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Anti-Castor-Demo im Wendland: Atomkraftgegner feiern Protest-Party

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Sie feierten wie auf einem großen Festival: Tausende von Kernkraftgegnern sind zur Massenkundgebung ins Wendland gekommen, um ihren Widerstand gegen die Laufzeitverlängerung zu demonstrieren. Es waren so viele wie nie zuvor - die Wiedergeburt der Anti-Atomkraft-Bewegung ist gelungen.

Getty Images

Splietau/Dannenberg - Grüne Luftballons schweben über einem Acker in Splietau, direkt an der Castor-Transportstrecke im Wendland. Mehr als 20.000 Menschen stehen hier am Samstagmittag im leichten Nieselregen, viele haben Regenjacken und -hosen an. Der Atommülltransport aus Frankreich sei ein "Tschernobyl on Wheels", schallt es aus den Lautsprechern. Die Menge johlt und applaudiert.

Es ist die Auftaktkundgebung der Castor-Gegner, aus Dannenberg kommen immer mehr Demonstranten auf das abgeerntete Maisfeld, mehr als 400 Reisebusse aus dem gesamten Bundesgebiet sollen es sein. Von der anderen Seite rollen mehrere hundert Bauern mit ihren Trecker heran. Cem Özdemir und Gregor Gysi sitzen mit drauf.

Die Traktorfahrer reihen ihre schweren Maschinen an der einen Seite des Felds auf. Fair gehandelte Bananen werden verteilt, Protest gegen die "Bananenrepublik Deutschland", in der "die Regierung mit Atomkonzernen dealt".

Gegenüber steht Grünen-Chefin Claudia Roth in einem Zelt und befüllt grüne Ballons mit Helium. Die gelben Flaggen mit der roten Sonne, dem Symbol der Anti-Atomkraft-Bewegung, gehen fast unter, so viele grüne Ballons sind es. Neben den Grünen ist auch die Linke mit einem Stand vertreten, außerdem die Piratenpartei. Ruft jemand von der Bühne "Atomkraft", schallt es "Nein, Danke!" zurück. Claudia Roth lacht.

"Wir werden diese friedliche Revolution gemeinsam gewinnen", ruft Kumi Naidoo von der Bühne den Demonstranten zu. Der Chef von Greenpeace International löst einen Jubelsturm auf dem Maisfeld in Splietau aus. Davon, dass die Bundeskanzlerin und andere Politiker die Anti-Castor-Aktionen anprangern, bekommt hier keiner etwas mit. Zwar spricht die Polizei statt von 50.000 von etwas mehr als 20.000 Teilnehmern, doch klar ist: Es sind so viele wie noch nie in den mehr als 30 Jahren Anti-Atom-Protesten im Wendland.

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Atomprotest: 50.000 gegen den Castor
Die zentrale Forderung der Redner auf der Bühne ist klar und deutlich. Man duldet die Laufzeitverlängerung der gelb-schwarzen Regierung nicht, und die Anti-Atom-Bewegung fühlt sich stark wie nie. Sogar einige Gegner des Bahnhofsprojekts Stuttgart 21 sind gekommen, um ihre Solidarität mit den Atomkraft-Gegnern zu zeigen. Es herrscht Volksfeststimmung in Splietau. Demonstranten sind mit Trommeln, Luftballons und Picknickkörben unterwegs und tanzen zu Musik vom Ärzte-Rocker Bela B und dem Hamburger Pop-Rebell Rocko Schamoni.

Einige haben ihre Hunde mitgebracht, andere sind mit ihren Kindern unterwegs. Niklas weiß, warum seine Familie bei den Protesten mitmacht. "Weil wir gegen Atomkraft sind, weil es die ganze Welt kaputtmacht", sagt der Siebenjährige, der einen selbstgemachten Strahlenschutzanzug trägt.

Kerstin Rudek, die Vorsitzende der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, wirkt überwältigt von der großen Beteiligung an den Protesten gegen den Castor-Transport. "Danke, dass ihr alle hier seid. Wir brauchen euch", ruft sie den Demonstranten von der Bühne zu. Der Grund für den Zulauf? Die "unbändige Wut über die Arroganz der politischen Klasse".

