Ring freiheitlicher Jugend Deutschland: Offensive der Islamhasser

Von Jan Lukas Strozyk

Islamhasser haben sich in Deutschland bislang in Blogs und Foren getummelt, bei Demos erschienen selten mehr als ein Dutzend. Jetzt wollen sie die Szene mit einer neuen Jugendorganisation aufmischen und die Splittergruppen einen - Ziel ist eine europaweite Front gegen Muslime.

Demo von Pro NRW in Köln: "Inszenierung als Partei mit demokratischer Fassade" Zur Großansicht
dapd

Demo von Pro NRW in Köln: "Inszenierung als Partei mit demokratischer Fassade"

Berlin - Tony-Xaver Fiedler kennt seinen Vortrag auswendig, nur selten schaut er in die Karteikarten, die er vorbereitet hat. Alles an ihm strahlt Normalität aus: Er trägt ein modisches Hemd, das er ordentlich in die Jeans steckt. Die Ärmel hat er hochgekrempelt, das Handgelenk ziert ein Lederarmband. Fiedler ist 23 Jahre alt und studiert an der Goethe-Universität in Frankfurt Geschichte und Philosophie.

Sein Karriereziel hat er bereits fest im Blick - Politiker will er werden, und zwar am äußersten rechten Rand des Parteienspektrums. Bei dieser Kundgebung in Frankfurt-Ginnheim redet er für die rechtsextreme Splitterpartei Pro-NRW über den Islam, über Muslime. Er spricht betont langsam: "Wollen wir wirklich solche Leute in unser Land holen? Ich sage: nein." Die Zuhörer applaudieren, einige skandieren: "Ab-schie-ben! Ab-schie-ben!"

Das war im Juni. Mittlerweile hat Fiedler den Ring freiheitlicher Jugend Deutschlands (RFJD) gegründet. In ihm will er die jungen Islamhasser in diesem Land zu einer starken Kraft einen. Der Student kennt sich aus in der Szene der Ultrarechten, er hat trotz seines jungen Alters schon viele Stationen hinter sich: Früh landet er bei den Republikanern, überwirft sich dort mit der etablierten Parteispitze und wechselt zur DVU, wo er schnell aufsteigt - und dann hinschmeißt. 2009, mit gerade 20 Jahren, wird er Jugendbeauftragter bei Pro-NRW.

Die ist damals gerade in aller Munde. Mit ihrer "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen"-Rhetorik versucht sie, Stimmen in der bürgerlichen Mitte abzugreifen. Als Nazis wollen Pro-Mitglieder wie Fiedler trotz der eindeutigen politischen Ausrichtung nicht wahrgenommen werden. Gegen die Bezeichnung als "rechtsextrem" wehrt sich der Ableger Pro-Köln sogar vor Gericht - und scheitert. Fortan dürfen die Vertreter von Pro-Köln als das bezeichnet werden, was sie sind: rechtsextreme Verfassungsfeinde.

Im Verein mit der martialischen "German Defence League"

Parteien seien ohnehin behäbig und "schrecken junge Leute eher ab", sagt Fiedler. "In der Szene wurde die Jugendarbeit über Jahre vernachlässigt." Darum habe er den RFJD gegründet. Inhaltlich nährt sich die Bewegung aus islamfeindlichen Blogs und den Programmen der Pro-Gruppen. "Konservativ und an christlichen Werten orientiert", nennt Fiedler die Grundwerte seiner politischen Linie.

Experten sehen das anders. Von einer "pseudodemokratischen, muslimfeindlichen Bewegung" spricht der Sozialwissenschaftler Alexander Häusler von der Arbeitsstelle Neonazismus der Fachhochschule Düsseldorf. Der Wissenschaftler hat sich intensiv mit den Pro-Bewegungen beschäftigt und sieht in der überparteilichen Jugendorganisation einen weiteren Schritt in Richtung einer erstarkenden Bewegung, die im bürgerlich-konservativen Lager nach Stimmen fischt. "Die antiislamische Strömung in Deutschland ist sehr heterogen", sagt Häusler. "Die Gründung ist auch der Versuch, das Terrain abzustecken."

