Pegida-Aufmarsch in Dresden Schwarz-Rot-Dumpf

17.500 Pegida-Anhänger sind in Dresden auf die Straße gegangen, vor der Semperoper haben sie Weihnachtslieder gesungen und ihre Parolen gebrüllt. In vielen Städten formiert sich Widerstand, die Semperoper schaltete das Licht ab.

Von Björn Menzel, Dresden


Weihnachten ist die Zeit der Nächstenliebe. Doch das Gebot, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst, spielt bei diesem abendlichen Termin in Dresden keine Rolle, im Gegenteil. Wieder haben sich an einem Montag die Anhänger der "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes", kurz Pegida, in der sächsischen Landeshauptstadt versammelt.

Dieses Mal singen die Pegida-Anhänger Weihnachtslieder vor der Semperoper. Zuvor hatten die Veranstalter für jene selbsternannten Patrioten, die die heimischen Melodien nicht kennen, Texte und Noten zum Ausdrucken und Verteilen auf ihrer Internetseite veröffentlicht.

Demonstrativ schaltete die Semperoper laut Medienberichten kurz vor Beginn der Demonstration ihre Außenbeleuchtung ab. Dann erstrahlte eine Botschaft an den Sandsteinmauern: Mit einem Beamer wird der Schriftzug "Für ein weltoffenes Dresden" an die Wand geworfen, berichtet die "Sächsische Zeitung".

Stunden vor Beginn der Demo bringt sich die Polizei in Stellung. Ihre Einsatzfahrzeuge riegeln den Theaterplatz vor der Semperoper ab. Es ist dunkel. Nach und nach kommen die ersten Demonstranten. Einzeln, in Gruppen, Männer, einige Frauen, Familien. Sie wickeln Flaggen aus, viele schwarz-rot-goldene, aber auch eine bayerische und eine sächsische.

Eine Familie aus Stuttgart sagt, sie sei nur zum Gucken da. "Mein Eindruck ist, dass die Vielzahl der Menschen gar nicht weiß, warum sie eigentlich hier ist", sagt der Mann.

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Pegida: Protest gegen die "Wutbürger"
Ein anderer sagt: "Weihnachten ist für mich das Fest der Familie." Er ist zum ersten Mal bei der Pegida-Demo, extra mit seiner Tochter aus Grimma angereist. Es gehe ihm um Werte, um die deutsche Kultur. Da Weihnachten ist, würden eben auch Weihnachtslieder gesungen; die vermeintliche Islamisierung interessiert ihn weniger.

Mittlerweile sind die Wege zum Theaterplatz verstopft. Von hinten links sind die Gegendemonstranten im Anmarsch. Mit Trillerpfeifen und Sprechchören nähern sie sich. "Haut ab!", rufen sie. Und: "No Pegida!" Polizisten und Busse halten sie davon ab, zu den Anhängern der Anti-Islam-Bewegung vorzustoßen.

Dem Aufruf des Bündnisses "Dresden Nazifrei" sind etwa 4500 Gegendemonstranten gefolgt, 400 Menschen hatten sich zuvor zu einem ökumenischen Friedensgebet in der Kreuzkirche versammelt.

Weitaus mehr gingen in München auf die Straße, um zu zeigen, was sie von Pegida halten - nämlich nichts. Mindestens 12.000 Demonstranten, womöglich bis zu 25.000, versammelten sich vor der Oper, ihr Motto: "Platz da! - Flüchtlinge sind willkommen!". Im hessischen Kassel wiederum stellte eine Gegendemonstration mit 2000 Teilnehmern die Kundgebung einer Gruppe "Kassel gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Kagida) in den Schatten. Diese hatte "ganz genau 165 Menschen" mobilisiert, wie die Polizei mitteilte.

Nennenswerten Zulauf verzeichnen die Islamgegner fast nur in Dresden. Waren es vor zehn Wochen noch 350 Demo-Teilnehmer, sind es nun bereits 17.500.

Nun stehen auf dem Theaterplatz die Menschen dicht gedrängt. Aus Rostock sind welche dabei, aus Radebeul, aus Berlin und natürlich aus Dresden selbst. Pegida scheint mittlerweile auch Event-Touristen anzuziehen.

