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Anti-Islamisierungskongress: Köln lässt Rechtspopulisten abblitzen

Von Lenz Jacobsen und , Köln

Kein Taxi nahm sie mit, Wirte und Hoteliers warfen sie raus, Demonstranten verhinderten ihre Kundgebung: Der sogenannte Anti-Islamisierungskongress europäischer Rechtspopulisten in Köln wurde zur peinlichen Lachnummer. Übergriffe Linksradikaler überschatteten den friedlichen Protest.

Köln - Es ist der Versuch einer letzten Provokation: Um kurz nach halb eins erscheint zwischen den Polizeihubschraubern am blauen Himmel über der Kölner Innenstadt ein Sportflugzeug. Die einmotorige Maschine zieht ein Banner mit dem Schriftzug "Pro Köln" hinter sich her. Die Demonstranten im Stadtzentrum blicken nach oben, sie johlen und pfeifen, recken die Fäuste und ausgesteckten Mittelfinger in die Höhe.

Doch richtige Wut macht sich am Boden schon nicht mehr breit. Denn kurz zuvor hat die Erfolgsmeldung des Tages die Runde gemacht: Der sogenannte Anti-Islamisierungskongress der rechtspopulistischen Gruppe "Pro Köln" ist endgültig geplatzt. Die Polizei hat die Abschlusskundgebung verboten, weil "die Sicherheit unserer Kölner oberste Priorität hat". Völlig unverhältnismäßig wäre es, sagt Polizeipräsident Klaus Steffenhagen, den Rechten "mit Wasserwerfern und Spezialeinheiten den Weg zum Heumarkt zu ebnen".

Am Südende des Heumarktes, dem geplanten Ort der Kundgebung, applaudieren die Menschen, als die Nachricht über Megafon verbreitet wird. Der Beifall gilt ihnen selbst: Mit massivem Protest und entschlossener Blockade haben die Domstädter das ausländerfeindliche Spektakel verhindert.

Als historisches Ereignis hatten "Pro Köln" und der landesweite Verein "Pro NRW" ihren "Anti-Islamisierungskongress" angekündigt, Spitzenpolitiker der europäischen extremen Rechten, vom belgischen "Vlaams Belang" über die französische "Front National" (FN) bis zur österreichischen FPÖ sollten unter dem Deckmantel der Islamkritik Hass und Angst schüren.

Heraus kam nun eine mehr als peinliche Lachnummer. Erst ließ der im Vorfeld vollmundig beworbene FN-Chef Jean-Marie Le Pen wissen, dass er nie vorhatte, nach Köln zu kommen, dann sagte FPÖ-Spitzenmann Heinz-Christian Strache ab. Am Freitag gab es statt einer Pressekonferenz für die "Pro"-Truppen nur eine Irrfahrt auf dem Rhein, anschließend setzten Wirte und Hoteliers die Rechtspopulisten auf die Straße, Taxis verweigerten ihnen die Fahrt.

Am Samstag schaffen es von den angeblich zu erwartenden 1500 Sympathisanten bis zum Mittag gerade einmal ein paar Dutzend auf den Heumarkt. Rund um den Platz blockieren Gegendemonstranten jeden Zugang zum Kundgebungsort: Straßen, Gassen, Gleise, U-Bahn-Ausgänge - alle Wege sind dicht.

Der Großteil derer, die auf den Heumarkt wollen, hängt am Bahnhof des Köln-Bonner Flughafens fest, "Pro Köln"-Chef Markus Beisicht inklusive. Insgesamt sind es sind höchstens 150 Leute, eine krude Mischung aus Funktionären in Anzügen, Glatzen mit "Nationalist"-Schriftzug auf dem T-Shirt, viele Rentner. Sie tingeln auf dem S-Bahn-Steig auf und ab. Es fährt kein Zug in die Innenstadt, rund 80 Gegendemonstranten haben die Gleise blockiert. Beisicht und Co. sind ratlos, es wird viel telefoniert mit jenen Versprengten, die es zum Kundgebungsort geschafft haben. Immerhin: Vor Gegendemonstranten haben sie am Flughafen ihre Ruhe.

Irgendwann zieht die Truppe in ein Café im Terminal D um, die Chefs lassen sich in dicke schwarze Ledersessel fallen. Drum herum patrouillieren Ordner im schwarzen Anzug und mit Stiernacken. Die Bundespolizei steht am Rand und wartet. "Wir sind nur hier um ein bisschen aufzupassen, die können gehen wohin sie wollen", sagt einer. Nur wohin sollen sie?

