Antisemitismus-Forscher Brumlik "In der Sache hat Frau Langer das Bundesverdienstkreuz verdient"

Ihren Ton findet er abstoßend, aber inhaltlich gibt er Felicia Langer recht: Holocaust-Forscher Micha Brumlik verteidigt die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an die umstrittene Israel-Kritikerin. Im Interview spricht er über die Rolle Horst Köhlers und Antisemitismus in Deutschland.


SPIEGEL ONLINE: Herr Brumlik, haben Sie eigentlich auch ein Bundesverdienstkreuz?

Brumlik: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Wünschen Sie sich denn eins?

Brumlik: Ich wünsche mir auch keins, nein.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Brumlik: Ich finde, man sollte einfach seinen bürgerlichen Pflichten und Aufgaben nachkommen. Es ist nicht nötig, aus meist diplomatisch-politischen Gründen dafür extra hervorgehoben zu werden. Ich erwarte von der Exekutive keinerlei besonderen Dank.

SPIEGEL ONLINE: Felicia Langer ist seit kurzem Trägerin des Kreuzes. Das ist hoch umstritten. Die einen halten die Tübinger Anwältin für eine verdiente Menschenrechtsaktivistin, die anderen für eine üble Israel-Feindin. Sie kennen ihr Werk. Hat Frau Langer die Ehrung verdient?

Brumlik: Frau Langer hat das Kreuz eventuell der Sache nach verdient. Es ist nicht zu bezweifeln, dass sie mit ihrer Lebensleistung auf einen in Israel bestehenden Misstand hingewiesen hat: nämlich die kontinuierliche Verletzung von Menschenrechten der unter israelischer Besatzung stehenden arabischen Bevölkerung des Westjordanlandes. Letztlich kann man bei unvoreingenommener Betrachtung zu keinem anderen Schluss kommen, als dass etwa die Jahresberichte von Amnesty International, Human Rights Watch oder israelischen Menschenrechtsorganisationen nichts anderes als sie feststellen.

SPIEGEL ONLINE: Gleichzeitig giftet sie aber gegen Israels "Apartheids-Politik" und redet verschwörerisch von einer "jüdisch-zionistischen Lobby".

Brumlik: Ich finde ihr Auftreten und ihre Argumentation der Form nach abstoßend. Mir ist auch nicht verborgen geblieben, dass sie kaum je aus ihren stalinistischen Kinderschuhen herausgekommen ist. Sie macht in äußerster Einseitigkeit Israel für die Situation im Nahen Osten verantwortlich. Sie ist auch nicht in der Lage, diesen höchst schwierigen Komplex differenziert zu betrachten. Aber die Fakten, auf die sie hinweist, sind nicht zu übersehen.

SPIEGEL ONLINE: Worin genau liegen denn Ihrer Meinung nach Frau Langers Verdienste?

Brumlik: Ihr Verdienst besteht darin, dass sie sich als Anwältin der in ihren Menschenrechten verletzten palästinensischen Arabern zur Verfügung gestellt hat. Das hat sie auch bewusst als Jüdin getan. Nur der Ton ist eben ziemlich unerträglich. Dass sie zum Beispiel immer wieder Vergleiche zwischen israelischer Besatzungspolitik und dem Holocaust anklingen lässt, ist absurd.

SPIEGEL ONLINE: Muss so jemand denn dann unbedingt das Kreuz bekommen?

Brumlik: Nein, so jemand muss das Kreuz nicht bekommen. Interessant ist die Ehrung ja vor allem dann, wenn man sie in einen weiteren Kontext stellt. Die westliche Führungsmacht, die USA, gehen derzeit mit der gegenwärtigen israelischen Regierung auf einen Konfrontationskurs. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, der CDU-Politiker Ruprecht Polenz, attackiert in ungewohnt scharfer Art und Weise die Siedlungspolitik. Da passt die Verleihung sehr gut in das Mosaik hinein. Der Bundespräsident hat so zum ersten Mal offiziell harsch, wenn auch indirekt die israelische Besatzungspolitik kritisiert - denn was Frau Langer bisher gesagt und gemeint hat, dürfte ja auch im Bundespräsidialamt bekannt gewesen sein. Das ist neu. Daher die große Aufregung.

SPIEGEL ONLINE: Gerät da nicht ein gewisser Stein ins Rollen, der in Deutschland besser nicht ins Rollen geraten sollte?

Brumlik: Ich habe diese Befürchtung nicht. Obwohl man überhaupt nicht ausschließen kann, dass Antisemiten aller Art nun wieder Morgenluft wittern. Aber Antisemiten gibt es auch ohne Frau Langer, was unerfreulich genug ist.

SPIEGEL ONLINE: Die Publizisten Ralph Giordano und Arno Lustiger drohen mit Rückgabe ihrer eigenen Kreuze, sollte Bundespräsident Köhler die Ehrung für Langer nicht rückgängig machen.

Brumlik: Ich kann das nachvollziehen, weiß aber nicht, ob ich es billige. Ich empfinde es schließlich als nicht besonders bedeutsam, eine solche Auszeichnung zu erhalten. Wenn Giordano und Lustiger das Kreuz wirklich ernst genommen haben, dann haben sie jetzt natürlich ein Problem.

SPIEGEL ONLINE: Letztlich geht es doch bei diesen Streitereien immer um die gleiche Frage: Darf man als Deutscher Israel kritisieren, wann ist Kritik antisemitisch? Haben Sie eine Antwort?

Brumlik: Da hat Dieter Graumann, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, recht, wenn er sagt: Kritik an Israel ist grundsätzlich legitim. Wenn sich diese Kritik in Form und Inhalt an den außen-, innen- und menschenrechtlichen Zielen orientiert, die in der Bundesrepublik gelten, wüsste ich nicht, was daran zu auszusetzen wäre.

SPIEGEL ONLINE: Wann ist Kritik an Israel antisemitisch?

Brumlik: Der Punkt ist dann erreicht, wenn man Israel und seine Politik für die alleinige Ursache der Krise im Nahen Osten hält und damit zum alleinigen Sündenbock macht. Selbst wenn sich in Israel die Politik ändern würde, würde das an den dortigen Spannungen vergleichsweise wenig ändern. Und natürlich sind die Menschenrechtsverletzungen Israels in gewisser Weise erklärbar: Sie sind immer auch eine Reaktion auf das, was arabische oder islamische Akteure tun oder lassen. Das hat man zuletzt im Gaza-Krieg gesehen, der ja sehr wesentlich von in der Tat antisemitisch geführtem Iran über die Hisbollah und Hamas mitbefeuert worden ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie forschen seit Jahren über Antisemitismus. Sehen Sie in diesen scheinbar ewig gleichen Debatten in Deutschland eigentlich irgendwelche Fortschritte?

Brumlik: Ich glaube, dass zumindest in Teilen der gesellschaftlichen Linken allmählich ein Erkenntnisprozess einsetzt, dass auch vorgeblich linke Argumente tatsächlich antisemitisch sein können. Bei den Studierenden der Rosa-Luxemburg-Stiftung tobt etwa derzeit ein wütender Streit darüber, ob man Leute, die sich massiv gegen Irans Präsident Ahmadinedschad einsetzen, zu Treffen einladen darf. Was den rechten, konservativen Flügel angeht: Der ist und bleibt, wie er all die Jahre gewesen ist. Da sehe ich keine Veränderung.

Das Interview führte Veit Medick



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