Rund um Dannenberg ist der Verkehr zusammengebrochen

Während die Reden bereits voll im Gange sind, stehen noch unzählige Demonstranten im Stau auf der Straße von Lüneburg nach Dannenberg. Rund um Dannenberg ist der Verkehr zusammengebrochen. Bauern aus der Region sowie aus angrenzenden Gebieten, Niedersachsen und Schleswig-Holstein rollen an - mit gut 600 Traktoren. Wer jetzt noch auf das Kundgebungsgelände will, wird es vermutlich nicht mehr schaffen.

Dann steht auch schon die erste Blockade: Mehr als 70 Trecker-Fahrer, Landwirte aus der Umgebung, haben ihre Maschinen mitten auf der Straße abgestellt, ineinander verkeilt, und sind verschwunden. Selbst jene Traktoren, die noch zur Kundgebung fahren wollten, kommen nicht mehr durch. Die Castor-Transportroute, auf der die Polizei in den vergangenen Tagen aufwendig die Gullis zugeschweißt hat, ist auf mehreren hundert Metern vollständig blockiert, nun bleibt nur noch eine Ausweichroute. Polizisten sperren die Zufahrtswege und filmen die Kennzeichen der Fahrzeuge.

Die Einsatzkräfte haben offenbar nicht damit gerechnet, dass sich die Bauern selbst blockieren, schon zu einem so frühen Zeitpunkt des Castor-Wochenendes. Beim letzten Transport 2008 zog sich der Atommülltransport zum Zwischenlager in Gorleben bis zum Dienstagmorgen hin. Nun stehen die Landmaschinen fast in Sichtweite des Verladebahnhofs. Darüber kreisen zwei Hubschrauber. In Splietau hatten Castor-Gegner 1997 die Straße unterhöhlt und den Transport aufgehalten.

Schwarze Blockade buddelt ein Loch

Am Rande der Auftakt-Demo kommt es zu einer kurzen Rangelei: Rund hundert überwiegend schwarz gekleidete Demonstranten machen sich an der Straße zu schaffen, graben mit Spitzhacken und Schaufeln. Polizisten unterbinden die Erdarbeiten, halten sich aber sonst zurück. Eine Gruppe behelmter Beamte zieht wieder zurück. Applaus. Die Polizei bleibt auf Abstand, vorerst.

Nach der friedlichen Veranstaltung ziehen die Demonstranten in Richtung Dannenberg, viele wollen zurück zu ihrem Reisebus oder zum nächsten Bahnhof. Andere bereiten sich auf die Nacht vor, sieben Camps haben die Castor-Gegner eingerichtet, geschlafen wird auf Strohballen oder im Zelt. Am Sonntag sollen die Aktionen beginnen, weitere Blockaden sollen errichtet werden, die "Castor schottern"-Gruppe will sich mit Hunderten Menschen am Gleisbett zu schaffen machen.

Die Polizei, die in der gesamten Region an jeder Straßenecke anzutreffen ist und Abschnitte der B216 für den Verkehr gesperrt hat, will genau das verhindern. Seit Freitagabend sichern Beamte die Bahnstrecke, patrouillieren und halten mit Räumpanzern die Waldwege frei von Baumstämmen, die Demonstranten in den Weg gelegt haben. Im Notfall wollen sie mit ihren Hundertschaften schnell anrücken können und die Schotterer in Schach halten.

Die Renaissance der Anti-Atomkraft-Bewegung ist am Samstag im vollen Gange. Es sind mehr Demonstranten als bei den vergangenen Transporten, es sind mehr Polizisten im Einsatz, die erste Blockade steht schon am Samstagmittag: "Fängt gut an", sagt eine Protest-Veteranin vielsagend und macht sich auf in die anbrechende Dunkelheit zur nächsten Protestaktion, irgendwo im Wendland.

