Bundeswehrverband zum Anti-IS-Einsatz "Das ist ganz klar Krieg"

Deutschland beteiligt sich am Kampf gegen den IS in Syrien. Der Chef des Bundeswehrverbands mahnt eine umfassende Strategie für den Einsatz an. Er hält die Truppe schon jetzt für überlastet.

Tornado der Luftwaffe: "Aufklärung kann man nie genug haben"
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Tornado der Luftwaffe: "Aufklärung kann man nie genug haben"

Ein Interview von


Zur Person
  • Deutscher Bundeswehrverband
    André Wüstner, Jahrgang 1974, ist seit 2013 Vorsitzender des Deutschen Bundeswehrverbands. Der gebürtige Oberfranke wohnt im rheinland-pfälzischen Montabaur. 1994 war er als Offizieranwärter des Heeres in die Bundeswehr eingetreten. Später war er sowohl im Kosovo als auch in Afghanistan im Einsatz.
Bis zu 1200 Soldaten, Aufklärungsflugzeuge, ein Airbus zur Luftbetankung, eine Fregatte: Am Freitag entscheidet der Bundestag darüber, ob das deutsche Militär die internationale Allianz im Kampf gegen die Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" in Syrien unterstützen soll. Eine breite Mehrheit für den Einsatz gilt als sicher, im Januar könnten die ersten deutschen "Tornado"-Jets starten.

Ein schneller Erfolg sei jedoch nicht denkbar, sagt André Wüstner, der Vorsitzende des Bundeswehrverbands. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE bemängelt Wüstner eine fehlende Strategie der Verbündeten und blickt in eine ungewisse Zukunft. Ob am Ende doch auch deutsche Soldaten an direkten Kämpfen beteiligt sein werden? "Ich würde nichts ausschließen", sagt Wüstner.

Lesen Sie das komplette Interview:

SPIEGEL ONLINE: Herr Wüstner, die Bundeswehr soll sich am Kampf gegen den IS in Syrien beteiligen. Die Chefin der CSU-Landesgruppe, Gerda Hasselfeldt, sagte, ein Kriegseinsatz sei das nicht. Was denn dann?

Wüstner: Für uns ist das ganz klar Krieg. So hat es auch die Regierungssprecherin gesagt. Wir dürfen nicht wie damals zu Afghanistan über juristisches Klein-Klein streiten, insbesondere muss für die Gesellschaft eine klare Sprache gefunden werden. Nebenbei: Alle Nationen der Koalition sprechen vom Krieg gegen den IS.

SPIEGEL ONLINE: Sorgen Sie sich um die Akzeptanz in der Bevölkerung für einen solchen Kriegseinsatz? Eine Mehrheit der Deutschen fürchtet eine steigende Gefahr von Anschlägen.

Wüstner: Es ist möglich, dass die Gefahr zunimmt. Ich kann mir im Moment aber noch nicht vorstellen, dass deshalb deutlich mehr Menschen den Einsatz ablehnen. Grundsätzlich gilt: Wenn Bundesregierung und Parlament von dem Einsatz überzeugt sind, dann muss dieser durchgeführt und erklärt werden. Bislang fehlt es aber an Zielen und einer Strategie. Ich hoffe, wir bekommen in den kommenden Tagen die entsprechenden Antworten.

SPIEGEL ONLINE: Sie fühlen sich nicht ausreichend informiert?

Wüstner: Bisher nur bedingt. Parallel zu den Kämpfen versuchen Deutschland und internationale Verbündete zwar, ein Ordnungsziel für die Region zu definieren. Das ist jedoch extrem schwer. In den betroffenen Gebieten spielen zu viele unterschiedliche Interessen eine Rolle. Und überhaupt muss für Politik, Bundeswehr und Gesellschaft klar sein, wann der Einsatz als erfüllt angesehen wird und man die Truppe somit wieder nach Hause holen kann.

SPIEGEL ONLINE: Kann man den IS mit Luftschlägen ohne Bodentruppen überhaupt ernsthaft in Bedrängnis bringen?

