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Anti-Atomkraft-Demo: "Der Trog bleibt, die Schweine wechseln"

Es war eine der größten Anti-Atom-Demos der vergangenen Jahre: Mehrere zehntausend Kernkraftgegner sind lautstark durch das Berliner Regierungsviertel gezogen - begleitet wurden sie von 350 Traktoren.

"Mal richtig abschalten": Großkundgebung gegen Atomkraft Fotos
AP

Berlin - Vor dem "Oval Office Snack" ist man irritiert bis interessiert: Schon eine halbe Ewigkeit wälzt sich der Treck aus Anti-Atomkraftdemonstranten an den zu einem guten Teil ausländischen Touristen vorbei, die am Ende des Boulevards Unter den Linden nach einer Currywurst anstehen. Mit einigem Getöse ziehen die nach Angaben der Veranstalter 50.000 Demonstranten vorbei zur Abschlusskundgebung an der hinteren Seite des Brandenburger Tors. Die Polizei spricht von 36.000 Protestierenden.

Unter dem Motto "Mal richtig abschalten" geht es um nicht weniger als die "Stilllegung aller Atomanlagen weltweit". Initiator der Aktion ist ein breites Bündnis von rund hundert Umweltverbänden, Gewerkschaften und Bürgerinitiativen. Es geht darum, wenige Wochen vor der Bundestagswahl Druck auf die Politik auszuüben, den Atomausstieg nicht aufzuweichen.

Hunderte gelbe Fahnen mit dem Slogan aus den achtziger Jahren, "Atomkraft? Nein Danke", wehen über der Menschenmenge, die vom Hauptbahnhof über den Bahnhof Friedrichstraße zum Brandenburger Tor gezogen ist. Mehrere Demonstranten schleppen ein rund zwei Meter hohes, aufblasbares gelbes Kraftwerk mit sich. Auf anderen Plakaten standen Sprüche wie: "Kerngesund? Wir sind nicht blind!", "Atomkraft ins Technikmuseum" oder "Den Atomkonzernen den Stecker rausziehen".

350 Traktoren aus dem Wendland

Viele Teilnehmer sind in grünen und gelben Kostümen angereist, die teils Atommüllbehälter symbolisieren sollten. Die Demonstranten sind aus ganz Deutschland mit Sonderzügen und Bussen nach Berlin gekommen. Zahlreiche Landwirte aus dem niedersächsischen Wendland mit seinen Atomstandorten sind mit rund 350 Traktoren gekommen, die zum Teil kreativ verziert sind: gelbe Atomfässer, rauchende Castor-Behälter, sogar ein tonnenschwerer Findling sind zu sehen. Auf einem Anhänger posiert ein Haufen Schweine in Nadelstreifenanzügen auf einem Berg von Atomfässern - unter dem Slogan "Der Trog bleibt, die Schweine wechseln."

Nach Angaben der Polizei verlief die Demonstration bis zum Nachmittag sehr friedlich. Auch zahlreiche prominente Politiker nahmen an der Kundgebung teil, darunter Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse (SPD), die Grünen-Spitzenkandidaten Renate Künast und Jürgen Trittin, die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth und der Fraktionschef im Bundestag, Fritz Kuhn sowie Linke-Politiker.

Argumentative Unterstützung erhielten die Atomkraftgegner auch vom Umweltbundesamt (UBA). Die Atomenergie sei keine nachhaltige Energieform, sagte der neue UBA-Chef Jochen Flasbarth im Deutschlandradio Kultur. Auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) begrüßte die Demonstration. Der Aufmarsch zeige, "dass eine Aufkündigung des Atomkonsenses durch Schwarz-Gelb auf entschiedenen Widerstand in der Bevölkerung stoßen würde", sagte Gabriel.

"Die Botschaft der Zehntausenden an die Bundeskanzlerin und an die Union ist eindeutig: 'Hört endlich auf, den verlängerten Arm der Atomindustrie zu spielen!'", erklärte Gabriel. Den Atomkonzernen dürften "keine weiteren Milliardengeschenke durch Laufzeitverlängerungen" gemacht werden. "Das Problem der Endlagerung des Atommülls kann nicht gegen die Bevölkerung und nicht mit noch mehr Atomkraft gelöst werden", betonte Gabriel.

Und in der Tat: Wer die Menschenmassen am Samstag in Berlin sieht, der kann sich durchaus vorstellen, dass an Gabriels Mantra der vergangenen Wochen tatsächlich etwas dran sein könnte - also dass die Inbetriebnahme des Lagers Gorleben tatsächlich politisch nicht wirklich vermittelbar sein dürfte.

