Antisemitismus-Skandal Die schrecklich nette Heimat des Martin Hohmann

Auf seine Wähler kann sich Martin Hohmann, wegen antisemitischer Äußerungen umstrittener CDU-Bundestagsabgeordneter, verlassen. In seinem Heimatort Neuhof bei Fulda muss man lange suchen, um jemanden zu finden, der "den Martin" kritisiert.

Von Yassin Musharbash


Martin Hohmann während seiner Rede am 3. Oktober: Historischer Exkurs zur russischen Revolution
dpa

Martin Hohmann während seiner Rede am 3. Oktober: Historischer Exkurs zur russischen Revolution

Neuhof - "Zum Kotzen" sei das mit dem Martin Hohmann, grummelt Norbert Möller. Einfach zum Kotzen, dass sie ihn so fertig machen. "Der Martin" hat doch nur "ein bisschen was gesagt", etwas, das hier viele denken.

Es ist Samstagmorgen, 10.30 Uhr, in Neuhof bei Fulda, Hohmanns Heimatort. Norbert Möller, Metzger in Rente, grüne Wollstrickjacke über dem kugeligen Bauch, lehnt am Tresen im Gasthof "Deutsches Haus" und versichert, dass er auf "den Martin" nichts kommen lässt. Wer hat ihm denn zur Seite gestanden, als er wegen seines kranken Sohnes Rat brauchte? Und Hohmanns Frau hat ihn, neulich erst, da war er angetrunken, zu Fuß nach Hause gebracht. Zu Fuß! Wer so eine Frau hat, kann kein schlechter Kerl sein. "Der Martin, der geht strack durchs Leben!", tönt Möller. "Gradlinig" heißt das wohl, auf jeden Fall ist es positiv gemeint.

Norbert Möller findet auch, dass "der Martin" Recht hat mit dem, "was er da gesagt hat". Gemeint ist die Rede, die der Bundestagsabgeordnete und ehemalige langjährige Bürgermeister von Neuhof am 3. Oktober vor 150 Zuhörern gehalten hat. Eine Rede, in der Hohmann in einem historischen Exkurs über die russische Revolution die Frage aufwirft, ob "die Juden" mit dem Begriff "Tätervolk" in Verbindung gebracht werden "könnten". "Könnten!" - auf diesen Konjunktiv legt Hohmann Wert. Für ihn ist das die Trennungslinie zwischen Antisemitismus und historischer Betrachtung.

"Wer beherrscht denn Frankfurt?"

Bei Möller, einem der 102.000 Wähler, denen Hohmann sein Direktmandat in Berlin verdankt, kommt das so an: Da sei "schon etwas dran ist", an der Sache mit den Juden. "Wer beherrscht denn Frankfurt?", fragt er in die fast leere Gastwirtschaft. Möller wähnt sich damit ganz auf Hohmanns Linie.

Das Städtchen Neuhof, 14 Kilometer von Fulda entfernt, liegt inmitten gelb-roter Herbstmischwälder. Es gibt acht Ortsteile, die Namen wie "Hauswurz" oder "Dorfborn" tragen, neun Kirchen, fünf Schulen, gutbürgerliche Gasthäuser. Zwischen Wohnhäusern fällt der Blick auf Bauernhöfe, auf Landmaschinen und Zierkürbisse. Neuhof hat 11.595 Einwohner, die meisten sind Katholiken, fast zwei Drittel haben bei der Bundestagswahl Martin Hohmann gewählt.

Abraumberg der Kali und Salz AG: von den Einheimischen liebevoll "Monte Kali" genannt
DDP

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Auf der anderen Seite von Neuhof, einen Kilometer vom Gasthof "Deutsches Haus" entfernt, duftet es würzig aus einem grauen Häuschen heraus. In dem Haus gibt es Platz, eine Art Zwiebelkuchen, "schlachtfrische Würste" und frisch gebackenes Brot. Vor dem Ofen steht eine mit Holzscheiten beladene Schubkarre. Daneben stehen Manfred Ruppel und Waldemar Kappenhöhl, zwei kräftige Typen, und verkaufen ihre Waren. Ein Radio dudelt leise "Kein Grund zur Panik" von Wolfgang Petry.

"Das sind die reichsten Leute, die Juden"

Auch Ruppel und Kappenhöhl haben Hohmann gewählt. Ihnen gefällt, was Hohmann für das Dorf tut. Aber auch, was er über die ewige Täterrolle der Deutschen zu sagen hat. "Solange wir leben, bezahlen wir dafür", klagt Ruppel. Und Hohmann spreche das eben offen aus. "Traut sich ja sonst keiner, was zu sagen." Womit Hohmann auch Recht habe: "Dass die", gemeint sind die Juden, "ja auch Leute umgebracht haben." Ein Kunde nimmt den Faden auf: "Das sind die reichsten Leute, die Juden."

Direkt neben dem Zwiebelkuchen-Häuschen, nur ein paar Schritte die Straße hinunter, liegt das Gasthaus "Schützenhof", eines der älteren Gebäude von Neuhof, sogar mit Fachwerk. Am Mittag gibt es vor dem "Schützenhof" einen kleinen Auflauf: Der Martin ist da! Martin Hohmann trägt einen feinen schwarzen Anzug mit dunkelroter Krawatte. Er betritt den "Schützenhof" und steuert einen Nebenraum an, in dem er von rund einem Dutzend Personen erwartet wird.