Wüstner: Man kann ihn teilweise lähmen, aber nicht nachhaltig beeindrucken oder bekämpfen. Der IS ist wie ein Krebsgeschwür. Es genügt nicht, ihn nur lokal zu bestrahlen. Wir brauchen eine umfassende Therapie, und die geht weit über militärisches Engagement hinaus.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie genau?

Wüstner: Wenn wir den IS zerstören wollen, müssen wir auch im Cyber- und somit Propagandaraum gegen die Dschihadisten vorgehen. Wir müssen uns mit Staaten abstimmen, über die die Finanzströme des IS laufen, um diese trockenzulegen.

SPIEGEL ONLINE: Muss die Allianz auch mit syrischen Truppen zusammenarbeiten?

Wüstner: Das kann ich nicht sagen. Wichtig ist aber, dass wir mit Assad und den lokalen Kräften sprechen. Denn eines ist klar: Auf keinen Fall dürfen die noch vorhandenen Strukturen im Land vollends zusammenbrechen. Das sollte die internationale Gemeinschaft gelernt haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie befürchten, das internationale Engagement in der Region könnte sich über Jahre hinziehen. Ein schneller militärischer Erfolg ist nicht denkbar?

Wüstner: Das halte ich definitiv für ausgeschlossen. Der Einfluss des IS geht mittlerweile weit über Syrien und den Irak hinaus: Libyen, die Sahelzone, bis Mali. Wir müssen den IS insgesamt bekämpfen. Im Nordirak bilden wir ja bereits kurdische Peschmerga-Kämpfer aus, in Nordmali wollen wir uns stärker engagieren. Aber trotzdem: Eine international abgestimmtes Gesamtkonzept fehlt noch.

SPIEGEL ONLINE: Der Bundestag soll über etwas entscheiden, dessen Folgen niemand absehen kann?

Wüstner: Absolut, die Zukunft ist völlig ungewiss. Keiner kann sagen, ob es gelingt, ein Ordnungsziel zu definieren - und wie sich die Luftschläge auswirken. Trotzdem müssen wir versuchen, klare und realistische Ziele zu erarbeiten. In Afghanistan hat die Politik das über Jahre hinweg versäumt. Wenn wir ziellos umherirren, ist dieser Einsatz auf Dauer mit Sicherheit nicht zu verantworten.

SPIEGEL ONLINE: Bis zu 1200 deutsche Soldaten könnten beteiligt werden, 134 Millionen Euro sind veranschlagt. Reicht das?

Wüstner: Für das, was man jetzt vorhat, ja. Wir haben aber insgesamt schon über 20.000 Soldaten im Einsatz oder in einsatzgleichen Verpflichtungen. Wir sind schon jetzt überlastet, zumal wir auch in der Flüchtlingshilfe aktiv sind. Das kann so nicht weitergehen. Wir brauchen jeden Mann und jede Frau für die Aufträge der Politik außerhalb Deutschlands. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen muss deshalb dringend personell und materiell aufstocken. Und sie muss dafür sorgen, dass schnellstmöglich Material wie Fahrzeuge, Ersatzteile und Munition beschafft wird. Auch das ist unter Verantwortung zu verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als rechneten Sie damit, dass noch mehr auf die Bundeswehr zukommt. Halten Sie aktive Kampfeinsätze deutscher Soldaten für denkbar?

Wüstner: Ich kann das nicht vorhersehen. Momentan gibt es noch eine rote Linie, die besagt: kein Einsatz von Bodentruppen. Wir sehen allerdings in diesen Tagen, wie schnell die Bundesregierung eine rote Linie überschreiten kann. Ich würde nichts ausschließen. Auch deshalb müssen wir endlich dafür sorgen, dass die Bundeswehr zu 100 Prozent einsatzfähig ist.

SPIEGEL ONLINE: Deutschland soll sich vor allem mit Aufklärungsjets und einem Kriegsschiff zum Schutz des französischen Flugzeugträgers "Charles de Gaulle" beteiligen. Militärisch sinnvoll?

