Anschlagswarnung: Deutschland im Visier der Terroristen

Von und Yassin Musharbash

Droh-Videos aus einem Terrorlager, Festnahme dreier Deutscher in Pakistan, abgefangene Telefonate und E-Mails: Plötzlich passen die Teile wie bei einem Puzzle zusammen. Westliche Geheimdienste warnen vor Anschlägen auf deutsche Ziele. Die Gefahr habe sich drastisch erhöht.

Berlin - Wenn Sicherheitsexperten den Begriff Lagebild erklären, sprechen sie gern von einem Puzzle oder Mosaik. Jeden Tag tragen die Experten von Geheimdiensten, Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz ihre Erkenntnisse zusammen: Festnahmen im Ausland, Hinweise von ausländischen Diensten, Bewegungen von bekannten Extremisten in Deutschland und deren Kommunikation werden zu einer Analyse verdichtet.

In den vergangenen zwei Jahren sah dieses Lagebild meist gleich aus. Abstrakt hoch sei die Gefahr hierzulande, erklärten deutsche Behörden immer wieder. Deutschland sei ein Ziel von Terroristen wegen des Engagements in Afghanistan und des Anti-Terror-Kampfes vieler Staaten. Hinweise auf eine konkrete Bedrohung hatten die deutschen Behörden nicht.

Jetzt hat sich diese Lageeinschätzung dramatisch verändert. Eilig lud der Innenstaatssekretär August Hanning Journalisten ein, um sie über die aktuellen Erkenntnisse zu unterrichten. "Wir sind alarmiert", verkündete er. Deutschland sei so gefährdet wie seit 2001 nicht mehr. Er fühle sich an die Zeit vor dem 11. September erinnert. "Wir sind voll ins Zielspektrum des islamistischen Terrors gerückt."

Hanning, ehemals Chef des deutschen Auslandsgeheimdienstes BND, gilt als einer der Top-Experten in Sachen Terror und als ruhiger Analyst, der nicht zu alarmistischen Warnungen neigt. Zu oft schon hat er Hinweise bekommen, die sich am Ende als falsch herausstellten.

"Plötzlich passt alles zusammen"

Gerade deshalb ist die Wortwahl erstaunlich - und zeugt davon, wie nervös die Behörden sind. "Wir haben eine Fülle von Mosaiksteinen", sagt ein Top-Beamter. "Es passt plötzlich alles zusammen, das lässt uns so besorgt sein."

Was Hannings spontanes Briefing erreichen sollte, ist nicht ganz klar. Hochrangige Beamte sagen, man habe die Öffentlichkeit sensibilisieren wollen - ohne Panik zu schüren. Die Änderungen in der Einschätzung seien so signifikant, dass man nicht mehr von einer abstrakten Gefährdung sprechen könne. Konkrete Erkenntnisse über Anschläge in Deutschland gebe es aber nicht.

Hannings Chef, Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU), unterstützt die Einschätzung seiner Experten: Er bezeichnet die Gefahr von Terroranschlägen in Deutschland als ernst. Es gebe die Botschaft, dass Angriffe auf Deutsche, wie es sie in Afghanistan gegeben hatte, auch hierzulande möglich seien. Die Informationen, über die die Behörden verfügten, seien von großer Bedeutung, um Anschläge zu verhindern. Hanning fühlt sich an die Situation "wie vor dem 11. September" erinnert.

In letzter Zeit, so erklären Experten, verfolgten deutsche und internationale Dienste einen ähnlichen "Chatter" - so nennen die Fahnder die Erkenntnisse aus E-Mail- oder Telefongesprächen - wie vor den Anschlägen vor sechs Jahren. Was die Fahnder hören, lässt Attentate in Deutschland zumindest wahrscheinlicher erscheinen.

Erste Hinweise im April 2007

Die neue Gefahren-Einschätzung basiert unter anderem auf Erkenntnissen vom April 2007. Damals meldete die CIA, eine Gruppe islamistischer Kurden plane einen Anschlag in Deutschland oder einem Nachbarland. Die Gruppe der Islamischen Dschihad Union (IJU) sei von der Türkei auf dem Weg nach Deutschland. Die IJU agiert vornehmlich in Pakistan, bildet dort Extremisten aus. E-Mails aus Deutschland stützten den Verdacht - die US-Botschaft fuhr die Sicherheitsvorkehrungen hoch.

In den nachfolgenden Wochen kamen immer mehr Hinweise dazu. Wie in einem Puzzle passte ein Teil zum anderen, bis die Experten zu der Einschätzung kamen: Es gibt eine neue Bedrohungslage.

Einer der jüngsten Bausteine ist ein aktuelles Video aus Afghanistan, das der US-Sender ABC vor drei Tagen ausstrahlte: Es zeigt Hunderte Mudschahidin, die von Taliban-Kommandeur Mansur Dadullah, dem Bruder des kürzlich getöteten Top-Kommandeurs Mullah Dadullah, zu Selbstmordmissionen in den USA, Kanada, Großbritannien und Deutschland verabschiedet werden.

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