Antisemitismusforscher Schoeps "Westerwelle redet blanken Unsinn"

Im Antisemitismus-Streit mangelte es den FDP-Verantwortlichen nicht nur an geschichtlichem Verständnis, sondern auch an Einfühlungsvermögen in die Ängste der Juden, meint der Historiker Julius Schoeps im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Der Streit um Möllemanns Äußerungen erinnert ihn an Goebbels' antisemitische Angriffe in den dreißiger Jahren.


Julius Schoeps gilt als einer der renommiertesten Historiker der Bundesrepublik. Seit 1991 ist der 60-Jährige Professor für Neuere Geschichte und Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien in Potsdam. Von 1993 bis 1997 war er nebenamtlich Gründungsdirektor des Jüdischen Museums der Stadt Wien. Schoeps wurde 1942 in Schweden geboren und kehrte nach Ende des Zweiten Weltkriegs mit den Eltern aus dem Exil zurück.
DPA

Julius Schoeps gilt als einer der renommiertesten Historiker der Bundesrepublik. Seit 1991 ist der 60-Jährige Professor für Neuere Geschichte und Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien in Potsdam. Von 1993 bis 1997 war er nebenamtlich Gründungsdirektor des Jüdischen Museums der Stadt Wien. Schoeps wurde 1942 in Schweden geboren und kehrte nach Ende des Zweiten Weltkriegs mit den Eltern aus dem Exil zurück.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Schoeps, die FDP will einen Schlussstrich unter den Antisemitismus-Streit ziehen. Trauen Sie dem Frieden?

Julius Schoeps: So einfach, wie die FDP meint, geht es nicht. Da zieht eine Partei einseitig einen Schlussstrich, als ob nichts gewesen sei und obwohl vieles nach wie vor ungeklärt bleibt.

SPIEGEL ONLINE: Woran denken Sie dabei?

Schoeps: Beispielsweise an die Formulierung Möllemanns, er habe einen Fehler begangen, als er Scharon und Friedman für antisemitische Ressentiments verantwortlich machte. Was heißt das? In der Sache scheint er zu seiner Aussage nach wie vor zu stehen - und bedauert nur, seine Position in die Öffentlichkeit getragen zu haben. Seine nachträgliche Entschuldigung an die Juden in Deutschland ändert an diesem Eindruck nichts. Möllemann hat sich dazu ja nur unter gewaltigem öffentlichen und wohl auch internen Druck bequemt.

SPIEGEL ONLINE: Parteichef Westerwelle betont, die FDP sei eine Partei der Mitte und könne schon deshalb kein Ort für Antisemiten sein.

Schoeps: Die Geschichtslosigkeit, die aus solchen Formulierungen spricht, ist umwerfend. Ich würde Herrn Westerwelle wirklich empfehlen, einen Blick in die Traditionslinien liberaler Parteien zu werfen. Die Nationalliberalen des 19. Jahrhunderts haben den Antisemitismus gepflegt. Auch Teile der FDP in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts waren nie frei von diesem Denken. Es ist einfach unfassbar, was Herr Westerwelle von sich gibt. Er hat ja auch gesagt, sein Vize Möllemann sei ein Demokrat und könne daher schon kein Antisemit sein. Das ist natürlich blanker Unsinn.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Institut forscht über Antisemitismus. Spüren Sie die antisemitischen Ressentiments verstärkt seit Möllemanns Äußerungen?

Schoeps: Ich selbst habe in den letzten Wochen ganz offen antisemitische Briefe und Anrufe erhalten. Die Schreiben waren meist mit Absenderadressen versehen. Vielleicht ist das auch eine Art von Normalisierung, die wir jetzt erleben - dass sich auch in Deutschland Antisemiten öffentlich zu äußern wagen. Vielleicht hat dieses Land in dieser Hinsicht in den letzten Jahrzehnten in einer Art von Anormalität gelebt.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht eine gefährliche Entwicklung?

FDP-Chef Westerwelle: "Empfehle ihm, einen Blick in die Geschichtsbücher zu werfen"
DDP

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Schoeps: Ich will das nicht bagatellisieren, aber zum Glück sind wir hier zu Lande ja noch nicht so weit, dass die Juden sich wieder vor Pogromen fürchten müssen. Dennoch, was jetzt durch Herrn Möllemann ausgelöst wurde, war ein Tabubruch, was leicht zu einem Dammbruch werden könnte.

