Antisemitische Kommentare So viel Judenhass gab es im Netz noch nie

Die Zahl antisemitischer Kommentare im Internet wächst mit besorgniserregender Geschwindigkeit. Der Judenhass ist einer Studie zufolge inzwischen "omnipräsenter Teil der Netzkultur".

Kippaträgerin in Berlin
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Kippaträgerin in Berlin

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Antisemitische Äußerungen finden in sozialen Medien und Online-Foren so viel Verbreitung wie noch nie - und werden gleichzeitig immer radikaler. Seit 2007 hat sich die Zahl der judenfeindlichen Online-Kommentare bei großen Nachrichtenportalen verdreifacht.

Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Langzeitstudie der Technischen Universität Berlin, die sich mit der Artikulation von Judenhass im Internet befasst. Das Netz fungiert demnach als Multiplikator, "da es Antisemitismen in großem Ausmaß zugänglich macht, sie global und auf allen Ebenen des Web 2.0 verbreitet und damit der Normalisierung von Judenhass Vorschub leistet".

Es gebe kaum noch Diskursbereiche, in denen User nicht Gefahr liefen, auf judenfeindliche Texte zu stoßen, so die Forscher. Für die Studie wurden Hunderttausende Online-Posts und -Kommentare in sozialen Medien und Foren ausgewertet.

Die Entwicklung in der virtuellen Welt korreliere mit judenfeindlichen Übergriffen, Drohungen und Beleidigungen sowie mit Furcht und Sorge in den jüdischen Gemeinden Deutschlands und Europas, schreiben die Autoren. Im vergangenen Jahr zählte die Polizei bundesweit 1453 antisemitische Straftaten. Es werden jedoch bei weitem nicht alle Fälle gemeldet.

Die "klassische Judenfeindschaft" überwiegt

Die Mehrheit der antisemitischen Äußerungen im Netz bedient sich laut Studie der Stereotypen der "klassischen Judenfeindschaft", die schon vor 1945 den Diskurs prägten (Juden als "Fremde" oder "Verschwörer"). Diese "klassischen" Stereotype sind den Sprachwissenschaftlern zufolge oft auch die Basis für muslimischen und israelbezogenen Antisemitismus.

Letzterer sei "tendenziell auf dem Weg, ein 'politisch korrekter Antisemitismus' zu werden", weil der Widerstand von Zivilgesellschaft, Politik und Justiz bei israelbezogenen Äußerungen am geringsten sei, konstatiert die Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel: "Antisemiten bekommen zunehmend das Gefühl, dass sie offen auftreten können."

Ein Drittel der untersuchten Äußerungen wurde dieser Kategorie des israelbezogenen Judenhasses zugeordnet. Die übrigen Kommentare werden unter dem Begriff "Post-Holocaust-Antisemitismus" gefasst, der mit Schuldabwehr oder Erinnerungsverweigerung verbunden ist.

Die Aufklärungsbemühungen der letzten Jahrzehnte hätten in der Gesellschaft nicht flächendeckend gewirkt, sodass Antisemitismus in Deutschland seit einigen Jahren wieder zunehmend ein besorgniserregendes Phänomen werde. Die Verbreitung solcher Äußerungen habe "ein Ausmaß erreicht, das es nie zuvor in der Geschichte gab", heißt es in der Untersuchung.

Ob rechts, links oder muslimisch: Judenhass unterscheidet sich kaum

Besonders deutlich zeige sich das bei Aufrufen zu Demonstrationen gegen Judenhass, die auf Twitter oder Facebook verbreitet werden. Innerhalb weniger Stunden seien die Kommentare "infiltriert durch Texte mit zahlreichen Antisemitismen und Abwehrreaktionen". Durch die Omnipräsenz von Judenfeindlichkeit werde "das Sag- und Sichtbarkeitsfeld für Antisemitismen signifikant vergrößert und intensiviert".

Trotz unterschiedlicher politischer und ideologischer Einstellungen der User ähneln sich die judenfeindlichen Äußerungen im Bezug auf Stereotype und Argumentationsweisen. Es macht also kaum einen Unterschied, ob die Verfasser zur politischen Rechten, Linken oder der Mitte gehören oder Muslime sind.

Statt offensichtlicher Begriffe wie Juden oder Judentum verwendeten die User oft "Substitutionen wie 'Israelis', 'Zionismus', Chiffren wie 'Rothschild', vage Paraphrasen wie 'jene einflussreichen Kreise' oder rhetorische Fragen wie 'Warum sind Zionisten böse?'". Gleichzeitig sinkt den Befunden zufolge die Tabuisierungsschwelle, sodass sich der Antisemitismus zunehmend in NS-Vergleichen oder Gewaltphantasien äußert.

"Radikalisierung und Enthemmung, die uns mit tiefer Sorge erfüllt"

"Antisemitismus ist nicht bloß ein Vorurteilssystem, sondern ein Weltdeutungs- und Glaubenssystem, das in den abendländischen Denk- und Gefühlsstrukturen verankert ist", heißt es zusammenfassend in der Studie.

Ein Vertreter der israelischen Regierung sagte zu den Befunden, man sei sich des Phänomens bewusst: "Es steht im Zusammenhang mit den muslimischen Migranten und dem Aufstieg der extremen Rechten. Wir sind uns zudem bewusst, dass es mehr antisemitische Angriffe auf den Straßen Deutschlands gibt."

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, erklärte: "Stück für Stück hat eine verbale Radikalisierung und Enthemmung stattgefunden, die uns mit tiefer Sorge erfüllt." Antisemitismus im Netz sei nicht virtuell, sondern eine echte Bedrohung. Das Internationale Auschwitz-Komitee sprach von einem Warnsignal für Politik, Netzbetreiber und Menschen, die sich im Netz engagierten.

Video: "Du Jude!" als Schimpfwort

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mit Material von dpa



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