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16. Oktober 2011, 19:20 Uhr

Anti-Banken-Bewegung

Gauck nennt Proteste "unsäglich albern"

Verständnis allerorten - die Aktivisten der Anti-Banken-Bewegung ernten fast überall Zustimmung. Nur einer stellt sich quer: der ehemalige Bundespräsidentenkandidat Joachim Gauck. Er spottet über die Debatte und prophezeit dem Protest ein schnelles Ende.

Hamburg - Die Aktivisten mussten sich schon komisch vorkommen: Egal was sie taten, von der Politik erhielten sie Zustimmung. Dass nun ausgerechnet Joachim Gauck aus der Verständnis-Phalanx ausschert, hätten die Protestierenden wohl nicht erwartet. Bei der Bundespräsidentenwahl 2010 war Gauck für SPD und Grüne angetreten.

Nun kritisiert er die Anti-Banken-Bewegung. Die derzeitige Finanzmarktdebatte halte er für "unsäglich albern". Der Traum von einer Welt, in der man sich der Bindung von Märkten entledigen könne, sei eine romantische Vorstellung, sagte Gauck bei einer Veranstaltung der "Zeit".

Die Demonstrationen gegen die Banken und das Finanzsystem werden sich nach seiner Ansicht nicht zu einer dauerhaften Protestbewegung entwickeln. "Das wird schnell verebben", sagte Gauck. In Anspielung auf die DDR erklärte er: "Ich habe in einem Land gelebt, in dem die Banken besetzt waren." Es sei zu bezweifeln, dass die Bankeinlagen sicherer wären, wenn die Politiker in der Finanzwirtschaft das Sagen hätten.

Schäuble zeigt Verständnis für die Demonstranten

Gauck hatte in der DDR als Bürgerrechtler für mehr Freiheit gekämpft. Nach der Wende wurde er zum Beauftragten für die Unterlagen der DDR-Staatssicherheit ernannt. 2010 war er bei der Wahl zum Bundespräsidenten gegen Christian Wulff angetreten, dabei hatte er sich viele Sympathien in der Bevölkerung erworben.

Nun stellt er sich gegen eine Bewegung, die zumindest in der Politik viel Zuspruch findet. Am Wochenende hatte selbst Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) Verständnis für die Demonstranten erkennen lassen. Die Regierungen müssten klar machen, dass die Politik die Regeln für Märkte setze. Dies müsse in einer Weise geschehen, "die die Menschen überzeugt" und da sei "noch sehr viel Arbeit zu leisten".

Auch der künftige EZB-Chef, der Italiener Mario Draghi, äußerte Verständnis. "Die jungen Menschen haben ein Recht darauf, empört zu sein", sagte er am Rande des G-20-Finanzministertreffens, distanzierte sich aber zugleich von Gewalttätern. In Rom war es bei den Anti-Banken-Protesten zu Straßenschlachten gekommen, bei denen mehr als 70 Demonstranten und Polizisten verletzt wurden.

Aus Protest gegen die Macht der Finanzwirtschaft und die Auswüchse des Kapitalismus waren am Samstag Hunderttausende Menschen weltweit auf die Straße gegangen. In Deutschland hatten sich mehrere Zehntausend Menschen an dem Aktionstag beteiligt. Vor der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt errichteten sie eine Zeltstadt, in Berlin räumte die Polizei mehrere Zelte vor dem Reichstag. Auch in London und Rom entstanden Zeltstädte - nach dem Vorbild der Gründer der Protestbewegung an der New Yorker Wall Street.

Die Organisation Attac will die Bewegung verstetigen und kündigte für kommenden Samstag kurz vor dem anstehenden EU-Gipfel weitere Proteste an.

stk/dpa/Reuters

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