Lkw-Attentat von Berlin Lammert reagiert auf Kritik von Anschlagsopfern

Rasch ging die Republik nach dem Anschlag von Berlin zum Alltag über. Angehörige der Opfer beklagen, dass ein würdiges Gedenken fehlt. Nun will der Bundestag an die Toten und Verletzten erinnern.

Breitscheidplatz am 7. Januar 2017
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Breitscheidplatz am 7. Januar 2017

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Als der weiße Sarg mit der Leiche von Fabrizia di Lorenzo auf dem Flughafen Ciampino aus der Militärmaschine getragen wurde, waren nicht nur engste Familienangehörige auf dem Rollfeld. Auch der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella und Verteidigungsministerin Roberta Pinotti erwiesen der jungen Italienerin, die bei dem Anschlag vom 19. Dezember auf dem Berliner Breitscheidplatz getötet worden war, mit ihrer Anwesenheit die Ehre.

In Polen fuhr ein langer Korso von Lastkraftwagen an dem Tag über die Autobahn, an dem der polnische LKW-Fahrer Lukasz U. in seinem Heimatort bei Stettin beerdigt wurde. Staatspräsident Andrej Duda kniete vor dem Sarg des Getöteten. Auch Israels Staatspräsident Reuven Rivlin gedachte einer getöteten Landsfrau.

Es waren symbolische Gesten, die in ihren Ländern Eindruck machten. In Deutschland hingegen schien man rasch zum Alltag überzugehen. Kurz nach dem Anschlag in Berlin besuchte zwar Bundespräsident Joachim Gauck überlebende Opfer im Krankenhaus, Kanzlerin Angela Merkel legte gemeinsam mit dem Bundesinnenminister, dem Außenminister und Berliner Landespolitikern auf dem Breitscheidplatz Blumen nieder und nahm anschließend an einem Gottesdienst teil, dem auch Gauck beiwohnte.

Doch dann sollte in Stadt und Staat scheinbar schnell alles wieder seinen gewohnten Gang gehen. "Maximal unbeeindruckt" lautete damals die Schlagzeile von SPIEGEL ONLINE über die Reaktion der Hauptstadt-Bewohner, was als selbstbewusste Ansage gegen die Saat des Terrorismus gemeint war.

Zentrale Gedenkfeier blieb bislang aus

Doch kann das so stehen bleiben? Spricht daraus eine womöglich unangemessene Routine im Zeitalter des internationalen Terrorismus?

Eine zentrale Gedenkfeier, die noch einmal an die Toten sowie die rund 50 Verletzten des Berliner Anschlags erinnert, fehlt bislang. Im "Tagesspiegel" hatte eine Angehörige eines der Opfer daran jüngst harsche Kritik geübt.

Während viele Einwohner und Touristen mit Blumen und Kerzen am Breitscheidplatz noch immer große Anteilnahme bekundeten, sei von den Regierenden nur zu hören, dass man möglichst schnell zur Normalität übergehen müsse, sagte die Frau eines Schwerverletzten. "Ich finde die mangelnde Beachtung vonseiten des Staates traurig und unwürdig", so die Frau, die am 19. Dezember auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche war. Ihr langjähriger Lebensgefährte wurde schwer verletzt und kämpft seitdem um sein Leben. Für sie werde es keine Normalität mehr geben, sagte die Frau der Zeitung.

Dem Gedenken will nun zumindest die Spitze des Bundestags nachkommen, nachdem sich bereits in den zurückliegenden Tagen einzelne Abgeordnete für eine Ehrung ausgesprochen hatten. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE erklärte der Sprecher des Bundestagspräsidenten am Dienstag: Bundestagspräsident Norbert Lammert werde in der nächsten Sitzungswoche des Deutschen Bundestages am 19.Januar "vor Eintritt in die Tagesordnung zum Gedenken sprechen". Auch das Berliner Abgeordnetenhaus wird - an diesem Donnerstag - mit einer Gedenkminute die Opfer würdigen, Parlamentspräsident Ralf Wieland (SPD) wird eine Rede halten.

