Antisemitismus in Deutschland Deutsche Flagge an der Tür

"Es ist die schlimmste Zeit seit der Nazi-Ära": Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden hat den Antisemitismus in Deutschland harsch kritisiert. Was ist dran an seiner Kritik?

Ultraorthodoxer Jude während einer Pro-Palästina-Demonstration in Berlin: Neuer Antisemitismus?
DPA

Ultraorthodoxer Jude während einer Pro-Palästina-Demonstration in Berlin: Neuer Antisemitismus?

Von Leon Scherfig, Bianca Maley und


Berlin - Ein jüdischer Laden im Westen Berlins, eng zugestellt mit dunklen Regalen: Seit neun Jahren verkauft Jakob Peters hier frischen Hummus und Burekas, die jüdischen Teigwaren. Peters, der eigentlich anders heißt, hat nie Anfeindungen erlebt, fühlte sich wohl, aber jetzt hat sich etwas geändert. Er kramt seine Digitalkamera hervor, zeigt das Display und sagt: "An unserer Kellertür wurde vor zehn Tagen eine deutsche Flagge angetackert." Dann, leise: "Ich verstehe nicht, was das soll."

Seit der Krieg zwischen Israel und islamistischer Hamas in Nahost eskaliert ist, treten in Deutschland antisemitische Ressentiments wieder offen zutage. "Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein": Solche Parolen schrien Demonstranten bei propalästinensischen Demonstrationen in mehreren deutschen Städten. Vergangene Woche warfen arabischstämmige Jugendliche in Wuppertal einen Molotowcocktail auf eine Synagoge.

Dieter Graumann, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, kritisiert die antisemitischen Ausfälle heftig. Die Sprechchöre bei den Demonstrationen seien keine Kritik an Israel mehr. "Das ist purer Hass gegen Juden, nichts anderes", sagte Graumann und zog einen heiklen Vergleich: "Das sind die schlimmsten Zeiten seit der Nazi-Ära", zitierte ihn der britische "Guardian".

Was ist dran an Graumanns Kritik? Hat der Antisemitismus in Deutschland eine historische Dimension erreicht?

Statistisch gehen rund 90 Prozent der antisemitisch motivierten Strafttaten von Rechtsextremen aus. Die aktuelle antisemitisch aufgeladene Stimmung auf deutschen Straßen scheint zu großen Teilen von arabischstämmigen Bürgern auszugehen, die der Ärger über die israelische Offensive gegen Gaza umtreibt. Wissenschaftler und Experten sind sich einig: Der Vergleich zur Nazi-Zeit sei überzogen. Graumann selbst relativierte seine Aussage inzwischen: Er habe nicht die Situation insgesamt gemeint, sondern die öffentlich geäußerten Sprüche. Damals sei der Antisemitismus vom Staat ausgegangen, heute schütze die Politik in Deutschland lebende Juden.

"Stimmung gegenüber Israel erheblich verschlechtert"

Die Antisemitismusforscherin Juliane Wetzel kritisiert Graumanns historische Parallele dennoch: "Solche Vergleiche sind problematisch, weil sie die Situation der Juden in der NS-Zeit trivialisieren", sagt sie. "Ich sehe nicht, dass sich die Stimmung grundsätzlich geändert hätte." Vielmehr sei zu beobachten, dass sich die antisemitischen Vorurteile in Deutschland in den vergangenen 30 Jahren nicht signifikant ausgebreitet hätten. 15 bis 20 Prozent der Deutschen hätten laut Studien judenfeindliche Ressentiments, die Werte seien konstant, sagt Wetzel.

Antisemitismus schlummert also in vielen - und er bricht sich Bahn, wenn es einen aktuellen Anlass gibt. Zwar warnen Forscher vor Verallgemeinerungen. "Grundsätzlich zeichnet sich eine erhebliche Verschlechterung der Stimmung gegenüber Israel ab", sagt der Antisemitismusexperte Wolfgang Benz von der TU Berlin. "Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass es sich um Antisemitismus handelt. Und schon gar nicht um Hetze gegen Juden, die in Deutschland leben."

Dennoch: Die Grenzen sind fließend. Nicht jede Israel-Kritik ist antisemitisch. Doch oft verwahren sich gerade jene gegen den Vorwurf des Antisemitismus, die ihre Kritik mit Klischees über "die Juden" einleiten. Und vor allem in sozialen Netzwerken im Internet und in E-Mail-Leserbriefen an Redaktionen wird im Schutz der Anonymität ohne Scheu gegen Juden gepöbelt und gehetzt. Erste Stichproben für ein neues Forschungsprojekt der TU Berlin, das die moderne antisemitische Sprache in sozialen Medien, Chats und Foren sowie in Online-Kommentarspalten untersucht, zeigten "eine riesige Flut antisemitischen Schreibens".

"Meinem Sohn nehme ich die Kippa ab"

Das Phänomen empirisch zu fassen, ist schwierig. Antisemitisch motivierte Straftaten werden zwar gesondert registriert, doch die Zahlen liegen erst mit Verzögerung vor. In den vergangenen Jahren zeigte die Kriminalstatistik während der Gaza-Kriege jedoch einen Trend. Sowohl 2009 als auch 2012 nahmen Straftaten gegen Juden zu - in beiden Jahren bombardierte die israelische Armee Ziele im Gaza-Streifen. Dieser Zusammenhang sei nun wieder feststellbar, heißt es etwa bei der Berliner Polizei. Dort verzeichnet man seit Ausbruch des Gaza-Krieges erheblich mehr Anzeigen wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Sachbeschädigung.