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Forum - Castor-Transport - wie viel Protest darf's denn sein?
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1. Fruchtloses Unterfangen mit Kultstatus?
Gluteusmaximus 02.11.2010
Zitat von sysopSitzblockaden, Gleisbett abtragen, an Gleise ketten: Der Castor rückt an, die Gegner drohen mit hartem Widerstand. Doch wo liegen die Grenzen des Protests?
Die Grenzen sind doch schon lange erreicht. Wer nun glaubt, die Transporte würden, selbst bei einer "Ausweitung" dieser Aktionen, zu einem Einlagerungsstop führen, dem kann es nicht ernsthaft um die Sache gehen. Alle derartigen "Proteste" werden im Sande verlaufen. Für die "Demonstranten", die angesprochen wurden, geht es vielmehr um den Spaßfaktor, quasi ein Mega-Event, welches in der linksautonomen Szene Kultstatus erreicht hat. Hier scheint der oympische Gedanke ("dagegen sein ist alles") im Vordergrund zu stehen.
2.
Robert Rostock, 02.11.2010
Zitat von sysopSitzblockaden, Gleisbett abtragen, an Gleise ketten: Der Castor rückt an, die Gegner drohen mit hartem Widerstand. Doch wo liegen die Grenzen des Protests?
Wenn Bahnstrecken sabotiert werden, ist die Grenze weit überschritten. Gestern wurde in Berlin ein Brandanschlag auf Signalanlagen des S-Bahn-Innenringes verübt, zu dem sich Atomkraftgegner bekannten. (http://www.tagesspiegel.de/berlin/s-bahn-soll-am-mittwoch-auf-dem-ring-wieder-planmaessig-fahren/1972970.html;jsessionid=2E441265B993B10A09490DE969C6A324) Auf dieser Strecke wird mit 99,99%iger Sicherheit niemals ein Castor rollen. Leiden tun unter den Folgen nicht die pösen Atomiker, sondern Hunderttausende Berliner. Und in der Szene und im Internet wird zum "Schottern" aufgerufen, sprich zur Sabotage von Bahnstrecken durch Abgraben des Gleisschotters. Dass damit das Entgleisen von Reisezügen und somit auch der Tod völlig Unbeteiligter in Kauf genommen wird, scheint den Aktivisten egal zu sein. Eine Distanzierung von solchen Aktionen habe ich noch nicht gehört.
3. Ich gebe keinen Titel mehr an
GyrosPita 02.11.2010
Zitat von Robert RostockWenn Bahnstrecken sabotiert werden, ist die Grenze weit überschritten. Gestern wurde in Berlin ein Brandanschlag auf Signalanlagen des S-Bahn-Innenringes verübt, zu dem sich Atomkraftgegner bekannten. (http://www.tagesspiegel.de/berlin/s-bahn-soll-am-mittwoch-auf-dem-ring-wieder-planmaessig-fahren/1972970.html;jsessionid=2E441265B993B10A09490DE969C6A324) Auf dieser Strecke wird mit 99,99%iger Sicherheit niemals ein Castor rollen. Leiden tun unter den Folgen nicht die pösen Atomiker, sondern Hunderttausende Berliner. Und in der Szene und im Internet wird zum "Schottern" aufgerufen, sprich zur Sabotage von Bahnstrecken durch Abgraben des Gleisschotters. Dass damit das Entgleisen von Reisezügen und somit auch der Tod völlig Unbeteiligter in Kauf genommen wird, scheint den Aktivisten egal zu sein. Eine Distanzierung von solchen Aktionen habe ich noch nicht gehört.
In anderen Ländern werden vor solchen Anlässen Schnellgerichte eingeführt, um solche Verbrecher zeitnah aburteilen zu können. Das würde hier auch den einen oder anderen abschrecken, wenn einer von diesen selbstgerechten Weltverbesserern noch am gleichen Tag wegen gefährlichen Eingriffs in den Schienen/Straßenverkehr ein oder zwei Jährchen ohne Bewährung bekommen würde...
4. pseudo-religiöser Wahn
Eutighofer 02.11.2010
Es werden sich genug finden, die die angekündigten Sachbeschädigungen und Sabotageaktionen in Gorleben entschuldigen und verharmlosen. Mir graut vor Menschen, die im vermeintlichen Dienst einer höheren Sache das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Der ökologische Fundamentalismus einiger fanatischer Castorgegner ist dem religiösen Wahn anderer Fundamentalisten nicht mehr fern.
5. Reaktion
rehabilitant 02.11.2010
Zitat von EutighoferEs werden sich genug finden, die die angekündigten Sachbeschädigungen und Sabotageaktionen in Gorleben entschuldigen und verharmlosen. Mir graut vor Menschen, die im vermeintlichen Dienst einer höheren Sache das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Der ökologische Fundamentalismus einiger fanatischer Castorgegner ist dem religiösen Wahn anderer Fundamentalisten nicht mehr fern.
Schwachsinnige politische Entscheidungen ziehen gelegentlich schwachsinnige Aktionen der Betroffenen nach sich.
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Castor-Transport: Polizei und Demonstranten in Bereitschaft

