Kritik von Verbänden Innenministerium will Antisemitismus erforschen - aber ohne Juden

Das Bundesinnenministerium hat einen Arbeitskreis Antisemitismus gegründet. In dem Gremium sitzt aber kein einziger Jude. Kritiker sind entsetzt: "Ein einzigartiger Skandal".

Jude in Berlin: Harsche Kritik am Innenministerium
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Jude in Berlin: Harsche Kritik am Innenministerium


Berlin - Ein Expertenkreis soll im Auftrag der Bundesregierung den Antisemitismus in Deutschland untersuchen, so hat es das Innenministerium beschlossen. Bereits im Dezember hatte Ressortchef Thomas de Maizière die acht Mitglieder benannt.

Nun regt sich deutlicher Protest gegen die Zusammensetzung des Gremiums - denn in dem Arbeitskreis ist kein einziger Jude vertreten. "Das ist ein einzigartiger Skandal", erklärte Julius Schoeps, der Gründungsdirektor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien in Potsdam. "Niemand käme auf den Gedanken, eine Konferenz zum Islamhass ohne muslimische Vertreter oder einen Runden Tisch zur Diskriminierung von Frauen ohne Frauen anzusetzen", kritisierte die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, Anetta Kahane.

Das Moses Mendelssohn Zentrum, das American Jewish Committee und die Amadeu Antonio Stiftung wollen nun eine eigene Expertenkommission gründen. Ihre Arbeit soll speziell die jüdische Perspektive auf das Problem Antisemitismus in Deutschland einschließen. Dieses Konkurrenzgremium zur Regierungskommission soll im März seine Arbeit aufnehmen.

Das Innenministerium weist die Kritik zurück: Die Religionszugehörigkeit der Mitglieder sei kein Auswahlkriterium für den Expertenkreis, sagte eine Sprecherin. Das von der Regierung ernannte Gremium soll innerhalb von zwei Jahren einen Bericht vorlegen. Auch in der vorherigen Legislaturperiode hatte es ein solches Gremium gegeben - jüdische Verbände kritisierten anschließend, dass die Handlungsempfehlungen der Kommission nicht umgesetzt worden seien.

syd/AFP/AP

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