Antisemitismus-Debatte "Hohmann-Rede als Schulstoff"

Die meisten Medien haben die "Tätervolk"-Rede Martin Hohmanns nur in Auszügen gedruckt. Sie wollten der antisemitischen Ansprache des CDU-Abgeordneten keine Plattform bieten. Das war falsch, sagt der Publizist Rafael Seligmann. Er fordert mehr „Mut zum mündigen Bürger“, die Rede müsse in Schulen durchgenommen werden.

Von Ulrike Putz


Schriftsteller Seligmann: "Deutschland ist ein Irrenhaus"
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Berlin - In den Redaktionen deutscher Zeitungen und Zeitschriften stellte sich in den vergangenen Wochen eine Glaubensfrage: Soll man - journalistisch sauber - mit der Aufreger-Rede Martin Hohmanns kostbare Seiten füllen, damit sich die Leser ein eigenes Bild machen können? Oder beschert ein Abdruck seiner antisemitischen Argumentationskette nur zusätzliche Öffentlichkeit?

Die meisten Blätter entschieden sich gegen den Wortlaut-Abdruck - und lieferten dadurch Hohmann-Verteidigern wie dem CSU-Abgeordneten Norbert Geis eine Steilvorlage. Wenn man die Rede im Zusammenhang lese, "dann kann man nicht zu dem Ergebnis kommen, Hohmann sei Antisemit", sagte der CSU-Abgeordnete. Die "Tätervolk"-Zitate seien aus dem Kontext gerissen worden. Das ist richtig, sagt der Berliner Publizist Rafael Seligmann. Nur sei die Rede in ihrer Gesamtheit noch viel schlimmer als die paar Sätze, die Hohmann letztlich seine Mitgliedschaft in der CDU-Fraktion kosteten. Und gerade deshalb müsse sie den Bürgern zugemutet werden.

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In seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit hatte Hohmann die Frage gestellt, ob es "auch beim jüdischen Volk eine dunkle Seite in der neueren Geschichte" gegeben habe. Hohmann berief sich auf Einschätzung, die bolschewistische Bewegung in Russland sei "jüdisch geführt" gewesen. Daher könnte man Juden mit "einiger Berechtigung als "Tätervolk" bezeichnen", so Hohmann in seiner Neuhofer Ansprache. Da sich jedoch die jüdischen Bolschewisten genauso von der Religion losgesagt hätten wie die nationalsozialistischen Deutschen vom Christentum, seien "weder die Deutschen noch die Juden ein Tätervolk".

Seligmann forderte, Hohmanns gesamte Rede in den Oberstufen der Gymnasien und auch an Universitäten durchzugehen. "Man darf nicht so denken, dass die Schüler nicht an den Giftschrank dürfen", sagte der Schriftsteller jüdischen Glaubens gegenüber SPIEGEL ONLINE. Über das Internet könne sich heutzutage jeder antisemitisches Material bis hin zu Hitlers "Mein Kampf" besorgen. "Antisemitischen Machwerke wie die Hohmann-Rede müssen in den Schulen durchgenommen werden, damit junge Leute das geschickt-subtile an der Argumentationsstruktur erkennen lernen."Der mangelnde "Mut zum mündigen Bürger", den bei der Hohmann-Debatte auch viele Medien bewiesen hätten, fördere in Deutschland das verkrampfte Verhältnis zwischen Juden und Nicht-Juden. "Deutschland ist ein Irrenhaus", sagt Seligmann. Die einen wie die Mahnmals-Initiatorin Lea Rosh schwelgten in Belehrungen und Holocaust-Pathos, die anderen wie Hohmann hätten die Schlussstrichdebatte längst hinter sich gelassen und seien zu subtiler Hetze übergegangen.

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Das American Jewish Committee (AJC) ortet seit längerem eine zunehmend antisemitische Haltung in Schulen. Immer mehr Lehrer würden sich im Berlin Büro melden und um Hilfestellung bitten. Sie wüssten nicht, wie sie den judenfeindlichen Sprüchen ihrer Schüler begegnen sollen, sagte die Leiterin des AJC Deidre Berger. Den Vorschlag Seligmanns, Hohmanns Skandal-Rede in deutschen Klassenzimmern zu besprechen, hält sie nicht grundsätzlich für schlecht. Jedoch müsste das deutsch-jüdische Verhältnis und die lange Geschichte der Juden in Deutschland in den Mittelpunkt gerückt werden.Der von Hohmann benutzte Begriff "Tätervolk" ist derweil auf dem besten Weg, zum "Unwort des Jahres" zu werden. Das Wort spiele bei den bisherigen Einsendungen "eine große Rolle", sagte der Frankfurter Germanistik-Professor Horst Dieter Schlosser, der das jährliche Ranking initiiert.Eine repräsentative Forsa-Umfrage am vergangen Wochenende ergab, dass mehr als jeder fünfte Deutsche latent antisemitisch ist. Der Prozentsatz sei verglichen mit dem Jahr 1998 von 20 auf 23 Prozent gestiegen, hat das Meinungsforschungsinstitut für den "Stern" ermittelt. Auf die absichtlich provozierende Frage, ob die Juden versuchten, aus derNS-Vergangenheit ihren Vorteil zu ziehen und die Deutschen dafürzahlen zu lassen, antworteten 36 Prozent der Befragten mit "ja".



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