Demo gegen Antisemitismus "Das jüdische Leben gehört zu uns"

Tausende Menschen haben in Berlin gegen den neu aufgeflammten Antisemitismus in Deutschland demonstriert. Zentralratspräsident Graumann kritisierte dabei "schauderhafte Wellen von Judenhass".


Berlin - Mit einer Kundgebung vor dem Brandenburger Tor haben führende Staatsvertreter und mehrere Tausend Demonstranten am Sonntag ein Zeichen gegen Antisemitismus gesetzt. Die Veranstaltung auf Einladung des Zentralrats der Juden stand unter dem Motto "Steh auf! Nie wieder Judenhass!"

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte in ihrer Rede ein entschiedenes Eintreten gegen Antisemitismus. "Das jüdische Leben gehört zu uns", sagte sie. "Es ist Teil unserer Identität." Dass heutzutage Menschen wegen ihrer Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben angepöbelt würden, sei "ein ungeheurer Skandal", sagte Merkel. "Das machen wir alle nicht mit." Diskriminierung und Ausgrenzung dürften hierzulande keinen Platz haben.

"Es schmerzt mich, wenn ich höre, dass junge jüdische Eltern fragen, ob sie ihre Kinder in Deutschland großziehen können oder Ältere, ob es richtig war, dass sie hiergeblieben sind", sagte Merkel. "Wir wollen, dass sich Juden in Deutschland sicher fühlen."

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Demo gegen Judenhass: "Ein ungeheurer Skandal"

An der Kundgebung nahmen auch Vize-Kanzler Sigmar Gabriel (SPD) und weitere Minister sowie Bundespräsident Joachim Gauck teil. Vertreter von Parteien, Verbänden und großen Kirchen waren ebenfalls gekommen. Insgesamt schätzte die Polizei die Teilnehmerzahl zunächst auf rund 4000, die Veranstalter sprachen von 8000 Menschen.

"Schlimmste antisemitische Parolen seit Jahrzehnten"

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, sagte, es habe im Sommer anlässlich des Gaza-Krieges "schauderhafte Wellen von Judenhass gegeben". In den sozialen Netzwerken werde "kübelweise Hass gegen Juden ausgegossen". Graumann sprach von den "schlimmsten antisemitischen Parolen auf deutschen Straßen seit vielen Jahrzehnten". Seine Albträume seien "weit übertroffen worden." Die Juden wollten sich das nicht mehr gefallen lassen.

Besonders ärgert Graumann der Versuch, die Schmähungen mit dem Gaza-Krieg zu rechtfertigen. "Was hat das eine mit dem anderen zu tun, wenn auf deutschen Straßen Juden als Schweine beschimpft werden?" Dies sei purer Antisemitismus: "Wer wegen Israel zum Antisemiten wird, der war längst einer", sagte Graumann.

Die höchsten Vertreter der Kirchen in Deutschland zeigten ihre Solidarität. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider, sagte, die Angriffe auf Juden seien nicht durch Empörung über den Gaza-Konflikt zu erklären. Für einige sei dies ein Anlass gewesen, ihren Antisemitismus öffentlich auszuleben. Der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, versicherte den Juden: "Wir sind Ihre Freunde, wir stehen zusammen, für immer."

stk/dpa/AFP

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