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Anti-Extremismus-Treffen: Zentralrat der Muslime gegen Präventionsgipfel

Für weitere Gespräche mit dem Innenminister sieht der Zentralrat der Muslime keinen Bedarf. Der von Hans-Peter Friedrich geplante "Präventionsgipfel"  gegen extremistische Gewalt sei überflüssig. Es gebe bereits einen ausreichenden Dialog zu dem Thema.

Gebet in einer Moschee in Köln: Zentralrat der Muslime sieht keinen Gesprächsbedarf Zur Großansicht
picture-alliance/ dpa

Gebet in einer Moschee in Köln: Zentralrat der Muslime sieht keinen Gesprächsbedarf

Berlin - Der Zentralrat der Muslime (ZDM) will an dem geplanten "Präventionsgipfel" Ende des Monats in Berlin nicht teilnehmen. Es gebe bereits ausreichend Austausch über Sicherheitsfragen mit dem Ministerium, sagte der Zentral-Vorsitzende Aiman Mazyek der "Mitteldeutschen Zeitung".

Innenminister Hans-Peter Friedrich (CDU) hatte für den 24. Juni zu der Netzwerk-Veranstaltung mit muslimischen Organisationen eingeladen. Auf der Tagesordnung sollen Maßnahmen gegen islamistischen Extremismus stehen. Kritiker werfen Friedrich hingegen vor, das Denunziantentum unter den Muslimen fördern zu wollen.

"Wir haben bereits in der ersten Islamkonferenz eine Arbeitsgruppe zu Sicherheitsfragen gehabt und uns dort intensiv ausgetauscht", sagte Mazyek. Darüber hinaus gebe es schon seit 2004 regelmäßige Konsultationen mit den Präsidenten des Bundeskriminalamtes und des Verfassungsschutzes. Diese Gespräche müssten zunächst einmal ausgewertet werden. Der Zentralrat der Muslime sei jedenfalls "in bestehende Dialogstrukturen involviert. Und diese sind über Jahre gewachsen".

Das Innenministerium geht bisher davon aus, dass der ZMD an dem Gipfel teilnehmen wird, sagte eine Sprecherin. Aus der Islamkonferenz war der islamische Dachverband bereits im Frühjahr 2010 frustriert ausgeschieden.

mah/dpa

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Die Islamkonferenz
Für wen gibt es sie?
In Deutschland leben nach Angaben des Innenministeriums etwa vier Millionen Muslime, knapp die Hälfte von ihnen besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit. Seit 1961 hatte Deutschland bis zum Anwerbestopp 1973 aus islamisch geprägten Ländern Arbeitskräfte ins Land geholt, vor allem aus der Türkei. Die meisten Zuwanderer kamen damals aus der bildungsfernen Unterschicht. Ihre Integration war lange kein Thema. Die Deutsche Islamkonferenz (DIK) wurde 2006 vom damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) ins Leben gerufen.

Wer sind die Teilnehmer?
In den vergangenen sechs Jahren hat sich die Zusammensetzung der Teilnehmer der Islamkonferenz mehrmals verändert. Friedrichs Vorgänger Thomas de Maizière hatte die zehn muslimischen Einzelpersonen, die an der Konferenz teilnehmen, ausgetauscht - etwa die Soziologin Necla Kelek nicht mehr eingeladen. Friedrich hat erneut neue Leute ins Plenum gerufen. Von muslimischer Seite nimmt der Verband Ditib, der Verband der Islamischen Kulturzentren, die Alevitische Gemeinde, die Türkische Gemeinde, die Islamische Gemeinschaft der Bosniaken, der Zentralrat der Marokkaner in Deutschland. Die beiden konservativen Verbände Islamrat und Zentralrat der Muslime sind seit dem Jahr 2010 nicht mehr dabei. Der Islamrat darf nach einer Entscheidung von de Maizière nicht mehr teilnehmen, weil strafrechtliche Ermittlungen gegen hohe Funktionäre seines größten Mitglieds Milli Görüs liefen. Von staatlicher Seite gibt es 17 Vertreter: jeweils sechs von Bund und Ländern sowie fünf von Kommunen.