Laut einer am Samstag von der Umweltschutzorganisation Greenpeace veröffentlichten repräsentativen Umfrage ist die Mehrheit der Deutschen weiterhin gegen eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke. 59 Prozent der vom Meinungsforschungsinstitut TNS-Emnid Befragten gaben an, am vereinbarten Atomausstieg festhalten zu wollen.

chs/dpa/ddp

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Forum - Kernenergie - längere Laufzeiten trotz Reaktorpannen?
insgesamt 2342 Beiträge
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1.
Rainer Eichberg 11.07.2009
Zitat von sysopDie Kernenergie ist wieder diskutabel gewonnen, auch ein Ausstieg aus dem Ausstieg wird von Politikern erwogen. Wie zukunftsfähig ist die Atomenergie heute? Sollen die Reaktorlaufzeiten trotz der aktuellen Pannen verlängert werden?
Ja. Alles andere wäre Blödsinn. Der Strom würde sonst im Ausland eingekauft, und auch da bekommen wir wieder Atomstrom. Nur halt nicht Atomstrom "made in Germany". Und ob in Frankreich ein Reaktor in die Luft geht, in Polen oder in der Tschechei, ist ziemlich egal - es würde uns dennoch treffen.
2.
WillyWusel 11.07.2009
Zitat von Rainer EichbergJa. Alles andere wäre Blödsinn. Der Strom würde sonst im Ausland eingekauft, und auch da bekommen wir wieder Atomstrom. Nur halt nicht Atomstrom "made in Germany". Und ob in Frankreich ein Reaktor in die Luft geht, in Polen oder in der Tschechei, ist ziemlich egal - es würde uns dennoch treffen.
Sie und Ihr Nachbar stehen jeweils mit MG ausgerüstet einem gefesselten Mann gegenüber. Sie meinen, es ist kein Unterschied, ob Sie den Mann an der Wand erschiessen oder Ihr Nachbar? Tot ist der sowieso? Schon mal was von Verantwortung für sein eigenes Tun gehört?
3. Söder und Ramsauer sind realitätsblind
kellitom, 11.07.2009
Herr Söder droht den Menschen damit, dass die CSU Strom aus Tschernobyl importieren müßte, wenn in Deutschland die Laufzeiten nicht verlängert würden.In einem Fernsehinterview. Der Ausspruch, blöd, blöder Söder bekommt hier eine ganz neue Berechtigung, denn in Tschernobyl wird schon lange gar kein Stropm mehr hergestellt. Alles abgeschsltet dort, Herr Söder. Alle 6 Blocks. Aber als Umweltminister in Bayern muss er so etwas nicht wissen. Dort kann selbst ein Söder Umweltminister werden und bleiben. Und Herr Ramsauer entblödet sich nicht zu sagen, dass es in Krümmel im egentlichen Inneren des Atommeilers keinerlei Probleme geben. Wo sind denn die Brennstäbelchen, Herr Ramsauer? Schweben die außen vorbei???? Oh weh, oh weh, die CSU verliert jegliche Glaubwürdigkeit. Hoffentlich merken das die Bayern VOR der Bundestagswahl, denn danach ist es zu spät.
4.
flowpower22 11.07.2009
Zitat von Rainer EichbergJa. Alles andere wäre Blödsinn. Der Strom würde sonst im Ausland eingekauft, und auch da bekommen wir wieder Atomstrom. Nur halt nicht Atomstrom "made in Germany". Und ob in Frankreich ein Reaktor in die Luft geht, in Polen oder in der Tschechei, ist ziemlich egal - es würde uns dennoch treffen.
Es macht eben schon einen Unterschied. Glauben sie es oder nicht, aber die Welt schaut schon auf das was Deutschland macht. Wenn wir weiter mit Siemens die Speerspitze der Atomstrombewegung spielen, so werden die Bedenken in der Welt zerstreut. Aber es wird dann eben so sein wie immer. Die ärmeren Länder rechnen bei Sicherheitstandards vieles runter im Vergleich zu Deutschland. Auch diese sonderbare Haltung es bliebe uns quasi gar nichts anderes übrig halte ich für grossen Käse. In den 70'er Jahren gab es von der Politik verordnete Autofreie Sonntage um Sprit zu sparen. Das waren die schönsten Sonntage seit lange. Niemand hat diese Dreckskisten auch nur eine Sekunde vermisst.
5.
flowpower22 11.07.2009
Zitat von kellitomHerr Söder droht den Menschen damit, dass die CSU Strom aus Tschernobyl importieren müßte, wenn in Deutschland die Laufzeiten nicht verlängert würden.In einem Fernsehinterview. Der Ausspruch, blöd, blöder Söder bekommt hier eine ganz neue Berechtigung, denn in Tschernobyl wird schon lange gar kein Stropm mehr hergestellt. Alles abgeschsltet dort, Herr Söder. Alle 6 Blocks. Aber als Umweltminister in Bayern muss er so etwas nicht wissen. Dort kann selbst ein Söder Umweltminister werden und bleiben. Und Herr Ramsauer entblödet sich nicht zu sagen, dass es in Krümmel im egentlichen Inneren des Atommeilers keinerlei Probleme geben. Wo sind denn die Brennstäbelchen, Herr Ramsauer? Schweben die außen vorbei???? Oh weh, oh weh, die CSU verliert jegliche Glaubwürdigkeit. Hoffentlich merken das die Bayern VOR der Bundestagswahl, denn danach ist es zu spät.
Ich kann nur hoffen, dass die Bayern endlich aufwachen und dieser CSU mal die rote Karte zeigen werden in ein paar Wochen. Das wäre ein sehr gutes Zeichen und ein Sieg für das schöne Bayernland.
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