"Hier wird der Protest von Bürgern dargestellt, die nicht mehr gefragt werden", sagt ein 57-Jähriger, der aus Berlin angereist ist. Mit Weihnachten habe das montägliche Treffen sicherlich nichts zu tun. "Ich bin dafür, dass Kriegsflüchtlingen geholfen wird, aber Deutschland kann nicht die ganze Welt retten", sagt seine Frau. Pegida deswegen in eine rechte Ecke zu stellen, sei jedoch ein Fehler. Die Politik habe es versäumt, ihr Handeln zu erklären.

Es sind wenige unter den Pegida-Demonstranten, die mit Journalisten reden möchten. Ihren Namen wollen sie schon gar nicht nennen. Aber eine Meinung teilen viele: "Lügenpresse, Lügenpresse" schallt es aus tausenden Kehlen über den Platz. Und: "Wir sind das Volk!"

Dann kommt jemand in Weihnachtsmannverkleidung und ruft "Seid ihr wieder alle da?" - "Jaaaaaaa!" Die Menschen nehmen ihre Liedtexte aus den Taschen. Der Chor beginnt zu singen, nicht jeder kennt den Text.

"Alle Jahre wieder." Die erste Strophe ist geschafft. Das reicht. Eine paar Frauen halten Kerzen in ihren Händen. Dann "Stille Nacht" und "O du fröhliche". Es ist eine Weihnachtsfeier der eigentümlichen Art. Die Demonstration für kommenden Montag haben die Islamgegner abgesagt.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 682 Beiträge
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nickleby 22.12.2014
1. Pegida
Diwe Anzahl der Demonstaranten bei Pegida wird zunehmen, da die Bürger dieses Landes sich allein gelassen fühlen.zu. B. der Vorschlag in einer christlichenm Kirsche muslimische Gesänge erkliongen zu lassen. Absurd. Christus saghte : ich bin der Weg und das Leben. Also kann der Islam nur eine Irrlehre sein.
Leser1000 22.12.2014
2. Pegida
M.E. muss eine Situation geschaffen werden in der sich "Pegida" der öffentlichen Diskussion (sei es in einem Diskussionsforum oder ähnliches) stellen muss. Die Demokratie muss das aushalten. Andernfalls besteht nach meiner Meinung die Gefahr, dass die Organisation eine Egendynamik entfaltet und zwar nicht aufgrund von Sachargumenten, sondern aufgrund dumpfer Gefühle.
spacewalker 22.12.2014
3. Wir sind das Volk
Vor 25 Jahren haben sie "wir sind das Volk" gebrüllt, um an die Fleischtöpfe im "Westen" zu gelangen. Jetzt brüllen sie, um von diese Fleischtöpfen nichts an die armen Schweine abgegeben zu müssen, die häufig nur das nackte Leben gerettet haben. P.S.: 40% der Flüchtlinge sind Kinder!
zostrianos 22.12.2014
4. Pfui Teufel
Mir ist inzwischen klar, dass dieser Beitrag nicht veröffentlicht werden wird. Darum vielleicht (auch unter dem Eindruck dessen, was ich gerade in den Tagesthemen an "Berichterstattung" erleben musste) nur ein Appell an den Zensor: Was wollen Sie? Was soll diese völlig verzerrte Berichterstattung, bei der noch nicht einmal nicht im Ansatz der Versuch gemacht wird, die Sorgen der Menschen, die in unserem Land leben und arbeiten und demonstrieren, ernstzunehmen. Wollen Sie diese 20.000 umsiedeln, damit sie Ruhe geben? Wo ist der Beitrag der Medien, wo der Beitrag der Spiegel Journalisten zur Versöhnung? Wollen Sie die Menschen dieses Landes mit Ihrer Berichterstattung in den Bürgerkrieg treiben? Sie tun es, wie ich fürchte. Frohe Weihnachten und Pfui Teufel.
g.valinor 22.12.2014
5. Und schon wieder so ein Artikel
Tendenzioes, statt zu informieren. Keine neutrale Berichterstattung, nur Wertung. Traurig, was aus dem journalistischen Ethos geworden ist.
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