Fiedler und seine Jugendtruppe setzen auf ein breites Bündnis. Dazu opfern sie die von Pro-Bewegung, Republikanern und Co. stets penibel betonte Abgrenzung zu gewaltbereiten Rechten: Der RFJD probt den Schulterschluss mit der martialischen "German Defence League" (GDL). Das ist ein loser Verband, der nach eigenen Angaben mehr als hundert Mitglieder in den RFJD einbringt. Auf Kundgebungen traten sie früher maskiert auf, heute marschieren sie gerne mit Sonnenbrillen und dunklen Kapuzenpullovern mit dem schwarz-rot-goldenen GDL-Logo. Im Netz hinterlassen sie sich "kameradschaftliche Grüße". Die Gruppe ist nach dem Vorbild der "English Defence League" entstanden: einer rechten Hooligan-Gruppe, deren Märsche in britischen Einwanderervierteln immer wieder mit Gewaltexzessen enden.

Der Zusammenschluss mit einer derartig "gewaltorientierten Gruppe" passe eigentlich nicht zur Pro-Bewegung und deren "Inszenierung als Partei mit demokratischer Fassade", sagt Extremismusforscher Häusler. "Man distanziert sich von Nazis, Kameradschaften und der NPD, um wählbar zu bleiben", sagt er. Die Öffnung in diese Richtung bestätige allerdings die Beobachtung, dass die neuen Rechten auf die Hilfe der radikaleren Gesinnungsgenossen angewiesen sind. "Organisatorisch brauchen sie das Fußvolk", sagt Häusler. Das macht auch die Staatsorgane aufmerksam: "Einige der beteiligten Personen sind uns bekannt, und wir verfolgen die Entwicklungen", sagte eine Sprecherin des Landesamts für Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen SPIEGEL ONLINE.

Anleihen bei der Jugendorganisation der FPÖ

Namensgeber des RFJD ist der "Ring freiheitlicher Jugend Österreich", die Jungendorganisation der rechten FPÖ. Diese Anleihe kommt nicht durch Zufall: Seit Jahren unterstützen FPÖ-Größen die Pro-Bewegung und andere antiislamische Gruppen in Deutschland logistisch und mit Auftritten. Auch zu der Partei des niederländischen Islam-Hassers Geert Wilders hat der RFJD gute Kontakte. Im Juli dieses Jahres traf sich Fiedler in Antwerpen mit dem ehemaligen "Vlaams Belang"-Chef Filip Dewinter, um über eine "gesamteuropäische Initiative gegen die zunehmende Islamisierung unserer Städte" zu sprechen.

Über sein "Fußvolk" setzt der RFJD auf weitere Internationalisierung: Als sich im März europäische Anti-Islam-Gruppen zu einem sogenannten "Counter-Dschihadismus-Treffen" in Dänemark versammelten, waren auch Vertreter der GDL vor Ort. Später berichten sie auf einem rechten Weblog von den Angriffen dänischer Gegendemonstranten und "einem ordentlichem Umtrunk mit den anderen Mitgliedern der europäischen Schwesterorganisationen".

Das krude Gedankengut auch im eigenen Land weiter zu verbreiten, daran arbeitet der RFJD mit einer Schulhof-Zeitung namens "Objektiv", die zurzeit in mehreren deutschen Großstädten verteilt wird. Dieses "auf Schüler und Studenten zugeschnittene Magazin" ist in den Plänen von Fiedler "ein weiterer Schritt in der bundesweiten Ausdehnung der Pro-Bewegung". Fiedler, der auch als Herausgeber und Chefredakteur der Postille auftritt, lässt sich darin über "Humboldt'sche Bildungsideale" und das sinkende Niveau an deutschen Schulen aus - und gibt sich betont bürgerlich.

Doch manchmal fällt die Fassade auch beim Karrieristen Fiedler. Abseits der Pressemitteilungen und Partei-Webseiten weicht er von seiner gerne zitierten Treue zum Grundgesetz und dem Vorsatz ab, niemanden diskriminieren zu wollen. Bei Facebook etwa wünscht er sich nicht nur, dass Deutschland aus dem Euro und der EU austritt, er bekennt auch: "Mein Humor ist so schwarz, ich könnte damit Baumwolle pflücken" und erfreut sich an der Gruppe "Islamisten fisten! - Nein zum Koran in Deutschland".


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Fiedler sei über seinen Vater zu den Republikanern gekommen. Dieser Darstellung widerspricht er nun, sein Vater habe "in keinster Weise etwas mit rechter Politik zu tun".

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Islamophobie
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Vote
Soll die Ausstrahlung des Mohammed-Videos in Deutschland verboten werden?

Die Bundesregierung will verhindern, dass Rechtspopulisten mit dem islamfeindichen Film über den Propheten Mohammed in Deutschland Krawalle provozieren. Wie ist Ihre Meinung? Sollte die Ausstrahlung hierzulande verboten werden?



Fotostrecke
Afghanistan und Pakistan: Prosteste gegen Amerika