Castor-Lexikon
Castor-Behälter
dpa/dpaweb
Die Castor-Behälter wurden speziell für den Transport und die Zwischenlagerung von hoch radioaktiven Abfällen entwickelt. Die Castoren sind etwa sechs Meter lang und haben einen Durchmesser von mehr als zwei Metern. Beladen wiegt ein Behälter etwa 117 Tonnen. Die Castoren sind mit einer Neutronenabschirmung und speziellen Dichtungen ausgestattet. Die gusseisernen Behälter werden mit zwei Deckeln verschlossen. Die Gesamtwärmeleistung des Atommülls pro Behälter beträgt 56 Kilowatt - ein Heizstrahler hat rund zwei Kilowatt.
Castor-Transport
AP
Wenn der zwölfte Castor-Transport mit hoch radioaktivem Atommüll im niedersächsischen Zwischenlager Gorleben ankommt, wird der 600 Meter lange Schwerlastzug aus dem französischen La Hague rund 1000 Kilometer zurückgelegt haben. Elf Castor-Behälter werden transportiert. Darin sind 28 Glaskokillen mit hoch radioaktiven Abfällen aus deutschen Atomkraftwerken enthalten. Der letzte Transport von elf weiteren Castoren mit Wiederaufarbeitungsabfällen von Frankreich nach Gorleben ist 2011 geplant.
Endlager
DPA
Der Strahlenmüll der Republik könnte im Wendland unter die Erde gebracht werden: 1977 gab der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) die Erkundung des Salzstocks Gorleben als Endlager bekannt - seitdem wird erkundet, ob sich dort Atommüll für Zehntausende Jahre sicher lagern lässt (siehe Chronik). Das Erkundungsbergwerk liegt wenige hundert Meter vom Zwischenlager entfernt - in den Stollen lagert bisher kein Atommüll.
Schottern
dapd
Die Gruppe "Castor schottern" will das Gleisbett der Transportstrecke abtragen. Das ist illegal - trotzdem haben bereits 1500 Menschen einen Aufruf im Internet unterzeichnet und setzen sich damit einem Strafverfahren aus. Etliche Politiker der Linken und Gewerkschafter haben sich dem Aufruf angeschlossen.
Verladebahnhof
dpa
Der Castor-Transport aus dem französischen La Hague kommt nur bis Dannenberg auf Bahngleisen - danach müssen die Behälter auf Schwertransporter umgeladen werden, und die letzten 20 Kilometer auf der Straße zurückzulegen. Das Umladen soll etwa 15 Stunden dauern. Dabei wird ein weiteres Mal die Strahlung gemessen.
Zwischenlager
dpa
Südwestlich der Ortschaft Gorleben liegt ein 15 Hektar großes, von einem Erdwall und einem Betonzaun umschlossenes Areal: Das Atommüll-Zwischenlager. Hier wird strahlender Abfall über Jahrzehnte hinweg provisorisch abgestellt, weil er "abkühlen" muss. Das Zwischenlager beherbergt ein Abfalllager mit schwach und mittel radioaktivem Atommüll, eine Anlage zur Behandlung des Mülls und das Transportbehälterlager. Dort soll der Castor-Transport enden. An den Seiten der Halle strömt kühlende Luft ein, die von den heißen Atomüllbehältern erwärmt wird und über Öffnungen im Dach wieder austritt. Die Halle darf maximal 420 Behälter für längstens 40 Jahre aufnehmen. Rund 100 Behälter mit Atommüll stehen dort derzeit.

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