Antisemitismus Herr Behar und die genervten Polizeischüler

Eine Meldung über latenten Antisemitismus von Berliner Polizeischülern sorgt für Aufregung. Einige sollen genervt auf den Vortrag eines jüdischen Gastdozenten reagiert haben. Polizeiführung und Politiker kündigen Konsequenzen an - obwohl noch unklar ist, was wirklich geschah.

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Hamburg - Oft ist es still, atemlos still, wenn Isaak Behar jungen Menschen von seinem Schicksalstag erzählt. Von jenem Sonntag im Dezember 1942, an dem er als 19-Jähriger von einem Besuch bei seiner Freundin Inge zurückkehrt und die Gestapo vor der Tür des elterlichen Hauses in der Berliner Kantstraße stehen sieht. In diesem Moment hat Isaak Behar seinen Vater, seine Mutter und zwei Schwestern verloren, deportiert nach Riga, von den Nazis ermordet. Behar taucht ab, versteckt sich, schlägt sich durch, entkommt den Todeslagern - und überlebt den Holocaust, als einziger der Familie.

Berliner Polizeischule: Antisemitische Auszubildende?
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Berliner Polizeischule: Antisemitische Auszubildende?

Seit fast 20 Jahren gibt Isaak Behar, heute 83 Jahre alt und Gemeindeältester der Jüdischen Gemeinde in Berlin, seine Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus an Schüler, Polizei-Azubis oder Bundeswehrrekruten weiter. Erinnerungen, die er 2002 auch in seiner Autobiografie mit dem Titel "Versprich, dass du am Leben bleibst" veröffentlicht hat. Behar will nicht mit der deutschen Geschichte abrechnen, er will kein betretenes Schweigen, keine lähmende Betroffenheit. Behar will Jugendliche zum Nachdenken anregen, auch zur Diskussion.

Die Diskussion allerdings, die sich vor rund drei Wochen in der Berliner Polizeischule Ruhleben entwickelte, hat Isaak Behar nachdenklich gemacht. Er war als Gastdozent zum Thema Holocaust, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus eingeladen. Doch statt dem Zeitzeugen zuzuhören, dachten plötzlich offenbar einige der etwa 25 Anwärter für den mittleren Dienst laut über einen Boykott der obligatorischen Unterrichtseinheit nach.

"Diskussion in die völlig falsche Richtung"

Die Berliner Polizei bestätigte heute im Grundsatz einen entsprechenden Bericht der "Berliner Zeitung". Danach haben am 27. Februar offenbar mehrere angehende Polizisten gereizt auf den geplanten Vortrag Behars reagiert. So viel steht fest. Was genau sich allerdings im Klassenraum abspielte, ist noch unklar. Die Polizei will vor dem Abschluss interner Untersuchungen keine genaueren Angaben machen. Und Behar selbst war heute für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

Laut "Berliner Zeitung" sollen Schüler erklärt haben, sie wollten nicht dauernd an den Holocaust erinnert werden. Andere hätten längst ausgeräumt geglaubte Vorurteile von sich gegeben: Die Juden seien doch eh alles reiche Leute.

Den Wortlaut der Aussagen wollte die Polizei heute nicht bestätigen. Aus Kreisen des Berliner Polizeipräsidiums war zu hören, dass nach ersten Erkenntnissen zumindest keine strafrechtlich relevanten Äußerungen gefallen seien. Die Diskussion sei auf Basis von Vorurteilen "in eine völlig falsche Richtung" gegangen, eine Richtung, "die nervt".

Auch den Berliner Polizeipräsidenten Dieter Glietsch, zumal er erst mit mehrwöchiger Verspätung und nicht einmal aus der Polizeischule selbst von den Ereignissen erfuhr. Offenbar hatte erst Behar persönlich Glietsch in einem Telefonat beiläufig über die aus dem Ruder gelaufene Unterrichtsstunde informiert. Daraufhin bestellte der oberste Polizeibeamte der Hauptstadt gestern Nachmittag den zuständigen Lehrer und den Leiter für politische Bildung der Akademie zu sich.

"Dabei habe ich den Eindruck gewonnen, dass in einer Diskussion über Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus Äußerungen einiger Auszubildender gefallen sind, die auf nicht tolerierbare Fehleinstellungen schließen lassen", hieß es heute in einer Erklärung Glietschs. Er kündigte an, dienstrechtliche Konsequenzen zu prüfen. Außerdem soll die Polizeischule eine pädagogisch "angemessene Reaktion" vorbereiten. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) versprach: "Wenn die Aussagen so gefallen sind, dann werden sie nicht geduldet und nicht toleriert."

Rechtsextremistische Umtriebe bei der Polizei

Es ist das zweite Mal binnen kürzester Zeit, dass Polizisten wegen möglicherweise antisemitischer oder rechtsradikaler Gesinnung in die Schlagzeilen geraten. Erst in der vergangenen Woche war bekannt geworden, dass drei möglicherweise rechtsradikale Leibwächter zeitweilig den ehemaligen Vize-Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, beschützt hatten.

Auf dem Computer eines der Verdächtigen wurde das verbotene Horst-Wessel-Lied gefunden, ein anderer hatte sich in SS-Uniform ablichten lassen, ein dritter hatte auf seinem PC mehrere Songs mit volksverhetzenden Texten gespeichert. Das Ermittlungsverfahren gegen zwei Beamte wurde inzwischen eingestellt, der Fall beschäftigt den hessischen Landtag.

Bundesweit betont die Polizei stets, dass es kein grundsätzliches Problem mit rechtsradikalen Neigungen im Apparat gebe. In der Berliner Polizei liegen Aufsehen erregende Fälle rechtsextremistischer Umtriebe allerdings noch nicht lange zurück. Im Mai 2006 musste ein 32-jähriger Polizeiobermeister sich wegen des Verdachts der Volksverhetzung verantworten. Er wurde suspendiert wie einen Monat zuvor ein Kriminaltechniker des Landeskriminalamts, der offiziell anmutende E-Mails mit einem fiktiven ausländerfeindlichen Fragebogen an Kollegen versandt haben soll.

Auch an der Berliner Polizeischule waren vor sechs Jahren schon einmal Rassismusvorwürfe laut geworden. Ausländische Polizeianwärter hatten sich seinerzeit von deutschen Ausbildern und Mitschülern diskriminiert gefühlt und an die Gewerkschaft gewandt.

Die Politik ist nach dem erneuten Fall alarmiert. Zwar dürfe nicht die gesamte Polizei in Misskredit gebracht werden, warnte der innenpolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Frank Henkel. Es zeige sich aber einmal mehr, so Henkel, dass Antisemitismus offenbar "weiter latent durch die Gesellschaft wabert". Grünen-Chefin Claudia Roth betonte, Vorfälle wie in Berlin seien keine "Kavaliersdelikte". "Die Sicherheitsorgane sollen die Demokratie und die Menschenrechte schützen und nicht gefährden. Wer das anders sieht, hat dort nichts verloren."

mit dpa und AFP



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