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Antifa-Demo nach Hetzjagd: Schwarzer Block schreckt Mügeln auf

Von , Mügeln

Sie kamen wie aus dem Nichts und waren genauso schnell wieder verschwunden: Rund 200 Antifaschisten aus ganz Sachsen haben nach der Hetzjagd auf Ausländer in Mügeln spontan gegen Rassismus demonstriert. Der Protest legte tiefe Gräben in der Bevölkerung der Kleinstadt offen.

Mügeln - Die alte Frau am Fenster weiß nicht so recht wie ihr geschieht: Dort, wo sonst alle paar Minuten einmal ein Auto vorbeizuckelt, vielleicht ein Nachbar vorbeikommt und zum Plausch kurz Halt macht, ziehen scharenweise dunkel gewandete Jugendliche vorbei. Sie tragen schwarze Sonnebrillen und brüllen ihr aus voller Kehle "Schämt Euch!" ins Hochparterre. Die Seniorin schreckt zurück, greift sich ihr Kissen, schließt das Fenster, zieht die Gardine zu. Ungläubig blickt sie noch einmal hinter dem Spitzenvorhang hervor, dann lässt sie den Rollladen herunter.

Die Linken sind da. Rund 200 Antifaschisten aus ganz Sachsen suchen am frühen Dienstagabend die Kleinstadt Mügeln im Landkreis Torgau-Oschatz heim. Die Sammelanreise in privaten Pkw bis zu einem Supermarktparkplatz am Ortsrand haben sie bestens organisiert, und so stehen sie sie um kurz nach halb sieben wie aus dem Nichts in der Nähe des Marktplatzes.

Dort hatten am Wochenende während des Stadtfestes Dutzende Deutsche acht Inder gehetzt und geprügelt, bis diese in einer Pizzeria Zuflucht fanden. Insgesamt 14 Menschen waren bei den Ausschreitungen verletzt worden. Zeugen berichteten von ausländerfeindlichen Parolen der Angreifer.

Die linken Demonstranten geben in der dörflichen Idylle ein bizarres Bild ab. Viele von ihnen kommen im Dresscode des schwarzen Blocks der Autonomen, schirmen den Protestzug an den Seiten mit langen Transparenten ab. Großstadt-Gebaren in einer 5000-Seelen-Gemeinde.

Polizei lässt Spontandemonstranten gewähren

Die Spontandemo ist bei den Behörden nicht angemeldet. Weil das Treffen jedoch nicht allzu konspirativ vorbereitet wird, bekommt auch die Polizei Wind von den Plänen. Mit mehreren Mannschaftswagen ist sie vor Ort, die Teilnehmerzahl überrascht die Sicherheitskräfte aber offenbar dennoch. Noch kurz vor Ende des Protests treffen zusätzliche Kräfte aus Dresden und Leipzig ein.

Die Uniformierten lassen die Demonstranten jedoch gewähren und zu großen Teilen unbegleitet durch die engen Straßen des Ortes ziehen, vorbei an der Pizzeria Picobello, wo sich die Inder verschanzt hatten. Ein Verkehrschaos ist in Mügeln nicht zu befürchten, zudem bleibt alles friedlich, "Nazis raus" und "Nie wieder Mügeln" schallt es durch die Gassen. Am Brunnen auf dem Marktplatz beobachtet ein Kurzgeschorener provokativ grinsend das Demotreiben. Seine Freundin schiebt ihn weg, als die Linken ihn als "Nazi" beschimpfen und ihm drohen.

Am Rande des Demonstrationszuges offenbaren sich tiefe Gräben, die der Vorfall vom Wochenende in der Bevölkerung Mügelns gerissen hat. Während einige Einheimische sich in den Protestzug einreihen, Beifall klatschen oder bereitwillig Münzen oder Scheine in die Spendendose stecken, die für die Opfer des Übergriffs in der Menge herumgereicht wird, schütteln etliche Schaulustige mit dem Kopf.

"Du hängst doch genauso mit drin!"

Die einen empfinden den Anblick der dunkel gekleideten und sonnenbebrillten Jugendlichen mit den schwarzen oder roten Fahnen schlicht als bedrohlich. Vor allem die Älteren machen es der alten Frau gleich und ziehen sich lieber in ihre Wohnung zurück. Die anderen haben eine ganz klare Meinung von den Protestierern: "Was will dieses Pack hier?", pöbelt ein Mittvierziger am Straßenrand, "Gesocks", schimpft eine Frau in den Fünfzigern.

Ein offensichtlich angetrunkener Mann im grünen Arbeitsoverall hebt den Arm kurz grinsend zum Hitler-Gruß. Von den Demonstranten bekommt es niemand mit. "Was wissen die denn schon, die waren doch gar nicht dabei", ereifert sich der Mann neben ihm - auch ihn hüllt eine Alkoholfahne ein.

Nach einer Dreiviertelstunde ist der Spuk wieder vorbei. Der Protestzug endet friedlich am Parkplatz, wo die Fahrzeuge der meist Jugendlichen stehen. Rund um den Marktplatz ist eigentlich wieder Ruhe eingekehrt, als sich ein Mann im blau-roten Jogginganzug und eine Frau - offensichtlich Einheimische - quer über die Straße anschreien. "Halt Dein Maul", brüllt die Frau. Er schreit zurück: "Du hängst doch genauso mit drin!" Sie: "Du Nazi-Schwein!"

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