Offizielle Gründung der Anti-Euro-Partei Deutschlands neue Protest-Truppe

Raus aus dem Euro - mit dieser Botschaft will die "Alternative für Deutschland" im Herbst in den Bundestag einziehen. Bei der offiziellen Gründung in Berlin herrscht große Euphorie. Die Anti-Euro-Bewegung ist sich sicher: Die anderen Parteien zittern schon.

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Berlin - Einer trägt die Nostalgie am Revers. Einen alten Hundertmark-Schein hat sich der Mann mit dem weißen Bart ans Sakko geheftet. Einen echten, wie er stolz betont. "Pass gut auf", sagt ein anderer und klopft ihm im Vorbeigehen auf die Schulter. "Die sind bald wieder sehr begehrt."

So sehen das die meisten im Saal des Berliner Interconti-Hotels. Hier trifft sich an diesem Sonntag die "Alternative für Deutschland" (AfD) zum Gründungsparteitag. Ihre zentrales Ziel: "Schluss mit diesem Euro!" Konsequent zu Ende gedacht heißt es im Wahlprogramm: "Die Wiedereinführung der D-Mark darf kein Tabu sein."

Mit dieser Protest-Botschaft hofft die neue Anti-Euro-Partei, die politische Landschaft bei der Bundestagswahl im Herbst kräftig durcheinanderzuwirbeln. Der Zulauf ist enorm, die Zahl der Mitglieder ist in den vergangenen Wochen auf mehr als 7000 gestiegen, für die 1500, die an diesem Tag erschienen sind, ist der Tagungsraum viel zu klein. Meinungsforscher haben ein Potenzial von mehr als 20 Prozent für die Gruppierung errechnet - entsprechend groß ist die Euphorie.

Als der Hamburger Ökonom Bernd Lucke, Kopf der AfD, die Delegierten am Ende seiner Rede auffordert, per Akklamation den Antritt bei der Bundestagswahl im Herbst zu beschließen, brandet Jubel auf. "Jetzt geht's los", skandiert die Menge und klatscht laut. Der jungenhafte, 50-jährige Wirtschaftsprofessor wirkt da fast etwas verloren auf der Bühne. Kurz versucht er sich in einer Triumphgeste. Über eine "fantastische Aufbruchstimmung" hat er zuvor geschwärmt, sogar davon gesprochen, dass mit der AfD die Zivilgesellschaft gegen die Bundesregierung aufbegehre "wie einst im Vormärz".

"Scheitert der Euro, scheitert die Regierung"

Lucke sieht den Euro am Ende, weil er die Einigung Europas bedrohe. "Wir müssen den Euro auflösen, wenn wir wahre Europäer sind", sagt Lucke. Union, SPD, FDP und Grüne nennt er "erstarrte und verbrauchte Altparteien". Diese würden mit der Euro-Rettungspolitik die demokratischen, rechtsstaatlichen und ökonomischen Grundsätze eklatant verletzen. "Wenn der Euro scheitert, dann scheitert nicht Europa", ruft Lucke in den Saal. "Wenn der Euro scheitert, dann scheitert diese Regierung." Die Anhänger johlen und klatschen, mancher sieht so aus, als könne er vor Stolz platzen, dass er dabei ist. Als eine Repräsentantin der EU-Kommission vom Podium aus begrüßt wird, gibt es Pfiffe und Buh-Rufe.

Lucke stellt seine Partei während seiner Rede in eine Tradition mit Konrad Adenauer, Helmut Kohl, Helmut Schmidt, Hans-Dietrich Genscher und auch Willy Brandt. Er versucht damit auch der Kritik zu begegnen, die AfD grenze sich nicht eindeutig genug nach rechtsaußen ab. Die AfD sei weder links noch rechts, betont Lucke. "Wir brauchen keinen ideologischen Wegweiser, wir brauchen nur unseren gesunden Menschenverstand."

Das ist nicht immer ganz einfach. In der Partei vereinen sich derzeit die unterschiedlichsten Meinungen und Vorstellungen, denen nur gemeinsam ist, dass irgendetwas anders werden soll. Und so wird in Berlin zwischenzeitlich buchstäblich um den Kurs der AfD gerungen. Im Saal sitzt ein Mann sitzt mit einer schwarz-rot-goldenen Schärpe, während Luckes Rede steigt er immer wieder auf seinen Stuhl, schwenkt eine Deutschlandfahne - ein dankbares Motiv für die Fotografen. Irgendwann stürmt ein anderer Delegierter heran und versucht dem Parteifreund, die Fahne zu entreißen. Kurze Rudelbildung, Handgreiflichkeiten, "Raus"-Rufe, dann beruhigt Lucke vom Rednerpult aus die Gemüter.

Unruhe in der CDU

Dass es nicht zu hitzig wird, dafür sorgt an diesem Sonntag auch die Tagesordnung. Denn die lehrt die erwartungsfrohen Alternativler, dass Demokratie ziemlich anstrengend ist. Eine Partei braucht nicht nur Personal, das sie führt. Sie braucht eine Geschäftsordnung, eine Finanzordnung und eine Satzung. Und so verheddert man sich erst einmal über Stunden in Fragen über Kandidatenvorstellungen, Stimmenauszählungen und Paragrafenänderungen. Die Ungeduld ist dabei bei manchem mindestens so groß wie die Aufbruchstimmung zum Auftakt. Bemerkenswert: Besonders penibel wird darüber debattiert, wie die AfD sich in möglichen Koalitionsverhandlungen zu verhalten hat.

