Anti-Terror-Aktion bei Aachen Mutmaßlicher Attentäter ist weiter auf der Flucht

Mit Spezialeinsatzkommandos und Hundertschaften griff die Polizei bei Aachen zu. Sie vermutete dort einen der Terrorverdächtigen aus Paris. Dann musste Innenminister de Maizière einräumen: "Leider ist es nicht der, auf den wir alle gehofft hatten."

Spezialeinsatzkräfte in Alsdorf: verdächtiger Abdeslam nicht dabei
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Spezialeinsatzkräfte in Alsdorf: verdächtiger Abdeslam nicht dabei

Von und Roman Lehberger


Es war ein Anti-Terror-Einsatz, wie es ihn in Nordrhein-Westfalen lange nicht gegeben hat: Schwarzvermummte Spezialkräfte mit Maschinenpistolen haben in der Stadt Alsdorf bei Aachen sieben Verdächtige festgenommen. Doch der mit internationalem Haftbefehl gesuchte Salah Abdeslam, 26, war nicht darunter - obwohl es Hinweise auf ihn gegeben hatte. "Leider ist es nicht der, auf den wir alle gehofft hatten", sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) zu der Aktion.

Eine Verkäuferin eines Discounters im Saarland glaubte den mutmaßlichen Terroristen Abdeslam in einem Auto mit Aachener Kennzeichen erkannt zu haben. Sie notierte die Nummer, die die Polizei nach Alsdorf führte. Doch dort entdeckten die Beamten nicht den Gesuchten, sondern nahmen nach Informationen von SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL TV am Morgen in der Nähe des Jobcenters den 29-jährigen Kamal A. sowie seine Begleiterinnen Lava M., 28, und Didem A., 32, fest.

Ermittler finden Marihuana-Plantage statt Terroristen

Offenbar fanden die Ermittler bei ihnen Hinweise auf eine Wohnung im Stadtteil Schaufenberg, in der sie am Nachmittag dann Mohamad M., 21, Sascha H., 37, Martin M., 35, und eine weitere, bislang unbekannte Person fassten. Dabei stellten sie zufällig fest, dass wohl H. dort eine illegale Hanfplantage betrieb. Ein Delikt, das ansonsten nur in Ausnahmefällen den Einsatz eines Spezialeinsatzkommandos und von Hundertschaften der Bereitschaftspolizei nach sich zieht.

Video: Die Festnahmen bei Aachen

Doch die Lage ist alles andere als alltäglich. Nach den Terroranschlägen von Paris mit 129 Toten fahndet die Polizei derzeit fieberhaft nach Salah Abdeslam, dem Bruder eines der Selbstmordattentäter von Paris. Salah Abdeslam soll den VW Polo angemietet haben, mit dem die Attentäter am Freitag zu der Konzerthalle Bataclan gefahren waren. Allein dort töteten sie fast 90 Menschen. Sein Bruder Brahim Abdeslam sprengte sich in einem Pariser Café in die Luft. Salah Abdeslam ist in Brüssel geboren und wohnt auch dort, doch derzeit fehlt von ihm jede Spur.

Abdeslam ist der französischen Polizei bereits einmal entwischt. Wie der Anwalt des Terrorverdächtigen Mohammed Amri sagte, erhielt sein Mandant am Freitagabend einen Anruf von Salah Abdeslam mit der Bitte, ihn in Paris abzuholen. Daraufhin sei Amri gemeinsam mit Hamza Attouh von Brüssel nach Paris gefahren. Der graue VW Golf sei auf der Hin- und Rückfahrt im nordfranzösischen Cambrai kontrolliert worden. Auf dem Heimweg sprach das Trio dem Anwalt zufolge kein einziges Wort über das Attentat von Paris. Die beiden Männer hätten Salah Abdeslam in Brüssel abgesetzt, sagte der Jurist.

Salah Abdeslam gelangt durch Kontrolle an der belgischen Grenze

Tatsächlich war wenige Stunden nach den Anschlägen kurz vor der belgischen Grenze ein Wagen mit drei Insassen gestoppt worden, von denen einer einen Pass auf den Namen Salah Abdeslam vorzeigte. Weil der noch nicht auf der Fahndungsliste stand, durfte der Wagen weiterfahren, wie französische Ermittlerkreise bestätigten. Seither jagen ihn die Fahnder.

Die belgischen Sicherheitskräfte hatten am Montag versucht, Salah Abdeslam bei einem Großeinsatz im Brüsseler Problemvorort Molenbeek festzunehmen. Erfolglos. Der Flüchtige stand Ermittlern zufolge in Verbindung mit dem belgischen Islamisten Abdelhamid Abaaoud. Der 27-Jährige aus Molenbeek gilt als Kopf der Gruppe, die im Januar im belgischen Verviers vor einem geplanten Anschlag zerschlagen wurde. Er soll inzwischen wieder für die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien kämpfen und auch Drahtzieher der aktuellen Anschläge von Paris sein.

Salah Abdeslam ist noch vor etwa zwei Monaten in Deutschland und Österreich gewesen. Der 26-Jährige sei am 9. September aus Deutschland kommend mit zwei Begleitern nach Oberösterreich eingereist, sagte ein Sprecher des Wiener Innenministeriums. Die Hintergründe dieser Tour sind ebenso unklar wie der aktuelle Aufenthaltsort des Islamisten.

Die sieben unter Terrorverdacht Festgenommenen werden nun freigelassen. "Wir haben keine Erkenntnis, dass die Personen mit dem Anschlag in Verbindung stehen", sagte ein Polizeisprecher.

Salah Abdeslam ist weiter auf der Flucht.

Mit Material von dpa

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