Anti-Atom-Demo in Berlin: "Jetzt entsteht etwas Neues"

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Der Widerstand gegen die Atompolitik der Regierung Merkel wächst: Zehntausende haben in Berlin gegen eine Verlängerung der Laufzeiten protestiert - darunter viele Menschen, die sonst nie demonstrieren.

dpa

Plötzlich wird es selbst Renate Künast zu laut. Die Fraktionschefin der Grünen geht die Berliner Reinhardtstraße entlang. Zusammen mit Parteifreunden trägt sie ein Transparent, auf dem steht: "Schwarz-Gelb, Nein Danke". Doch plötzlich schwillt der Lärm gewaltig an: Trommeln, Tröten, Pfeifen. Gerade passieren sie die FDP-Bundeszentrale. Und Jürgen Trittin und Claudia Roth blasen so stark in ihre Trillerpfeifen, dass Künast sich die Ohren zuhält.

Zehntausende Menschen demonstrieren am Samstag im Regierungsviertel gegen die Atompolitik der schwarz-gelben Koalition. "Unsere Erwartungen wurden bei weitem übertroffen", freut sich Rüdiger Rosenthal vom Umweltschutzverein BUND, der den Protestmarsch mitorganisiert hat. "Atomkraft: Schluss jetzt!", fordern sie.

Auch Spitzenpolitiker der SPD und der Linken reihen sich ein: Sigmar Gabriel und Andrea Nahles, Gesine Lötzsch und Gregor Gysi schließen sich der Demo an, an der Spitze des Zuges tuckern Traktoren aus dem Wendland, dort liegt das Atommülllager Gorleben.

Im stürmischen Wind flattern alte "Atomkraft Nein Danke"-Sonnen aus den Achtzigern. Auf der Bühne spielen die alternden Protestrocker von "Bots". Aber: Die Atomgegner bekommen auch viel Zulauf von Bürgern, die sonst nicht auf die Straße gehen.

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Atomgegner: Protest in Berlin
Renate Pittner hat während der Atom- und Castorproteste der Achtziger und Neunziger nicht demonstriert, damals hat sie ihre fünf Kinder groß gezogen. "Aber jetzt", sagt die 46-Jährige, "konnte ich nicht mehr anders." Sie ist zornig, über die Atompolitik der Bundesregierung, über - so sagt sie es - "das Einknicken vor den Lobbyisten, vor der Willkür". "Die da drüben", sagt sie und zeigt Richtung Reichstag, müssten "hören und fühlen, dass so viele gegen die Atompolitik sind".

Es ist halb vier, als ein Organisator am Bundestagskindergarten durch ein Megafon brüllt: "Wir sind hunderttausend." Die Polizei meldet 40.000 - auch das ist eine stattliche Zahl.

Vor dem Reichstag verkaufen Aktivisten "ukrainisches Pilzrisotto" an "Brunsbütteler Salatkreation": etwas verstrahlt, ansonsten unbedenklich. "Heute geht Protest am besten mit Sarkasmus", sagt der Organisator, der einen windigen Atomlobbyisten mimt. Vor dem Bahnhof haben sie ein Zwischenlager für Atommüll aufgebaut: Tausende Konservenbüchsen, Getränkedosen oder Regentonnen, die mit gelben Banderolen und Atomzeichen beklebt sind, stapeln sich dort.

Zwischen Kanzleramt, Reichstag und Friedrichsstraße sind viele dabei, die nicht zum alten Kern der Atomgegner zählen. Für die 27-jährige Sophie etwa ist es die erste Demonstration. Sie sei nicht politisch engagiert, sagt sie. Aber nach dem Atomdeal der Bundesregierung "spüre ich, wie schamlos hinter verschlossenen Türen Politik von Lobbyisten beeinflusst wird." "Die einzige Chance für uns, selbst einzugreifen, ist auf die Straße zu gehen", sagt sie.

Für Protestveteranen sind solche Aussagen ein Grund zur Hoffnung. Das Ehepaar Sternagel aus Berlin-Friedenau protestiert seit den Achtzigern gegen Atomkraft. Eigentlich hätten sie schon aufgehört mit dem Demonstrieren, "weil es ja eh nichts bringt", so Renate Sternagel. "Aber jetzt", sagt die 72-Jährige und ballt ihre Faust, "jetzt entsteht etwas Neues."

Und jetzt sind auch sie wieder dabei. Peter Sternnagel sagt, er sei sicher, dass man dieses Mal Erfolg habe. "Aber wir müssen am Ball bleiben", so der 78-Jährige, "eine große Demo allein wird nichts verändern."