Wie wichtig das staatliche Gedenken an die Opfer nicht zuletzt für die Angehörigen ist, hatte zuletzt Bundespräsident Christian Wulff 2012 erkannt, der vor dem abrupten Ende seiner Amtszeit zu einer Gedenkfeier für die Opfer der rechtsextremen NSU eingeladen hatte. An der Zeremonie im Schauspielhaus in Berlin nahmen damals Kanzlerin Angela Merkel - die für den kurz zuvor zurückgetretenen Wulff die Rede hielt -, und Vertreter von Bundesrat, Bundestag und Bundesverfassungsgericht teil. Angehörige der Opfer - neun Männer und eine Polizistin - zeigten sich dankbar für die Geste der Bundesrepublik, die meisten Toten der Mordserie zwischen den Jahren 2000 bis 2006 waren nichtdeutscher Herkunft.

Gibt es diesmal auch noch ein ähnliches Gedenken? Das sei derzeit nicht geplant, erfuhr SPIEGEL ONLINE am Dienstag aus dem Bundespräsidialamt.

Käme es dennoch dazu, wäre es die Ehrung für eine Gruppe von Menschen aus vielen Ländern, die in der deutschen Hauptstadt einfach nur einen schönen Abend in der Vorweihnachtszeit verbringen wollten. Allein von den zwölf Toten sind nach Angaben des Bundeskriminalamtes sieben Deutsche sowie Menschen mit tschechischer, ukrainischer, italienischer, israelischer sowie polnischer Staatsangehörigkeit.

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jalu-2008 10.01.2017
1. Diese Eiseskälte ...
und Ignoranz der deutschen Kanzlerin ist unerträglich. Jede angeschwärzte Tür einer Hinterhofmoschee bekommt mehr Aufmerksamkeit und Mitgefühl. Nur nicht an die eigenen Fehler erinnert werden? Ist das der Grund?
Chefredakteur 10.01.2017
2. Kein Opfer darf vergessen werden!
wir in Deutschland haben verhältnismäßig weniger Opfer der islamischen Extremismus zu beklagen als Irak, USA, Israel oder Frankreich. Aber wir in Deutschland müssen auch an alle Opfer denken und die Erinnerung immer Wach halten besonderes die Opfer der Holocaust und NSU dürfen niemals vergessen werden. Die Opfer der aktuellen Anschlag in Berlin haben tiefe Wunden in unsere verängstliche Gesellschaft hinterlassen und weil das Thema so aktuell ist sollten wir diese Opfer genauso wie NSU Opfer behandeln und immer in Erinnerung halten!
dschindepscha gangeresi 10.01.2017
3. Wer sind die Opfer
Während von den ausländischen Opfern durchaus Name, Geschlecht und Alter bekannt sind, ist dies von den deutschen Opfern leider kaum bekannt. Im Netz existieren ein paar Wage Angaben zu Opfern, die der Regionalpresse entnommen wurden. Aber nicht von allen. Es ist daher nicht bekannt in welchem Alter die Opfer waren. Waren es jungen Menschen? Waren auch Kinder dabei? Ein Augenzeuge hat in der Daily Mail von einem Kind unter dem LKW berichtet "We saw a child under the truck". Bisher hatte ich keine Chance herauszufinden, ob diese Kind überlebt hat oder nicht.
mc_os 10.01.2017
4.
Für unsere Damen und Herren Politiker waren die Opfer ganz offensichtlich nur Anlaß zum Ziel: Verschärfung bestehender Gesetze, Schaffung neuer Gesetze - zur weiteren Einschränkung der Grundrechte. Bis diese Gesetzte dann wieder von deutschen oder europäischen Gerichten für verfassungswidrig erklärt werden. Die Opfer der Tat? Vergessen. Bis jetzt. Hoffentlich besitzen Hr. de Maizière und Hr. Maas wenigstens noch ein Mindestmaß an Anstand und erscheinen nicht mit Trauermiene auf einer zentralen Trauerveranstaltung, mit Fahnen auf Halbmast - und mit aufgesetzem Trauergesicht. Schäbiger ginge es nun wirklich nicht.
Aquamarin 10.01.2017
5. Gedenken
Natürlich geht es nicht darum, sich an die Toten zu erinnern, sondern ihrer zu gedenken.
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