Anti-Piraten-Training: Trommelfeuer auf die Zitadelle

Von , Neustadt in Holstein

Anti-Piraten-Ausbildung in Neustadt: Seeräuber auf der Ostsee Fotos
Christoph Keller/ VISUM

Piratenangriffe kosten oft Millionen, im schlimmsten Fall sogar das Leben von Seeleuten. Auf der Ostsee lernen deutsche Reedereien in einem Crashkurs der Bundespolizei, was gegen Seeräuber hilft: Schmierseife an Deck, Nebelwerfer im Schiffsbauch oder die Flucht in die gepanzerte Zitadelle.

Erst ist es still im Panikraum, nur der Atem der Männer ist zu hören. Dann bricht die Hölle los. Dumpf schlagen Projektile von außen in der Stahlwand ein, innen klingen sie wie schwere Hammerschläge. Zwischen den Schüssen: immer wieder Schreie. Ein Mann brüllt auf Somali. Was er sagt, versteht drinnen niemand. Doch er klingt wütend. Jemand setzt einen Trennschleifer an der Stahltür an. Dann geht das Licht aus. "Spätestens jetzt werden die Kursteilnehmer nervös", sagt Jens Reimann.

Der Erste Hauptkommissar drillt seit drei Jahren mit seiner Abteilung deutsches Schifffahrts-Personal. Seine Aufgabe: Reedereien fit machen für Törns durch die gefährlichsten Gewässer der Welt. Das Anti-Piraterie-Training der Bundespolizei beantwortet vor allem zwei Fragen. Mit welchen Strategien verhindere ich, dass Piraten mein Schiff entern? Und was mache ich, wenn diese Strategien nichts bringen?

Der Panikraum, im Kurs nennen sie ihn Zitadelle, verbirgt sich im Bauch der "Köln". Die 110-Meter-Fregatte liegt im Marinehafen von Neustadt in Holstein. Normalerweise trainieren Soldaten auf dem ausgemusterten Schiff die Bekämpfung von Lecks und Bränden. Doch an diesem Morgen hat die Bundespolizei das Kommando auf der "Köln", auch wenn die Beamten im dichten Nebel auf dem Deck des Kriegsschiffs kaum zu sehen sind. Noch sind draußen die Bedingungen zu widrig für irgendwelche Übungen. Deshalb geht es über steile Treppen und durch schmale Luken erst einmal tief in die Innereien des Schiffs - bis zum Panikraum.

Im Ernstfall verbirgt sich in einem solchen Versteck die Besatzung vor den Piraten. Doch auch eine geordnete Flucht will trainiert sein. Ebenso wie der psychische Dauerstress, wenn sich die Stahltür erst einmal geschlossen hat. Von außen hämmern heute "nur" schauspielernde Polizisten. Die "Schüsse" sind tatsächlich Hammerschläge - durch die Stahlwände ohrenbetäubend verstärkt. Das fremdartige Geschrei kommt vom Band, und auch der Trennschleifer läuft an diesem Tag nur zu Show-Zwecken.

Trotzdem wird es drinnen nach wenigen Minuten ungemütlich. Jens Reimann beobachtet immer wieder den gleichen Ablauf: "Die Crews wissen, dass es nur eine Übung ist. Trotzdem ist den meisten nach kurzer Zeit nicht mehr nach Scherzen zumute. Die Enge, Hitze, Dunkelheit - das potenziert sich zur Höchstbelastung."

Gefühlte vier Stunden im Panikraum

Hans-Jörg Simon hat als Managing Director der Hamburger Hansa Heavy Lift das Anti-Piraten-Training in Neustadt absolviert. Die Reederei operiert mit 20 Spezialschwergutschiffen auf der ganzen Welt - und eben auch in Piratengewässern. Der Aufenthalt in der Zitadelle hat ihn nachhaltig beeindruckt. "Es hat sich angefühlt wie mindestens vier Stunden, die wir in dem Panikraum verbringen mussten. Dabei waren wir maximal eine Stunde lang verbarrikadiert."

