Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gerast. Zwölf Menschen kamen ums Leben, etwa 50 weitere wurden verletzt, 14 Menschen schwebten zuletzt in Lebensgefahr. Bei der Fahrt von der Kreuzung Kantstraße und Budapester Straße kommend fuhr der Lkw ungefähr 50 bis 80 Meter weit über den Markt und zerstörte mehrere Buden. Der Sattelschlepper, der einer Spedition gehört, kam wieder auf der Budapester Straße zum Stehen. Unklar ist, wie der Täter in Besitz des Lkws kam.

Der oder die Täter

In der Fahrerkabine saßen nach Polizeiangaben ein offenbar bewaffneter Täter am Steuer sowie der eigentliche Fahrer neben ihm. Der Mann aus Polen, der auf dem Beifahrersitz saß, wurde mit einem Kopfschuss getötet. Der Täter flüchtete anschließend, einen später an der Siegessäule im Tiergarten gefassten Verdächtigen hat die Polizei inzwischen wieder freigelassen.

Inzwischen verfolgt die Polizei nach SPIEGEL-Informationen eine neue Spur. Unter dem Fahrersitz im Tatfahrzeug fanden die Ermittler ein Ausweisdokument, offenbar eine Duldungsbescheinigung. Es ist auf einen tunesischen Staatsbürger namens Anis Amri ausgestellt, 1992 in der Stadt Tataouine geboren. Der Verdächtige soll auch mit zwei Aliasnamen bekannt sein und der Islamistenszene nahestehen. Für Hinweise, die zu seiner Ergreifung führen, sind 100.000 Euro Belohnung ausgesetzt.

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Der Mann auf dem Beifahrersitz

Der Getötete auf dem Beifahrersitz war offenbar der eigentliche Fahrer des Lkw. Sein Chef, ein polnischer Spediteur mit Namen Ariel Z., identifizierte ihn in der Nacht auf Dienstag. "Das Foto ist sehr drastisch", sagte er im polnischen Fernsehen, er habe es zunächst nicht sehen wollen. Das Gesicht seines Mitarbeiters sei geschwollen und blutig gewesen. Der Frau seines Fahrers wurde es demnach nicht gezeigt. Der Verstorbene, der ein Cousin von Ariel Z. sein soll, hinterlässt seine Frau und ein 17-jähriges Kind.

In den Stunden vor der Tat war der Fahrer nicht mehr zu erreichen gewesen. Die Frau des Fahrers habe ihren Mann nach 16 Uhr nicht mehr ans Telefon bekommen, hatte Z. am Dienstag gesagt.

Wie genau der Täter in Besitz des Lkws kam, ist nach wie vor unklar. Offenbar hatte er den Lastwagen bereits am Nachmittag gestohlen und den Fahrer überwältigt. Nach Angaben der polnischen Spedition sollte der Laster am Montagabend in Berlin parken, das Entladen der aus Italien transportierten Stahlträger war für Dienstag geplant. Laut GPS-Daten wurde der Laster am Montagnachmittag um 15.44 Uhr, um 16.52 Uhr und um 17.37 Uhr gestartet. Um 19.34 Uhr ist der Lkw demnach losgefahren und verließ seinen Standort in Berlin gegen 19.45 Uhr endgültig. Gegen 20 Uhr erreichte er den Breitscheidplatz.

Die Hintergründe der Tat

Die Bundesanwaltschaft geht von einem terroristischen Hintergrund aus, laut Innenminister de Maizière spricht vieles für ein islamistisches Motiv. Über genaue Hintergründe ist jedoch nichts bekannt. Die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) reklamierte den Anschlag über sein Sprachrohr, die sogenannte Nachrichtenagentur Amaq, für sich. Die Erklärung beinhaltet allerdings keinerlei Täterwissen, Insider-Informationen oder Angaben zum Täter.

Die Ermittlungen

Generalbundesanwalt Peter Frank hat die Ermittlungen übernommen. Trotz der Freilassung des ersten Tatverdächtigen zeigte sich Bundesinnenminister Thomas de Maizière optimistisch. Es gebe Fahndungsansätze, weshalb er zuversichtlich sei, dass es Fortschritte in den Ermittlungen geben werde, sagte der CDU-Politiker im ZDF.

Die Berliner Polizei hat nach eigenen Angaben mehr als 500 Hinweise zu dem Attentat erhalten. Neben Zeugenaussagen werteten die Ermittler derzeit DNA-Spuren und Fingerabdrücke aus, sagte der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), André Schulz. Mit GPS-Daten vom Tatabend werde nach dem Handy des Täters gesucht. Auf dieser Basis könne ein Bewegungsbild erstellt werden. "Wir haben viele Möglichkeiten, um die Person auch zu finden", so Schulz. "Ich bin relativ zuversichtlich, dass wir vielleicht schon morgen oder in naher Zukunft einen neuen Tatverdächtigen präsentieren können."

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Die Reaktionen

Im politischen Berlin ist eine Debatte über Folgen für die Innenpolitik entbrannt. "Wir sind es den Opfern, den Betroffenen und der gesamten Bevölkerung schuldig, dass wir unsere gesamte Zuwanderungs- und Sicherheitspolitik überdenken und neu justieren", sagte CSU-Chef Horst Seehofer etwa 14 Stunden nach dem Anschlag. Dafür kritisierte ihn unter anderem CDU-Vize Armin Laschet: Es sei nicht die "normale Herangehensweise an Politik", schon vor Ermittlung der Fakten durch die Polizei Schlüsse zu ziehen, sagte er in einer Sondersendung bei Maybrit Illner. "Was ist denn, wenn der Täter aus dem Inland oder aus einem Nachbarland kommt, wie bei den Anschlägen von Nizza oder Brüssel?", fragte Laschet. Nach Konsequenzen rufen könne man "erst, wenn die Fakten auf dem Tisch liegen". Innenminister de Maizière sagte: "Heute ist nicht der Tag, um über Konsequenzen zu sprechen." (Lesen Sie hier eine Reportage über die Stimmung in Berlin nach dem Anschlag.)

Die Konsequenzen

"Wir sind hochalarmiert und ermitteln in alle Richtungen", sagte der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch. An der Gefährdungseinschätzung des BKA habe sich nichts geändert - es herrsche eine ernstzunehmende Bedrohungslage. Seine Behörde sei stets davon ausgegangen, dass Weihnachtsmärkte einer höheren Gefährdung unterliegen. "Das Ereignis hat sich leider nahtlos eingefügt in die Einschätzung, die wir hatten." In zeitlicher Nähe zu einem solchen Anschlag sei mit einem "erheblichen weiteren Attentatsrisiko" zu rechnen, so Münch.

Der Innenausschuss des Bundestags will in einer Sondersitzung über den Anschlag beraten. In Berlin selbst hat der Senat beschlossen, die Polizeipräsenz auf Straßen und Weihnachtsmärkten zu erhöhen. Unter anderem sollen Beamte in einem Modellversuch mit Bodycams ausgerüstet werden. Eine Ausweitung der Videoüberwachung darüber hinaus ist jedoch nicht geplant.

mxw/ler/dpa

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