In der Hauptstadt kam es bisher zu einem gewaltsamen Übergriff: Ein junger Mann mit Kippa wurde Ende Juli auf offener Straße geschlagen. Viele jüdische Bürger zeigten ein "gewisses Vermeidungsverhalten", wie es bei der Polizei heißt: Sie gehen nicht in muslimisch geprägte Stadtviertel und geben sich öffentlich nicht als Juden zu erkennen.

In einem anderen jüdischen Lebensmittelgeschäft, ebenfalls im Berliner Westen, unterhalten sich die Inhaberin und eine Kundin über die derzeitige Lage. Sie sind sich einig: So kann es nicht weitergehen. Die beiden sorgen sich vor allem um ihre Kinder. "Meinen Söhnen nehme ich die Kippa ab, wenn wir zur Gemeinde gehen. Bloß keine Provokation sein", sagt die Inhaberin. Und die Kundin ergänzt: "Ganz ehrlich, wir überlegen jeden Tag auszuwandern."

Mitarbeit: Philipp Wittrock

insgesamt 53 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
_Mensch_ 08.08.2014
1.
Es ist sehr schade, dass Menschen Angst haben müssen. Wenn man mit der Politik Israels nicht einverstanden ist, hat das nichts mit unseren jüdischen Mitbürgern zu tun.
sevastianos 08.08.2014
2. Es ist die Ohnmacht,
und die Tatenlosigkeit der Regierung in Israel, welches zur Zielscheibe Juden macht. Solange dieses verzerrte Bild vom übermächtigen Israel und den "armen" Palästinenser ( Terrorgruppe Hamas ) um die Welt geht, solange wird der Aufschrei der Menschen auf der ganzen Welt gross sein. Die Israelis sollten nach soviel Jahren Krieg verstanden haben dass dieser nicht zu gewinnen ist. Jitschak Rabin, war der einzige der dies erkannt hatte. Jeder Friede hat seinen Preis. Ist es nicht verwunderlich , dass nach dem Ermordung von Jitschak Rabin seine Nachfolger, die nicht auf Frieden aus sind, das Zepter in der Hand hielten für den Frieden und gegen die Gewalt sich ganz klar positioniert haben. Aus diesem Krieg, gehen bei als Verlierer hervor, Israelis wie auch Palästinenser ! Wo sind die Visionäre , wo die Weitblickenden ? Wer hat die Chuzpe, für den Frieden, unpopuläre Entscheidungen zu treffen ? Wo sind die Mutigen, die Starken die ihre Völker in eine bessere Zukunft blicken lassen wollen ? Wo..? Ich sehe leider nur schwache, bornierte, mit Ressentiments belastete und unfähige Entscheidet. Nur das Israelische Volk und das palästinensische Volk können dies entscheiden..
sapalot 08.08.2014
3.
Zitat von sevastianosund die Tatenlosigkeit der Regierung in Israel, welches zur Zielscheibe Juden macht. Solange dieses verzerrte Bild vom übermächtigen Israel und den "armen" Palästinenser ( Terrorgruppe Hamas ) um die Welt geht, solange wird der Aufschrei der Menschen auf der ganzen Welt gross sein. Die Israelis sollten nach soviel Jahren Krieg verstanden haben dass dieser nicht zu gewinnen ist. Jitschak Rabin, war der einzige der dies erkannt hatte. Jeder Friede hat seinen Preis. Ist es nicht verwunderlich , dass nach dem Ermordung von Jitschak Rabin seine Nachfolger, die nicht auf Frieden aus sind, das Zepter in der Hand hielten für den Frieden und gegen die Gewalt sich ganz klar positioniert haben. Aus diesem Krieg, gehen bei als Verlierer hervor, Israelis wie auch Palästinenser ! Wo sind die Visionäre , wo die Weitblickenden ? Wer hat die Chuzpe, für den Frieden, unpopuläre Entscheidungen zu treffen ? Wo sind die Mutigen, die Starken die ihre Völker in eine bessere Zukunft blicken lassen wollen ? Wo..? Ich sehe leider nur schwache, bornierte, mit Ressentiments belastete und unfähige Entscheidet. Nur das Israelische Volk und das palästinensische Volk können dies entscheiden..
Nach jahrzentelangem Blutvergießen erscheint dies aber mehr unmöglich, denn sehr schwierig...
tomrobert 08.08.2014
4. Völlig überzogen.
Im Gegenteil: viele sehen die aggressive Hamas , die noch aggressivere ISIS und dagegen das bedrohte Israel. Es wird immer Idioten geben die Hetze betreiben und alles auf einen einfachen Nenner reduzieren. Das hat allerdings nichts mit der Stellung des Judentums , der Juden oder anderer Religionen in der breiten Ansicht der Bürger in der Republik zu tun. Die Bürger werden nie mehr Rassismus oder Antisemitismus hinnehmen. Es entspricht einfach nicht mehr dem Reifegrad der Gesellschaft.
Segesch 08.08.2014
5. Religionen
Religionen geben vor, für den (Welt)Frieden zu sein, in Realität sind sie jedoch für einen Großteil der Kriege und Gewalt verantwortlich, egal ob Christentum, Islam, Judentum oder fernöstliche Religionen. Vielleicht wäre eine atheistische Welt friedlicher.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.