Antibiotika-Skandal Der Fluch der verseuchten Krabben

Im Verbraucherschutzministerium von Renate Künast ist einiges schief gelaufen. Zwei Wochen lang verschleppten ihre Mitarbeiter Hinweise auf belastetes Fischmehl. Jetzt gibt es eine erste heiße Spur. Zu allem Überfluss tauchte aber in Deutschland auch noch mit Antibiotika verunreinigtes Kalbfleisch auf. Die Opposition fordert den Rücktritt der Ministerin.


Renate Künast: Ineffektive Informationswege
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Renate Künast: Ineffektive Informationswege

Berlin - Künast müsse wegen der in ihrem Haus fast zwei Wochen lang verschleppten Warnmeldung die politische Verantwortung übernehmen und zurücktreten, sagte der CDU-Agrarpolitiker Heinrich-Wilhelm Ronsöhr am Freitag nach einer Sondersitzung des zuständigen Bundestags-Agrarausschusses. Der Ausschussvorsitzende Peter Harry Carstensen (CDU) schloss sich der Forderung an. Die FDP forderte weitere Aufklärung.

Der Vorfall hatte umständliche Informationswege und zersplitterte Zuständigkeiten in der Künast-Behörde ans Licht gebracht. Bereits im vergangenen Sommer hatte Bundesrechnungshofpräsidentin Hedda von Wedel effektivere Strukturen im neuen Verbraucherschutz- und Agrarministerium gefordert.

Künast musste sich im Agrar-Ausschuss des Bundestages nun den Vorwurf gefallen lassen, dass sich einem Jahr nach dem Rücktritt ihres Vorgängers Karl-Heinz Funke (SPD) nichts geändert habe.

Im Dezember 2000 war eine Warnung über BSE-Risikobestandteile in deutscher Wurst fast eine Woche in Funkes Haus liegen geblieben, bevor sie weitergeleitet worden war. Anfang Januar 2001 mussten Funke und die damalige Gesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) nach Kritik an dem laxen Umgang mit BSE-Warnungen zurücktreten.

Kalbfleisch auch belastet

Die Opposition verlangte auch die Aufklärung eines neuen Antibiotika-Falls. Am Donnerstag war bekannt geworden, dass verseuchtes Kalbfleisch in Deutschland in den Lebensmittelhandel gelangt ist. Künast soll bei einer weiteren Ausschuss-Sitzung am Mittwoch erneut Rede und Antwort stehen.

Künast wies die Rücktrittsforderung nach der zweistündigen Sitzung umgehend zurück. Sie fühle sich in ihrem Kurs bestätigt, sagte sie. Sie habe konkrete Maßnahmen im Zusammenhang mit den belasteten Futtermitteln ergriffen. Im Gegensatz zu ihrem Vorgänger nehme sie jedes Problem ernst und gehe Warnhinweisen sofort nach.

Künast und ihr "Bauernopfer"

In Cuxhaven waren 27 Tonnen belasteter Shrimps aus Asien, die illegal aus den Niederlanden geliefert worden waren, zusammen mit Fischabfällen zu Fischmehl verarbeitet und ausgeliefert worden. Die Shrimps enthielten das seit 1994 in der EU verbotene Chloramphenicol.

Ein Warnschreiben der niederländischen Behörden war am 27. Dezember im Verbraucherschutzministerium eingegangen, aber erst am 8. Januar an die zuständige Stelle gelangt. Diese informierte dann das für Cuxhaven zuständige niedersächsische Agrarministerium auf dem Postweg. Die belasteten Krabben sind nach bisherigen Erkenntnissen in Deutschland zu Fischmehl verarbeitet und an Händler ausgeliefert worden. Künast hatte als Konsequenz aus den Verzögerungen zwei Unterabteilungsleiter versetzt und gegen sie Disziplinarverfahren eingeleitet. Die CDU bezeichnete dies als ein "Bauernopfer".

Die EU forderte Informationen über den Fall. Unterdessen gibt es möglicherweise eine erste heiße Spur. Das Landwirtschaftsministerium in Magdeburg teilte am Freitag mit, in einem Schweinestall in Sachsen-Anhalt sei mit dem Antibiotikum verseuchtes Fischmehl aufgetaucht.

Unterdessen wurde möglicherweise mit demselben Medikament verunreinigtes Kalbfleisch aus den Niederlanden beschlagnahmt. Rückstände von Chloramphenicol waren in Kalbfleisch gefunden worden, das laut Bundesverbraucherministeriums durch einen Irrtum des zuständigen niederländischen Untersuchungslabors nach Deutschland gelangt war.

Dabei hatte sich herausgestellt, dass in einer Charge von 140 Tieren ein Kalb mit Chloramphenicol belastet war. Der Fall habe trotz desselben Antibiotikums nichts gemeinsam mit den belasteten Shrimps aus Holland, sagte Künasts Sprecherin Sigrun Neuwerth. Die Niederlande müssten jetzt klären, ob nur ein Kalb damit behandelt worden sei oder ob weitere Tiere das verbotene Medikament bekommen hätten. Das Antibiotikum Chloramphenicol kann beim Menschen zu Störungen der Blutbildung führen und ist EU-weit seit 1994 im Futter verboten.



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