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Forum - Proteste gegen Laufzeitverlängerung - was können die Atomkraftgegner bewirken?
insgesamt 1586 Beiträge
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1.
T. Wagner 14.09.2010
Das ist doch mal eine wirkliche Nagelprobe. Schaun' 'mer mal, wer da Transparente schwenkt und protestiert. Ob das Viele sind? Da habe ich so meine Zweifel. Ganz Deutschland ist von AKWs umzingelt, und hier bei uns will man nicht mal die Laufzeit von bewährt funktionierenden Reaktoren verlängern?
2. Msassendemonstration?
iosono3 14.09.2010
Die Leute gehen nicht auf die Strasse wenndas Gesundheitsministerium ihnen das Geld aus der Tasche zieht,sie gehen nicht wenn den Banken Milliarden hinterher geworfen werden.........aber jezt werden sie in Massen gegen Laufzeitverlängerunen demonstrieren-andere Probleme haben se nämlich nicht. Es werden die selben 50-100 000 demonstrieren die immer demonstrieren-mehr nicht.
3. Hohle Demonstranten...
spitzbuab 14.09.2010
Das sind leider genau die selben Demonstranten, die bei höheren Energiepreisen (logische marktwirtschaftliche Folge bei der Abschaffung von Atomkraftwerken)wieder auf der Straße sind und mit Steinen werfen. Nach dem Motto: Hauptsache gegen Alles!!
4. Wahlprogramm
andih75 14.09.2010
FDP, CDU/CSU hat doch schon im Wahlprgramm 2009 die Laufzeitverlängerung festgelegt, was beschwert man sich dann noch? Ist halt nicht so einfach mit der Demokratie...
5.
zynik 14.09.2010
Statler und Waldorf aus dem Muppetshow scheinen unter die SPON-Foristen gegangen zu sein. Man kann es nur begrüssen, wenn sich endlich Mitbürger aktiv an der Demokratie beteiligen. Selbst wenn man nicht mit allen Inhalten übereinstimmt.
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Das neue Energiekonzept
Laufzeiten von Atomkraftwerken
Die Laufzeiten werden um durchschnittlich zwölf Jahre verlängert. Die sieben bis 1980 ans Netz gegangenen Anlagen bekommen acht Jahre mehr, die zehn jüngeren AKW 14 Jahre. Dadurch erhöht sich die von Rot-Grün beim Ausstieg festgelegte Regellaufzeit von 32 auf 40 bis 46 Jahre. Das könnte - je nach Produktion der Anlagen und Strommengenübertrag von stillgelegten Meilern - Atomkraft in Deutschland bis 2040 oder sogar 2050 bedeuten.
Zahlungen der Stromkonzerne
Die Konzerne müssen eine neue Atomsteuer zahlen, die dem Bund von 2011 bis 2016 fast 14 Milliarden Euro für die Haushaltssanierung bringen soll. Für den Ausbau der Ökoenergie sollen sie zusätzlich eine Sonderabgabe von insgesamt 1,4 Milliarden in einen neuen Ökostromfonds zahlen. Von 2017 an, wenn Steuer und Abgabe ausgelaufen sind, sollen sie langfristig bis zu 15 Milliarden Euro aus ihren Laufzeit-Gewinnen für den Fonds abgeben.
Windkraft
Über die Staatsbank KfW wird vom nächsten Jahr an der Ausbau von Windparks in der Nordsee gefördert. Die Genehmigungsverfahren werden vereinfacht. Um den Windstrom von der Küste in die Ballungszentren zu bringen, will die Regierung den Ausbau der Leitungsnetze beschleunigen. Dafür will sie nächstes Jahr ein Konzept "Zielnetz 2050" vorlegen.
Kohle
Bei der Stromgewinnung aus Kohlekraftwerken soll die Technik zur Abscheidung und unterirdischen Speicherung des Klimakillers Kohlendioxid (CO2)vorangetrieben werden. Bis 2020 soll es zwei Modell-Kraftwerke geben. So sollen Klimaziele besser erreicht werden.
Energieeffizienz
Hier will die Regierung mit intelligenten Stromnetzen und mehr Anreizen für Verbesserungen sorgen. Um Verbraucher und Wirtschaft beim Energiesparen zu unterstützen, wird beim Wirtschaftsministerium ein "Effizienzfonds" eingerichtet. Laut Umweltministerium lässt sich durch mehr Effizienz bis zu 50 Prozent Energie sparen.
Kontrolle
Die Regierung will die Fortschritte beim Umbau der Energieerzeugung fortlaufend von Wissenschaftlern prüfen lassen. Alle drei Jahre soll es ein "Monitoring-Verfahren" geben.

Fotostrecke
Grafiken: Wie Öko- und Atomstrom konkurrieren