Fuldaer Bischof Johannes Dyba: Bis zu seinem Tod 2000 eine Instanz für Hohmann und die Neuhofer
DPA

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Martin Hohmann hat nämlich einen Hirsch erlegt und das muss gefeiert werden. Die "Waidgesellinnen und Waidgesellen" empfangen ihn mit einem Lied, in dem viel "Horrido" und "Waidmanns Heil" vorkommt. Hohmann sieht gut aus, drahtig, durchtrainiert. Er begrüßt jeden einzeln, schaut allen in die Augen. Ein betagter Jagdfreund bringt einen Toast aus: "Für ein neues Zeitalter der Freiheit für unser Volk!".

"Das waren große, gute Worte", lobt Hohmann. "Das ist die Richtung, in die ich marschieren will!" Dann entschuldigt er sich - ein politischer Termin. "Keinen Millimeter nachgeben!", rufen ihm die Jäger nach.

Keiner sagt: Der Hohmann, das ist ein Antisemit

Es ist schwer, in Neuhof jemanden zu finden, der Hohmann kritisiert. Man beginnt zu ahnen, dass sein Auftreten und die Ansichten vieler Neuhofer in Beziehung stehen. Hohmann hält jedes Jahr am 3. Oktober eine Rede, immer geht es um Ausländer, Asylanten, Schwule und Gottlose. An allen Ecken in Neuhof stößt man so auf halbverdaute Versatzstücke Hohmannscher Dialektik. "Der hat das sicher genau recherchiert", sagt die Verkäuferin am Kiosk.

Eine Arzthelferin befindet: "Die" - wieder sind die Juden gemeint - "haben ja in Russland auch schwere Schuld auf sich geladen". Vor der Hähnchenbräterei sagt ein junger Mann: Es sei ja in der Rede darum gegangen, dass die Juden auch selbst Schuld seien. Drei Leute hören ihn, doch der Satz bleibt unwidersprochen. Und wird gefolgt von: "Und wenn dann einer mal das Maul aufreißt, dann drehen die" - wieder sind die Juden gemeint - "einfach den Geldhahn ab." Und wird gefolgt von: "Die Siegermächte haben mehr Juden umgebracht als wir, aber da schwätzt niemand drüber."

Wie ist es möglich, dass solche Sätze unwidersprochen bleiben? Horst Michel, Sozialdemokrat und Ortsvorsteher in Rommerz, drei Kilometer von Neuhof entfernt, versucht das Phänomen Hohmann zu erklären. Versucht zu erklären, warum die SPD in Neuhof keinen Skandal aus der Rede machte. Der bullige Mann mit der durchdringenden Stimme denkt nicht daran, alle Hohmann-Anhänger pauschal für stramme Rechte zu erklären. Er selbst sei vor 30 Jahren als Fremder hierher gekommen und freundlich aufgenommen worden. Michel berichtet von Schwulenpärchen, die sich unbehelligt in Neuhof zeigen könnten. Sobald die Leute hier jemanden kennen, seien sie tolerant. Doch die Toleranz stößt bei vielen schnell an ihre Grenzen. Neuhof liege nur 14 Kilometer von Fulda entfernt, wo bis zu seinem Tod 2000 der erzkonservative Bischof Johannes Dyba wirkte. Das müsse man berücksichtigen, gibt Michel zu bedenken.

 Waidmann Hohmann: "Martin, wir stehen hinter dir!"
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"Ich habe selbst drei Mal die Veranstaltung zum 3. Oktober eröffnet", erzählt er. Jedes Mal habe anschließend Hohmann eine seiner üblichen Reden gehalten. Irgendwann beschloss Michel: "Ich tue mir das nicht mehr an." In Neuhof, erzählt Michel, habe die SPD zu wenig Mitglieder, um die Auseinandersetzung aufzunehmen. Der Vorsitzende dort ist kürzlich verstorben, das Amt wird kommissarisch verwaltet.

"Da stehen Sie mal und sagen: Pfui!"

Am 3. Oktober sei ein Veteran der Neuhofer SPD anwesend gewesen, habe danach sogar Michel angerufen und erzählt, wie schrecklich es war, dass er sich schäme und nicht einmal zum Freibier geblieben sei - aber dass eine Grenze überschritten wurde, hat er nicht gemerkt. "Das ist die Gewöhnung", seufzt Michel. Und außerdem: "Wenn da 150 Leute stehen und frenetisch klatschen - da stehen Sie mal auf und sagen: Pfui!"

Michel, 57 Jahre, Sonderschullehrer, kennt Hohmann gut. Hohmann muss, so klingt es heraus, trotz seiner Ausfälle ein passabler Bürgermeister gewesen sein. Er konnte gut mit den Geschäftsleuten im Ort; die Tennishalle, die Hohmann nach Neuhof holte, sichert ihm die Unterstützung vieler Investoren.

Alle Register eines guten Lokalpolitikers

Neuhof ist wegen des Kali-Werkes weder eine schwache Region, noch ist die Ausländerquote hoch. Hohmann holt dennoch die absolute Mehrheit. "Es ist bedrückend", findet Michels Frau Marlene.

Hohmanns Geheimnis, wenn es so etwas gebe, vermutet Michel, bestehe darin, dass er nett und gesellig sei. Dann falle es den Leuten schwer, ihn zu kritisieren. Dann sagen sie: "Unserem Martin will jemand am Zeug flicken!"

Sonntagvormittag in Neuhof: Die Kirchenglocken läuten. Die Gläubigen tröpfeln in die Gotteshäuser. Die Nicht-Kirchgänger tummeln sich vor den Bäckereien und kaufen Brötchen. Ein freundlicher Ort, in dem niemand dem anderen etwas Böses will. Zum Abschied sagt ein Neuhofer: "Schreiben Sie jetzt bloß nicht, dass wir alle Ausländerfeinde sind!"



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