Weil das ganze ziemlich ermüdend ist, wird der Beschluss über das ohnehin noch ziemlich dünne Wahlprogramm kurzerhand abgekürzt. Um zu verhindern, dass man am Ende des Tages nach langen Debatten gänzlich ohne Programm dastehe, schlägt Lucke seinen Leuten vor, die vierseitige Agenda ohne Aussprache zu beschließen. Debattiert werden sollte später, Änderungen aber nur mit einer Mehrheit von 75 Prozent beschlossen werden können. Die Delegierten folgen artig und pilgern zum Mittagsbuffet. Zufrieden kommen sie von dort allerdings nicht zurück: "Ich habe mich sehr geärgert, dass ich 30 Euro für eine Kartoffelsuppe bezahlen musste", beklagt sich eine Delegierte später vom Rednerpult über den saftigen Pflichtbeitrag fürs Catering. Auch dafür gibt es großen Applaus.

Der Berliner Politikbetrieb beobachtet den Parteitag der AfD durchaus mit Argwohn. Vor allem im bürgerlichen Lager stoßen die Anti-Euro-Slogans auf Zustimmung, das lässt sich auch im Publikum an diesem Sonntag beobachten. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) ruft die Union im SPIEGEL dazu auf, die neue politische Kraft ernst zu nehmen: "Wir müssen uns das sorgfältig ansehen."

Die AfD freut sich über solche Warnungen. Wenn man diesen Parteitag bewältige, sei der Erfolg "so gut wie sicher", glaubt der Publizist Konrad Adam, einer der Mitbegründer der AfD. Unter dem Jubel der Menge ruft er mit Blick auf die anderen Parteien in den Saal: "Die haben Angst vor uns!"

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neu_ab 14.04.2013
1. "Protest-Truppe"
Gibt es Einwände gegen einen vollkommen gerechtfertigten Protest? Ist der Begriff Protest jetzt schon pejorativ verkommen? & wieso ist eine Partei, die als einzige mal etwas anderes als dir Blockparteien umsetzen möchte nur eine "Truppe"? Aber gut, mir ist schon klar, daß gerade der Spiegel sich zu den Einpeitschern gegen eine Redemokratisierung der Parteienlandschaft wenden musste, wahrscheinlich auf "Befehl von oben".
der_durden 14.04.2013
2.
Zitat von sysopAFPRaus aus dem Euro - mit dieser Botschaft will die "Alternative für Deutschland" im Herbst in den Bundestag einziehen. Bei der offiziellen Gründung in Berlin herrscht große Euphorie. Die Anti-Euro-Bewegung ist sich sicher: Die anderen Parteien zittern schon. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/anti-euro-parteitag-der-alternative-fuer-deutschland-in-berlin-a-894290.html
Ja ja. Alle zittern. Natürlich. Man schaue mal auf deren Webseite (https://www.alternativefuer.de). Inhalte sucht man dort vergebens. Außer raus aus den Euro, in einigen wenigen verschiedenen Tonlagen und Ausführungen und die Vorstellung der Kandidaten neben den Namen einiger Unterstützer ist dort rein gar nichts zu finden. Gähnende Leere auf dieser Homepage. Ein wenig mehr darf es dann doch sein. Im Ernst, wie möchte man denn mit dieser Magermischung in den Bundnestag gelangen? Aber ich frage mich, davon unabhängig, das erste mal in meinem Leben, wie ich wählen soll... Das wird nicht einfach im September.
cooner 14.04.2013
3. Die haben Angst vor uns!
Zitat von sysopAFPRaus aus dem Euro - mit dieser Botschaft will die "Alternative für Deutschland" im Herbst in den Bundestag einziehen. Bei der offiziellen Gründung in Berlin herrscht große Euphorie. Die Anti-Euro-Bewegung ist sich sicher: Die anderen Parteien zittern schon. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/anti-euro-parteitag-der-alternative-fuer-deutschland-in-berlin-a-894290.html
Das sollten "sie" auch. Nicht Merkel oder Schäuble, aber so mancher Unions-Abgeordneter, der am 22. Setember aus dem Bundestag fliegen wird. Und die FDP. Die könnte zum großen Opfer der AfD werden.
kuac 14.04.2013
4. Simpel
Zitat von sysopAFPRaus aus dem Euro - mit dieser Botschaft will die "Alternative für Deutschland" im Herbst in den Bundestag einziehen. Bei der offiziellen Gründung in Berlin herrscht große Euphorie. Die Anti-Euro-Bewegung ist sich sicher: Die anderen Parteien zittern schon. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/anti-euro-parteitag-der-alternative-fuer-deutschland-in-berlin-a-894290.html
Euro weg und DM her. Sind damit alle Probleme gelöst ? Keine Finanzkrise mehr, keine Bankenkrise mehr, keine Arbeitslosigkeit mehr, keine Armut mehr ? Viel so simpel. AfD liefert noch einfache Parolen als Antwort auf komplizierte Probleme.
happydwarf 14.04.2013
5. noch ne neue Partei
Das wird enden wie mit den Piraten. An Anfang tolle Ideen. Und dann kommen die Leute, die die Partei nur als Fahrstuhl in ein rundum abgesichertes Leben sehen. Und die Partei wird ganz schnell unwählbar. Zudem... Mit wem wollen sie denn koalieren? Die anderen Parteien sind doch alle Pro-Euro...
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