Wüstner: Ich war selbst oft im Einsatz. Aufklärung und Schutz kann man nie genug haben. Insofern machen die Pläne Sinn. Zur Ehrlichkeit gehört aber auch: In den vergangenen Monaten ist man auch ohne deutsche "Tornados" ausgekommen. Selbst die Regierung hatte das mehrfach betont.

insgesamt 163 Beiträge
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Seite 1
Sonia 02.12.2015
1. Bitte, wozu ist denn die Bundeswehr sonst da?
Zum Jammern? Mutti hat schließlich dafür gesorgt, dass die Wehrpflicht abgeschafft wurde und alle Jungs da freiwillig kämpfen dürfen. Das ist der Sinn einer Berufsarmee: Sie hat zu arbeiten und nicht in den Kasernen vor Flachbildfernsehern rumzulungern oder in der Kita die Wände zu streichen. Eine Berufsarmee ist das, was der Name schon sagt: BERUF und für den monatlichen Sold ist nun einmal zu arbeiten. Klar leidet das intellektuelle Niveau dieser Armee, wenn immer mehr zu ihr stoßen, die im "normalen" Berufsalltag keinerlei Chancen haben u. ihnen nur der Weg in die Armee bleibt. Aber, da die ja wissen, dass sie in den Krieg ziehen könnten, sind die bestimmt besser motiviert als die zwangsweise Eingezogenen Intellektuellen. Wozu also eine Strategie für Syrien: Assad muss weg, koste es was es wolle - noch nichts davon gehört, lieber Vorsitzender des Deutschen Bundeswehrverbandes? Öffentliches Jammern wird nichts bringen.
2stein1 02.12.2015
2. Natürlich ists Krieg !
Das jämmerliche daran ist allein die Art wie wir uns Rolle spielen und inszenieren ! "Ich zeig Dir wo die Bösewichte sind - aber zuhauen musst schon Du !" Die deutsche Politik benimmt sich in der westlichen Wertegemeinschaft wie die Weicheier auf dem Schulhof - DAS ist der wahre Makel an unsrem "Engagement"
ackergold 02.12.2015
3.
Zitat von SoniaZum Jammern? Mutti hat schließlich dafür gesorgt, dass die Wehrpflicht abgeschafft wurde und alle Jungs da freiwillig kämpfen dürfen. Das ist der Sinn einer Berufsarmee: Sie hat zu arbeiten und nicht in den Kasernen vor Flachbildfernsehern rumzulungern oder in der Kita die Wände zu streichen. Eine Berufsarmee ist das, was der Name schon sagt: BERUF und für den monatlichen Sold ist nun einmal zu arbeiten. Klar leidet das intellektuelle Niveau dieser Armee, wenn immer mehr zu ihr stoßen, die im "normalen" Berufsalltag keinerlei Chancen haben u. ihnen nur der Weg in die Armee bleibt. Aber, da die ja wissen, dass sie in den Krieg ziehen könnten, sind die bestimmt besser motiviert als die zwangsweise Eingezogenen Intellektuellen. Wozu also eine Strategie für Syrien: Assad muss weg, koste es was es wolle - noch nichts davon gehört, lieber Vorsitzender des Deutschen Bundeswehrverbandes? Öffentliches Jammern wird nichts bringen.
Die Bundeswehr ist einzig und allein dazu da, die Bundesrepublik Deutschland in ihren Grenzen zu verteidigen, wenn sie angegriffen wird. Einen anderen Auftrag hat sie nicht.
Jens141243 02.12.2015
4. Wenn......
.......die Truppe schon mit diesen lächerlichen Einsätzen überlastet ist, dann hoffe ich es gibt keine größeren Konflikte und bei Russland würde ich mich anstelle von Merkel total wegducken.
ackergold 02.12.2015
5.
Zitat von 2stein1Das jämmerliche daran ist allein die Art wie wir uns Rolle spielen und inszenieren ! "Ich zeig Dir wo die Bösewichte sind - aber zuhauen musst schon Du !" Die deutsche Politik benimmt sich in der westlichen Wertegemeinschaft wie die Weicheier auf dem Schulhof - DAS ist der wahre Makel an unsrem "Engagement"
Es gibt keine westliche Wertegemeinschaft, die fordert, man müsse illegale Angriffskriege mitmachen, wenn es irgendwo Terroranschläge von durchgeknallten Fanatikern gibt. Nach dem rechtsradikalen Oktoberfest-Attentat hat auch niemand den Kriegszustand ausgerufen, noch die NATO um Hilfe gebeten.
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