Im Stadtzentrum jedenfalls sind sie nicht willkommen. Immer wieder ist zu sehen, wie Rechtsradikale vor den Blockaden kapitulieren und das Weite suchen, wenn ihnen Antifaschisten "Haut ab!" und "Nazis raus!" entgegenbrüllen. Wer dennoch versucht durchzukommen, muss mit handfestem Einsatz linksautonomer Protestierer rechnen. Die "Keine Gewalt"-Rufe der friedlichen Demonstranten verhallen mehrfach ungehört.

Als sich vor dem "Haus des Kölner Karneval" Anhänger der "Pro"-Bewegung blicken lassen, droht die Lage kurzzeitig zu eskalieren. Dutzende Polizisten müssen die Bedrohten schützen, die sich an die Schaufensterscheiben drücken. Flaschen und Fäuste fliegen, erst in mehreren Anläufen bahnen die Einsatzkräfte einen Weg durch die Menschen, Angreifer bekommen Reizgas und Schlagstöcke zu spüren.

Hundert Meter weiter an der Augustinerstraße setzen plötzlich zwei Kahlgeschorene zum Sprint durch die Blockierer an. Das aussichtlose Unterfangen endet nach wenigen Metern in einer wüsten Schlägerei mit Linksautonomen. Mit blutigen Augenbrauen ergreifen die Skinheads die Flucht.

Die Polizei berichtet am Mittag, linksradikale Demonstranten hätten versucht, Einsatzkräften die Pistolen zu entreißen. Die Beamten setzen sich mit Schlagstöcken zur Wehr. Immer wieder werfen zum Teil vermummte Protestierer Steine und Flaschen auf Polizisten. Am Morgen wird ein Polizist von einem Knallkörper am Kopf verletzt. Augenzeugen erzählen, Autonome hätten einen Mannschaftswagen angegriffen, nachdem sich Rechtsradikale in das Auto geflüchtet hätten. Am Nachmittag ist zu hören, dass Linksradikale in der Südstadt Mülltonnen anzünden.

Insgesamt wurden an drei Orten in der Kölner Innenstadt laut Angaben der Polizei bis zum Abend rund 500 der Demonstranten in Gewahrsam genommen. Sechs Beamte seien verletzt worden.

Die Ausschreitungen werfen einen Schatten auf die eindrucksvolle, friedliche Gegenwehr der Kölner. Zu Tausenden sind sie an diesem Samstag auf den Beinen, um den Rechtspopulisten in ihrer Stadt die Stirn zu bieten. Es ist ein ausgesprochen bunter Protest unter dem Motto "Köln stellt sich quer": Am Morgen wehen vor dem Dom die Fahnen von Kommunisten, Gewerkschaften, Bürgerbewegungen und Motorradclubs neben selbstgemalten Transparenten und Plakaten.

Hunderte schunkeln zu kölschen Schlagern, auf den Stufen vor der Domplatte singt ein Chor der "Vereinigung schwul-lesbischer Chöre". Eine kostümierte Gruppe zieht durch die Straßen und schmettert einen umgedichteten Karnevalshit: "Die Blockade geht weiter, keen Nazi kütt durch." Stolz bedankt sich Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) bei den Menschen, die sich mit Herzblut, Witz und Intelligenz erfolgreich gegen "diesen rassistischen Schwachsinn" gestemmt hätten.

Die, die der OB attackiert, machen ihrer Wut am Flughafen Luft, nachdem sie die Verbotsverfügung der Polizei erreicht. "Das ist die Schramma-SA", schimpft Jörg Uckermann, Bürgermeisterkandidat von "Pro NRW" in Leverkusen und Ex-CDUler. Nicht die Kölner würden sich gegen den Kongress stellen, sondern "linke Randalierer, die mit dem Oberbürgermeister gemeinsame Sache machten".

Auf einer improvisierten Pressekonferenz klagt "Pro"-Chef Beisicht über "Bürgerkrieg auf Kölns Straßen" und verkündet im Brustton der Überzeugung, dass man "den Rechtsstaat gegen Schramma und Co. verteidigen" werde. Auf dem Heumarkt kündigt Sprecher Michael Rouhs an, das Verbot juristisch prüfen zu lassen. Im Flughafen halten Anhänger Plakate gegen Islamisierung und Antifa hoch, skandieren: "Wir sind das Volk, wir sind das Volk!" Von den oberen Etagen des Terminals bestaunen wartende Passagiere das skurrile Schauspiel.

Filip Dewinter vom separatistischen "Vlaams Belang" bedankt sich noch artig bei Beisicht für "den Mut, so einen Kongress zu organisieren" und erklärt die Bundesrepublik kurzerhand zur "extrem linken und politisch korrekten Diktatur". Kurz darauf wollen die Belgier in Bussen zurück "in unser schönes Flandern" fahren. Zu diesem Zeitpunkt hat auch der Flughafen den ungebetenen Gästen schon Hausverbot erteilt.

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