Worum geht es?
Die zweite Phase der Islamkonferenz, die 2010 begann, soll stärker praktisch ausgerichtet sein und konkrete Fragen behandeln. Dazu gehören die Schaffung islamisch-theologischer Lehrangebote an deutschen Hochschulen, islamischer Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, die Prävention radikaler Formen des Islam und die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Bis zur nächsten Plenumssitzung im Jahr 2013 will sich die Islamkonferenz mit dem Thema Prävention von Extremismus beschäftigen, ein Schwerpunkt soll der Kampf gegen Islamfeindlichkeit sein.

Islam
Geschichte
Der arabische Begriff "Islam" bedeutet "Unterwerfung", gemeint ist "unter den Willen Gottes". Er bezeichnet die jüngste der drei monotheistischen Weltreligionen. Der Islam entstand im siebten Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel im heutigen Saudi-Arabien. Schon bald nach dem Tod des Propheten Mohammed stieg das islamische Reich zur Weltmacht auf.

Islam , Christentum und Judentum eint Vieles, zum Beispiel die zentrale Bedeutung der Beziehung zwischen Gott, dem Schöpfer, und dem Menschen, seinem Geschöpf. Auch spielen viele aus dem Alten und Neuen Testament bekannte Propheten eine Rolle im Islam.

Die fünf Säulen des Islam sind das Glaubensbekenntnis, das fünfmalige tägliche Gebet, die Spende an die Armen, das Fasten im Monat Ramadan und die Pilgerfahrt nach Mekka .

Über eine Milliarde Menschen bekennen sich zum Islam, in über 50 Staaten stellen Muslime die Mehrheit die Bevölkerung. Rund zehn Prozent der Muslime sind Schiiten, fast alle übrigen Sunniten.
Koran
"Koran" bedeutet in etwa "Das Vorzutragende" und beschreibt die Summe der Offenbarungen, die der Prophet Mohammed von Gott empfing - übermittelt durch den Erzengel Gabriel.

Bald nach dem Tod des Propheten (632 n. Chr.) begannen die Versuche, aus den bis dahin vor allem mündlichen Überlieferungen einen gemeinsamen, authentischen und schriftlich kodifizierten Koran zu kompilieren - ein Unternehmen, das erfolgreich war, denn heute gibt es zwar noch einige abweichende Lesarten des Koran, aber im Wesentlichen beziehen sich alle Muslime, egal ob Sunniten oder Schiiten, auf denselben Text.

Der Koran ist in Suren gegliedert, die wiederum aus Versen bestehen. Der Koran ist nach Länge der Suren geordnet - aber auch eine zeitliche Ordnung lässt sich einigermaßen sicher rekonstruieren. So unterschieden sich die sehr früh geoffenbarten Suren stilistisch und inhaltlich deutlich von den späteren, die weniger poetisch sind und zahlreiche klare Anweisungen enthalten.

Nach orthodox-islamischer Vorstellung ist der Koran (anders als die Bibel ) die wörtliche Rede Gottes - er ist deswegen unveränderlich und überall und zu jeder Zeit gültig. Das heißt aber nicht, dass er nicht der Interpretation zugänglich wäre: Zahllose islamische Gelehrte haben dem Koran in 14 Jahrhunderten immer wieder neue Facetten abgerungen und ihn für das tägliche Leben anwendbar gemacht.
Mohammed
Mohammed war der Empfänger des Koran : Ihm erschien der Erzengel Gabriel, er gab Gottes Offenbarung an die Mekkaner weiter. Die freilich wollten von der aufrührerischen neuen Lehre zunächst nichts wissen und ihren Polytheismus nicht aufgeben. Mohammed verließ seine Heimatstadt daraufhin und zog mit seinen ersten Unterstützern ins rund 300 Kilometer entfernte Yatrib, das spätere Medina. Dort stieg Mohammed bald zum Führer seiner stetig wachsenden Gemeinde auf. Schließlich schlossen sich auch die Mekanner dem Islam an.