SPIEGEL ONLINE: Hat dem Westerwelle nicht Einhalt geboten?

Schoeps Hat er das wirklich? Was mich an Herrn Westerwelle und seiner Verteidigungsstrategie stört, ist, dass er offenbar nicht ahnt, wie gefährlich mit diesem Thema gezündelt werden kann. Der Antisemitismus ist eine Art kollektiver Gedächtniskrankheit. Es fehlt so jegliches Sich-Hineindenken in die Ängste der Juden hierzulande.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Führung hat sich von Möllemann distanziert.

Schoeps Das ist richtig und wichtig. Ich habe aber den Eindruck, die FDP ist wieder dort, wo sie in den siebziger Jahren war. Wir erleben wieder das Gegeneinanderarbeiten des nationalliberalen und demokratisch-liberalen Flügels. Das spezifische Problem der FDP ist das Yuppiehafte, das "Uns kann keiner"-Phänomen". Den Verantwortlichen in der FDP mangelt es an Geschichtskenntnissen. Den meisten ist es schlichtweg gleichgültig, in wessen Fußstapfen sie sich da bewegen, ob sie sich antisemitisch gebärden oder nicht. Ihr Motto scheint zu sein: Hauptsache hinzugewinnen.

SPIEGEL ONLINE: War es nicht politisch ungeschickt vom Zentralrat der Juden, während der schlimmsten Phase fast täglicher palästinensischer Terrorangriffe mit solcher Vehemenz die Politik Scharons zu verteidigen?

Schoeps: Es wäre besser, wenn der Zentralrat sich mit Stellungnahmen zurückhielte. Nicht der Zentralrat sollte sich zu Wort melden, sondern in erster Linie die verantwortlichen Politiker. Der Zentralrat ist in den letzten Jahren ja auch von den Politikern und Medien in die Rolle des Moralwächters gedrängt worden. Ich halte das für eine fatale Entwicklung.

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AP

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SPIEGEL ONLINE: Als der Zentralrat der Juden kürzlich in Berlin zu einer Demonstration vor der FDP-Zentrale aufrief, kamen überwiegend Juden. Ist das nicht ein alarmierendes Zeichen für die mangelnde Solidarität der Nicht-Juden?

Schoeps: Die Juden wissen, dass sie im Ernstfall alleine sind. Auffallend war, dass die FDP-Führung sich erst wirklich aufgeregt hat, als Möllemann Altliberale wie Hamm-Brücher, Lambsdorff, Hirsch und Baum angegriffen hat.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Verhältnis zwischen Juden und Nicht-Juden gestört?

Schoeps: Es läuft vieles in die falsche Richtung. Nur ein Beispiel: Eigentlich hätte sich Herr Möllemann für seine antisemitischen Ressentiments zunächst bei seinen Mitgliedern entschuldigen müssen und nicht bei den Juden.

SPIEGEL ONLINE: Wird nicht der antisemitische Wähler den Rückzieher des FDP-Vizes wieder den Juden und ihrer angeblichen Dominanz in den Medien zuschreiben?

Nazipropagandist Goebbels und Ehefrau am 10. April 1932, als Reichspräsident Hindenburg wiedergewählt wurde: Antisemitismus als "Persönlichkeitsdestruktion"
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Nazipropagandist Goebbels und Ehefrau am 10. April 1932, als Reichspräsident Hindenburg wiedergewählt wurde: Antisemitismus als "Persönlichkeitsdestruktion"

Schoeps: So ist es. Möllemann hat sich in gewisser Weise durchgesetzt. Was jetzt geschehen ist, erinnert mich an den Fall des Berliner Polizei-Vizepräsidenten Bernhard Weiß in den frühen dreißiger Jahren der Weimarer Republik. Weiß wurde als Jude vom Nazi-Propagandisten Joseph Goebbels ständig als "Isidor Weiß" beschimpft. Weiß führte zahlreiche Prozesse gegen Goebbels, die er alle gewann. Aber gesiegt? Gesiegt hat am Ende doch Goebbels. Seine Strategie der Persönlichkeitsdestruktion setzte sich durch.

Das Interview führte Severin Weiland



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