Der Panikraum ist das letzte Mittel, um die Crew vor Entführung oder körperlichen Schäden zu schützen. Tage, manchmal sogar Wochen können die Männer dort ausharren. Was die Besatzung erwartet, vermittelt die Simulation. "Man weiß natürlich auch in der Zitadelle, dass es nur ein Spiel ist", sagt Hans-Jörg Simon. "Aber trotzdem kippt das Ganze schon nach kurzer Zeit. Man fühlt sich beklommen in dem stockdunklen Raum, die Stimmung wird angespannter."

Um es im Ernstfall gar nicht erst so weit kommen zu lassen, bläuen Reimann und seine Männer den Kursteilnehmern die wichtigsten Vorsichtsmaßnahmen ein. Die erste Regel: Vorbereitung. Bevor ein Schiff in Piratenreviere einfährt, muss die Crew Sicherheitsmaßnahmen ergreifen.

Das gilt auch für die Flotte von Hansa Heavy Lift. Die sogenannten Projekt- und Schwergutschiffe sind wegen ihrer Bauart und Geschwindigkeit höheren Risiken ausgesetzt als schnell fahrende Containerschiffe. "Obwohl wir zum Schutz unserer Crews und der hochsensiblen Ladung unserer Kunden versuchen, Piratengebiete zu meiden, lassen sich diese nicht vollständig umfahren. Daher war das Seminar für uns besonders relevant", so Simon.

Mit Wasserkanone und Schmierseife gegen die Piraten

So archaisch die Idee von Piratenangriffen im 21. Jahrhundert anmutet, so altbewährt sind auch die Abwehrmaßnahmen gegen die modernen Seeräuber. Wasserkanonen machen die Bordwand glitschig und das Entern schwierig. Manche Reedereien verwandeln ihre Decks mit Schmierseife in Rutschbahnen - und wollen Angreifer so an der Geiselnahme hindern. Im Schiffsbauch demonstrieren die Bundespolizisten, wie die engen Gänge durch ferngesteuerte Nebelwerfer praktisch unpassierbar werden.

Wichtig ist, dass die Reederein die Ausrüstung nicht nur an Bord haben - sondern auch einzusetzen wissen. Ein Beispiel liefert das simulierte Entermanöver auf die "Köln". Der Nato-Draht an der Reling hält den Angreifer keine fünf Sekunden auf. Blitzschnell ist er auf das Schiff geklettert. Erst eine doppelte Lage des mit Rasierklingen bewehrten Geflechts stellt den Piraten vor ein ernsthaftes Hindernis. An der Reling gilt außerdem Jens Reimanns Ansage: "Keiner guckt über die Reling, wenn die Piraten längsseits gehen. Sonst schießen die sofort."

Doch in der Zentrale in Neustadt laufen nicht nur Trockenübungen. Das Gebäude beherbergt auch den Maritimen Dauerdienst. Wird irgendwo auf den Weltmeeren ein Schiff unter deutscher Flagge attackiert, klingelt hier das Telefon. "Dann laufen die wichtigen 25 Minuten", erklärt Reimann. Die Polizisten sprechen meist mit den Reedereien, die die Infos an ihr Schiff in Gefahr weiterreichen. Wie nah sind die Angreifer? Flüchtet das deutsche Schiff unter vollem Tempo? Kann ein Sicherheitsteam an Bord eingreifen?

Gefahren im Golf von Guinea

In den Statistiken des Dauerdienstes taucht eine Region immer häufiger auf: Westafrika. Vor Somalia kreuzen die Kriegsschiffe der EU-Mission "Atalanta", dort werden die Piratenangriffe seltener. 2009 wurden 163 Attacken registriert, im vergangenen Jahr waren es noch 35 Vorfälle.