Mohammed war Prophet, Richter, Heerführer und Herrscher in einer Person. Aber anders als etwa Jesus für die Christen ist er nach islamischer Ansicht weder sündenfrei noch mehr als ein Mensch gewesen. Gleichwohl gilt er den Muslimen als das beste Vorbild. Außer dem Koran sind die Sammlungen von Mohammeds Taten und Aussprüchen deshalb wichtige Texte für die islamische Glaubenspraxis und Rechtsfindung.

Mohammed entstammte einem verarmten Zweig eines wichtigen mekkanischen Stammes, den Koreischiten. Schon bevor ihm der Engel Gabriel erschien, soll er sich regelmäßig als Eremit zum Kontemplieren und Meditieren zurückgezogen haben - eine damals nicht völlig unübliche Praxis. Mit welchen anderen religiösen Vorstellungen Mohammed vertraut war, ob er Umgang mit christlichen oder jüdischen Religionsgelehrten hatte, ist ungewiss. Aber Mohammed war auch Kaufmann, er begleitete Karawanen, zum Beispiel in den syrischen Raum. Es ist wahrscheinlich, dass er dabei mit einer Vielzahl von Glaubensvorstellungen in Berührung kam.
"Corpus Coranicum"
Das Projekt "Corpus Coranicum", das an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt ist, hat sich drei große Aufgaben gestellt: Zum einen soll die Entstehungsgeschichte des Korantextes nachvollzogen und dokumentiert werden. Dabei soll es auch darum gehen, frühe Handschriften mit Koranfragmenten auszuwerten und unterschiedliche Lesarten des Korantextes darzustellen. Zum Zweiten wird eine Datenbank von "Texten zur Umwelt des Koran" erstellt. Diese sogenannten Intertexte sollen helfen, das geistige Klima zu rekonstruieren, in dem der Koran entstand. Schließlich sollen die neuen Daten und Erkenntnisse in einem Buchprojekt zusammengeführt und gedeutet werden.

Das Projekt wird geleitet von der Berliner Professorin Angelika Neuwirth; die Arbeitstelle besteht derzeit aus vier Wissenschaftlern.
"Intertexte"
Mit diesem Begriff beschreiben Neuwirth und ihr Team Texte, die sich zu bestimmten Passagen des Korantextes in Beziehung setzen lassen - dabei kann es sich um alttestamentarische Texte handeln, aber auch um christliche, christlich-apokryphe, altarabische, hellenistische oder noch andere Texte handeln. Es geht allerdings ausdrücklich nicht darum, vermeintliche Quellen des Koran zu identifizieren - sondern eher die "Kontrastfolie" (Neuwirth) zu dem, was der Koran sagt.

Ein Beispiel für einen Intertext: "Sprich: Er ist Gott, einer", heißt es in der 112. Sure des Koran. Neuwirth setzt diese Stelle in Beziehung zum Alten Testament, Deuteronomium 6,4: "Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer".

Hier könne man sehen, wie der Koran Altes aufgreift, um Neues zu sagen, meint die Islamforscherin. So werde in der 112. Sure keine bestimmte Gemeinschaft mehr adressiert, wie zuvor noch die Juden ("Israel") in der alttestamentarischen Passage. Sondern es stehe da, in denkbar karger, aber umso deutlicherer Form: "Er ist Gott, einer".

Zugleich sei in diesem Fall durchaus von einer bewussten Anspielung des Koran auf Deuteronomium 6,4 auszugehen. Denn das Arabische "ist an dieser Stelle grammatikalisch geradezu falsch", so Neuwirth - dafür aber analog zu der hebräischen Passage gebildet.


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