Dafür entsteht am anderen Ende des afrikanischen Kontinents ein neuer Hotspot. Im Golf von Guinea, vor allem vor der Küste Nigerias, schlagen die Piraten zu. Gewaltige Ölmengen werden täglich per Schiff auf die Reise nach Europa oder in die USA geschickt - die Tanker verheißen rasches Geld. Um 42 Prozent stiegen die Überfälle im vergangenen Jahr. Ende April erwischte es ein Schiff einer Emdener Reederei.

Das besondere Problem in dieser Region: Während sich die somalischen Piraten auf Entführungen spezialisiert haben, sind ihre westafrikanischen "Kollegen" oft auf den raschen Raub von Ladung und Habseligkeiten der Crew aus. Weil die Besatzung für sie kein (Löse-) Geld wert ist, kommt es häufig zu Gewalt. Umso wichtiger, dass die Piraten kein Mannschaftsmitglied in ihre Gewalt bringen. Und umso intensiver müssen die Crews ihre Fluchtpläne studieren.

Zurück an Deck der "Köln" hat sich der Nebel verzogen. Das Schiff liegt offen und hilflos da. Schon dröhnt in der Nähe ein kraftvoller Außenborder, dann kommt das Schlauchboot in Sicht. Männer drohen mit Maschinengewehren und Panzerfäusten. Der nächste Piratenangriff hat begonnen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 40 Beiträge
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1.
Hesekiel 14.05.2013
herrlich, HHL schickt den manager zum piratenttaining. was das der ausländischen crew bringen mag weiss wohl nur er. ansonsten sind sichetheitsteams immer noch die beste, allerdings auch teuerste variante. für ausländische Flagge ist das rechtlich auch längst geklärt. .
2. Was soll der Nonsens ?!?
founder 14.05.2013
Und wie lang reicht Luft, Wasser, Lebensmittel aus? Wie leicht wird man in den Raum ausgeräuchert? Ein wirklich saublöder Vorschlag. Bevor ich mich in so einen Raum in die Situation einer auf den Rücken liegenden Schildkröte begebe, klemme ich mich doch lieber hinter eine Browning 50 SMG.
3.
LH526 14.05.2013
Was spricht gegen bewaffnetes Sicherheitspersonal an Bord? Der ganz Bohei mit Natodraht, Speerspitzen, Rauch und Zitadellen entspricht einem Verteidigungsgedanken, der bereits im Vorfeld verhindert werden kann ... 2-3 Scharfschützen oder eine entsprechende Anzahl MGs respektive schwereren Waffen könnten das Problem schon vorher lösen. Übersteigt der Einsatz derlei Sicherheitskräfte oder entsprechendem geschulten Personal (Söldner, Sicherheitspersonal, Militärs) die Vorstellungskraft der Reeder / Kapitäne oder ist Verteidigung mit Waffengewalt den deutschen nicht pazifistisch genug? Freunde bei einer Reederei aus Singapur bedienen sich für Ihre Hornpassagen gerne den Diensten von amerikanischen und russischen Söldnern und Sicherheitspersonal mit entsprechendem Erfolg.
4. Viel zu teuer
egbert_sass 14.05.2013
Zitat von founderUnd wie lang reicht Luft, Wasser, Lebensmittel aus? Wie leicht wird man in den Raum ausgeräuchert? Ein wirklich saublöder Vorschlag. Bevor ich mich in so einen Raum in die Situation einer auf den Rücken liegenden Schildkröte begebe, klemme ich mich doch lieber hinter eine Browning 50 SMG.
Nehmen Sie ein PK, gibts in Drittweltländern günstiger. Aber mal Spaß beiseite: Zumindest in internationalen Gewässern wäre eine entsprechende Bewaffnung nicht justiziabel. Wird sicher von einigen Nationen auch praktiziert, allerdings kaum an die große Glocke gehängt.
5.
mneisen 14.05.2013
Somalia liegt in Westafrika? Und die Atalanta-Mission schippert auch vor Westafrika? Verdammt, mein Kompass ist kaputt, der muss dringend in Reparatur - bei mir ist "rechts" der Osten und "links" der Westen eingetragen, das kann ja gar nicht stimmen nach diesem Artikel ... :P
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